Sonntag, 15. März 2015

Gabriel Rios - Produktivmelancholie verloren im (Gross-)Raum. #Konzertbericht


Manchmal sind die Umstände dem Dargebotenen widersprechend. Gabriel Rios kann seit gestern eine traurige Weise dazu anstimmen. 

Er - der puerto-ricanische Sänger, der der Liebe wegen ins graue Belgien übersiedelte (der Liebe wegen! nach Belgien!) trat im Vorprogramm von Selah Sue auf, die wohl fast ein jeder wegen ihres charmanten Konsenspartykloppers Raffamuffin kennt. Die junge Dame mit Band und als Hauptact. Er als Vorgruppe. Mehr noch, eigentlich als minimalistisches Trio, er mit sich und seiner Gitarre. Machen wir mal Mathematik.

Das Astra fasst etwa 1500 Besucher, die allermeisten werden wohl wegen der kleenen Belgierin angereist sein, erwartungsvoll im Großraum des Astra-Clubs ausharrend bis die ersten Takten der Hymnen zu hören sind. Kann man machen. Ich persönlich mag das Astra wirklich sehr gerne, schon alleine wegen der guten Klangqualität, Technik und Techniker sind dort stark verkumpelt, schmeicheln sich gegenseitig mit großem Respekt und enttäuschen eigentlich nie.  Aber ... ja dieses Wort muss hier Erwähnung finden, die meisten Gäste kamen eben wegen einer Band mit Sängerin, die einige Popperlen ins örtliche Radio geschaufelt hat und hatten eben auch diese Erwartungshaltung - wer will es ihnen verdenken? 

Und dann eröffnet kein Hip Hop-Act mit einpeitschenden Warm-Up-Beats den Abend, sondern Gabriel Rios - ein stiller Don Quijote mit Gitarre.

Seine Stimme kann zwar nicht mit dem schier beeindruckende Wechselfalsett eines Asaf Avidan konkurrieren, aber unter den aktuellen Mitstreitern des Singer/Songwriter-Umfeldes sticht er aufgrund der selbstgewählten, hinreißenden Reduktion prägnant heraus. Dieser Mann verlässt sich auf die Wirksamkeit seiner Stimme, die den einzelnen Silben und Akkorden überraschend viel Präsenz verleiht. 

Und so stand er ein wenig verloren auf der übergroß anmutenden Bühne, ein Lichtkegel in der Mitte eines schwarzen Raums, welchen später erst die sechs Menschen der Folgeband ausfüllen konnten. Ein faszinierendes Bild. Aber leider vollkommen fehlplaziert. In einem kleineren, intimeren Kontext wäre hier wahrscheinlich das ein oder andere kleine Wunder geschehen. Hier aber verlor sich die Produktivmelancholie in den Weiten der Halle.

Aber ich sage Chapeau, denn obwohl die ersten Takte im Publikum eher zu Gemurmel, denn zu Interesse führten, applaudierten am Ende des viel zu knapp bemessenen Sets, die meisten Zuhörer. Die einen wohl aus reiner Höflichkeit, einige vielleicht sogar aus reinem Trotz gegenüber diesem unbestimmten Wohlgefühl, welches dieser, sie in ihrer Poperwartung belästigende Sonderling auslöste und nicht wenige aufgrund einer nicht zu leugnenden Rührung, welche durch diese Musik transportiert wurde.

Das Moll aber, welches viele der Lieder Dios schmückt klang trotz aller Mühen gestern sogar noch ein wenig wehmütiger und verlorener im Großraum. Schade eigentlich, denn dieser Mensch, diese Stimme ist und bleibt eine klare Flaneurempfehlung, auch - oder gerade wegen dieser wundervollen Hommage an Leonard Cohen. Eigensinn gehört nicht auf große Bühnen, dort verkümmert er, solange er in der undankbaren Rolle der Vorgruppe steckt.



Keine Kommentare: