Mittwoch, 11. Februar 2015

Ich werf' das Stöckchen mal zurück: Meine (ersten protokollierten) 10 Bücher für dieses Jahr

Es/Alles fing am 1. Februar an, der Ti Leo warf einen Blogpost zu seinen Leseansichten unter dem Titel "Meine fünf Buchvorsätze 2015" einen interessanten Ansatz in dieser Vielleicht-lese-ich-dichosphäre ab. Es ging um Lesen. Holzholzmedienkonsum quasi. Er nannte einige Namen, von denen er dachte, er erhielte möglicherweise erhellende Leseanregungen - einer dieser Angesprochenen war ich. 

Liegt wahrscheinlich an dieser wohlfeilen intellektuellen Aura des Wookies, vielleicht auch am Wissen, dass ich ein Totholzmedienfundamentalist bin. Vielleicht auch an diesem grandios nutzlosen Studienwahl - höchstwahrscheinlich aber lag es an der Symphatie des Nagers für mich. Ich will also kein Spielverderber sein und liefere ... 

Mein aktuelles Buch "Super Sad True Love Story (Gary Shteyngart)" hab ich jetzt nicht in die Liste aufgenommen, da es ja eine Leseabsichtliste ist. Das Buch kann ich aber trotzdem konsequent empfehlen, sehr bitterböses Sittenporträt eines morgigen Heutes. Dystopie im besten Sinne also. Ein Lügenpressenmitarbeiter beschrieb es wie folgt: "George Orwell trifft Woody Allen" - stimmt nicht ganz, es ist eher Orwell trifft Lubitsch und beide zechen hart mit Kafka & Swift. Schnappen, weil richtig gut.

So mal zur Liste. Statt fünf mach ich mal zehn draus - sind ja noch zehn Monate und es bleibt ja einen Leseabsichtsliste ^^^

(#InEigenerSache: Da ich ja wie angekündigt den Flaneur Ende März nach sechs Jahren Zwiesprache mit dem Nichts/Netz crashen lassen werde muss ich mir noch überlegen, wie ich die Rezensionen zu den einzelnen Teten abwerfen werden ... aber es ist ja noch etwas Zeit.)



Anis Mohamed Youssef Ferchichi (Bushido): Auch wir sind Deutschland

Integrationsbambi (wegen der Klicks und der Quote), Stress ohne Grund (mit juristischem Nachspiel), kontroverses Twitterprofilbild, noch kontroverserer Pulli (wegen dem Bart), Spötter, Rapper, Immobilienhai und sogenannter Deutscher mit Integrationshintergrund - heisst Mama ist biodeutsch, Papa nicht - er wird hier geboren. In der deutschen Gen-Arithmetik heisst dit Migrationshintergrund, soso. Das republikanische französische Bürgerrecht würde ihm die Staatsbürgerschaft garantieren und nicht mit einer Bindestrichidentität beschenken. 

Was sagt so ein Typ, der fast täglich von der Gelbpresse hofiert oder in Teasern niedergeschrieben (deren Auflösung natürlich raffiniert hinter Paywalls versteckt sind) wird, über die Befindlichkeitsdiskurse Deutschlands. Zu Sarrazin, zum Bambi, zur Kindheit in Neukölln, zum oft gescholtenen Buschkosky. Kurz gesagt die Meinung eines Schwarzkopfs über das Sprechen über Schwarzköpfe. Bin wirklich gespannt!


Orson Scott Card: Ender's Game

Military Science-Fiction - ich mochte diesen seltsam Genrenamen immer schon. Was is dit? Angeilmagazin für Waffennarren und Genozidromantiker oder ein konsequentes Durchspielen von möglichen kriegerischen Szenarien? Ist dit Unterhaltung und wenn ja, darf die dit überhaupt? Man könnte ja die religiösen Gefühlen der Hjutiugraaaaaaz-Käfer von Blubbblopp verletzen ... ach egal!

Nebula-Award, Hugo ooch, verfilmt sowieso. Über den Film hörte ich nur grauseliges, somit macht mich das Buch natürlich mehr an. Und heute ist es immer gut Sci-Fi von gestern zu lesen, nur um zu testen, wie weit der Autor über das Ziel hinausschossen ist. Naja noch herrschen keine käferköpfigen Kosmobolschewisten (auch wenn manche Dresdner da janz anderes ins Mikro rülpsen) über Teile des Abendlands, aber der Kalte Krieg ist tatsächlich noch nicht zu Ende. Und es geht um Überwachung. Hat also doppelten Tagesaktualitätsbezug.




Mohammed Hanif: Eine Kiste explodierender Mangos

Eine Re-Lektüre. Hab ich kurz nach der Erscheinung gelesen und war schier begeistert, eigentlich lese ich eher selten Bücher zweimal, aber diesmal tue ich's. 1988 fiel der pakistanische, theokratische Diktator plus sein fast vollständiger Militärstab plus ein ranghoher US-Militärattaché aus'm Himmel. Plumps, eine Diktatur wurde enthauptet. Klingt erstma wie ein völlig überzogener Plot eines schnuffnaschenden le Carré-Epigonen, ist aber ein historischer Fakt. Was der pakistanische Schriftsteller Hanif draus macht ist ne äußerst vergnügliche Spurensuche, die immer wieder tatsächliche Ereignisse mit herrlich augenzwinkernden Absurditäten ausschmückt.

Franz Werfel: Die vierzig Tage des Musa Dagh

Die Geschichte eines Widerstandes. 4058 Armenier verschanzten sich für 40 Tage in einer Teppichfabrik an dem titelgebenden Berg Musa Dagh. Werfel griff dieses Thema als einer der wenigen europäischen engagierte Autoren auf und versucht dieses Ereignis dem historischen Vergessens zu entreißen. 

Bleibt nötig, denn - die türkische Regierung kriminalisiert noch heute das reine Sprechen (und somit auch das Erinnern) über den Völkermord an den Armeniern. Türkische Faschisten drohen türkischen Autoren, wenn sie dieses nationale Kartell des Schweigens berühren. Der türkisch-armenische Journalist Hrant Dink zahlte seine Recherchen sogar mit dem Leben, Armenien bleibt ein hitziges Thema. Auch der Mann mit dem Schnurrbart fragte kurz vor dem Überfall auf Polen, wer erinnert sich heute noch an die Armenier?



Assaf Gavron: Ein schönes Attentat

Eins der Bücher, welches schon sehr lange hier liegt, dreimal angefangen, leider immer wieder abgelenkt worden - nun der nächste, der finale Versuch ^^. Was passiert im israelischen Alltag und darf man über diesen Alltag intelligent spotten? Der Protagonist des Romans überlebt drei (oder vier) Anschläge per Zufall und entwickelt sich langsam aber stetig zu einer nationalen TV-Berühmtheit. Quasi der nicht zu tötenden C-Promi. Dieses Buch spricht von ihm, seiner medialen Karriere und von seiner Freundschaft zu einem jungen Palästinensers. Der israelische Autor untersucht mit viel Galgenhumor, sonderbar leichtfüßigem Humor und mit einer gallenschwarzen Weltsicht und oftmals in dieser sogenannten politisch inkorrekten Sprache den Irrsinn des Lebens in Israel.

Toni Mahoni: Alles wird gut

Die Berliner U30er. Mitten im Leben, immer am stolpern, oft besoffen, nie verbindlich, häufig traurig und immer wieder den Spruch auf den Lippen - Alles wird gut - und zwar morgen. Generation Aufschub. Ich bin auf das zweite Buch von Mahoni wirklich gespannt, ich fand "Gebrannte Störche" schon ziemlich lustig und wurde öfter mal in den öffentlichen Nahverkehrskäfigen dümmlich begafft, weil ich mich hemmungslos einpisste vor Lachen. Vielleicht klappt dit ja auch hier.




Marina Lewycka: Das Leben kleben

Alles was ich bisher von Lewycka las, hat mit begeistert, fasziniert und neugierig gemacht.  Der Erstling thematisierte den ukrainische Holodomor, der zweite Roman die Lebensumstände illegaler Erntehelfer in Großbritannien - und dieser Roman behandelt die Shoa. Kann jetzt kann man sagen, wie öde, politische Literatur - tl;dr. Yap, wäre sie halt nicht eben diese grandiose Erzählerin, die ganz beiläufig wirklich schöne Geschichten erzählt und diese mit historisch-politischen Diskursen anreichert und somit nie langweilt. Quasi politische Unterhaltungsliteratur. Bestimmt hat da jetzt auch wieder irgendwer ein Problem mit.

Peter Moore: Swahili For The Broken-Hearted

Ok, Moore muss man vorstellen. Er ist der Gonzopapst der Reiseliteratur. Reiste rum, erlebte schräges Zeugs, bohrte tiefer, erlebte schrägeres und schrieb drüber. So kann man auch ne Karriere aufbauen, warum auch nicht? Er reiste lange mit seiner Soulmate global umher, und eines Tages sagte seine Angebetete: "geh bitte, sag niemand dass du hier (oder mit mir in Rio) warst" (Kenner er/kennen das Sample). 

Er ist todtraurig und tritt (im wahren Wortsinne) die Weltflucht an. Diesmal durch Afrika von Kapstadt nach Kairo. Ich hatte das Buch vor Jahren mal, die ersten 50-100 Seiten gelesen und es dann verschlampt. Und möglicherweise war an dem Abend Alkohol im Spiel, anyway.

Neulich wieder gefunden auf dem Wühltisch eines englischen Buchladens, ich hätte die Tresenkraft am liebsten mit Schoko bemalt. Aber wäre sicherlich als übergriffig wahrgenommen worden ^^. Ich freu mich drauf. Wird vielleicht das erste Buch der Zehn.



Catherynne M. Valente: Die wundersame Geschichte von September, die unter das Feenland fiel und mit den Schatten tanzte

Der zweite Teil des schönsten, anspruchsvollsten und tiefgründigsten Kinderbuch seit Jahren. Superlativschneekanonenkonfetti - ich weiss. Aber, wenn's doch stimmt! Ich war beim ersten Teil schon schier begeistert von dieser mutigen Prosa, die Kinder, statt sie geistig zu entmündigen, ernst nahm.

Eins der wenigen Bücher, die ich in meinem Leben komplett an einem Tag wegfrass. Einfach, weil wundervoll und toll. Und auch weil die Autorin Kinder zutraut auch düstere Figuren als Freunde zu akzeptieren oder glitzernde Wesen als Feinde wahrnehmen zu lernen. Und weil ich in dem Buch das tollste Kinderbuchwesen seit den Scheinreisen fand.

Ich hoffe, ich bin nicht enttäuscht, weil der erste Teil so voller Bleistiftstriche ist - denn ich gestehe, ich unterstreiche tolle Sätze. Und im Erstling sind wenige Seiten frei von Strichen.

Nassin Nicholas Taleb: Anti-Fragilität. Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen

Auch ohne den großartigen Untertitel wäre dieses Buch gekauft worden. Einfach, weil ein Sachbuch pro Jahr Pflicht ist. Weil dieser Mensch eine der Edelfedern des leicht lesbaren Wissenschaftsjournalismus ist und auch weil mich sein könnerhaftes Sezieren von Statistiken in "Der schwarze Schwan" fesselte und faszinierte. 

Der Mensch zertrümmert mit einer nahezu stoischen Gelassenheit statistische Sicherheiten und Kontroll- und Verständnisglaubenssätze. Ein tobender Yogi, der die Tortendiagrammgötzen aus dem Excelsheet schubst. Ein Bilderstürmer, welcher den Weltvereinfachungsgrammatiken der visuell schnieke aufbereiteten Diagrammen der Nachrichtenredaktionen, der Forschungsberichte, der Alltagsbilder laut widerspricht.

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