Sonntag, 11. Januar 2015

Die Schere im Kopf / die Kugeln im Leib #01: Lacht kaputt, was euch kaputt macht.


"The terrorist attack by extremists on Charlie Hebdo was disgusting, and while I don’t condone everything they’ve published, this was the worst reaction any person could have to art. (Alex Newman)"
Wäre der Anlass, wäre der kreative Trigger nicht so unglaublich grausam, ich wäre ich sehr zufrieden damit, dass eine durch mich hochgeschätzte Kunstform - die der politischen Karikatur - eine solche globale Renaissance erlebt. Leider ist dies nicht der Fall, die Angst bleibt präsent. Wahrscheinlich wurde sie sogar größer, fassbarer - durch das Unfassbare.

Mich berührte die Tat aus den verschiedensten Gründen.

Zum einen - sollte inzwischen jeder wissen - liebe ich Comics und insbesondere französische Comics. Und ich war früher (als ich noch einen Katzensprung entfernt wohnte) oft in Paris, diese Besuche endeten eigentlich immer vor der Rückfahrt mit dem Kauf einer Ausgabe des Charlie Hebdos, eines Magazins, welches ich wegen der knallharten, politisch unbequemen und trotzdem witzigen Kante immer sehr schätzte.

Die grandiosen "Beauf"-Strips von Jean Cabut alias Cabu, in welchem er den französischen Spiesser immer sehr solide und erzcharmant auf den Zahn fühlte und seinen Chauvismus und Militarismus entlarvte, liebte ich. Liebte. Leider muss ich diesen Tempus wählen. Für mich noch immer unfassbar.

Auch (oder gerade) bei den politischen Essays der Zeitschrift fühlte ich mich immer sehr zuhause. Diese journalistisch stets sorgfältig aufbereiteten und mit könnerhaft-spitzer, humanistischer Feder verfassten Erkundungen der innenpolitischen französischen Gefühlslagen suchen in Europa noch immer ihresgleichen.

Und diese Essays wurden immer den Karikaturen zur Seite gestellt und damit kontextualisiert - ja diese Karikaturen kratzten nicht selten an der Grenze des Geschmacks, aber die gegenwärtig grassierende Vorwürfe über die ungebrochnene Reproduktion von rassistischen Stereotypen und die mutmassliche antimuslimische Stossrichtung des Magazins & seiner Redakteure teile ich nicht.

Teile ich nicht - nicht nur weil sie verschiedene (hingerichtete) Karikaturisten des Magazins explizit FÜR einen Beitritt der Türkei zur EU einsetzten und dies mit einer breit angelegten Kampagne überstützten, nicht weil sie immer eine scharfe antiklerikale Position gegen ALLE monotheistischen Religionsgemeinschaften Frankreichs vertraten - ich denke diese Karikatur verdeutlicht dies ganz gut.

Laizismus visualisiert. Die Religionen & die Trikolore aka Staat & Kirche sind voneinander getrennt.

 Insbesondere teile ich die Diffamierungen nicht, weil gerade die oft kritisierte Darstellung von Christiane Taubira (einer Ministerin aus Französisch-Guyana) als Äffin keine rassistische Karikatur des Blattes ist - sondern eine Replik auf eine klar rassistisch aufgeladene Publikation in einem rechtsextremistischen Blatt! (die gesamte Publikationsgeschichte ist hier sehr gut aufbereitet dargestellt).

Man kann dem Magazin vorwerfen, dass es mit der modizifierten Re-Publikation des Motivs mit schwierigen visuellen Darstellungen operiert - dem würde ich nicht widersprechen, wenn diese Kritik nicht an einer gefährlichen Dekontextualisierung kranken würde. Alleinstehend wäre es eine ekelhafte rassistische Karikatur.

Aber den Verweis auf das umfangreiche, klar antirassistisch positionierte Essay im Heftinnern zu verschweigen, nur um einen Standpunkt zu unterstreichen - finde ich gelinde gesagt journalistisch  fragwürdig und schamlos. Diese Karikatur ist nicht ohne das Essay zu denken und vice versa. Nirgendwo passte vielleicht der Verweis, das man ein Buch/Magazin nicht alleine durch das Cover beurteilt werden darf.

Weshalb mich die Ereignisse ausserdem emotional erheblich mitnahmen lag daran, dass ich in den letzten Tage oft mit einer in Paris lebenden Freundin skypte, die sich in diesen medial überhitzten 53 Stunden nicht mehr mit ihrer kleinen Tochter auf die Strasse traute, weil nicht klar war was noch passieren wird.

Sie wollte nicht bei einem weiteren Anschlag (der erschreckenderweise ja auch folgte) mit der Kleinen auf der Strasse sein. Wer will es ihr verdenken. Trotz aller Angst geht sie heute zusammen mit der Tochter zum "Republikanischen Marsch" - und ich bin verdammt stolz auch sie!

Ein weiterer Grund, weshalb ich so sensibel auf die Anschläge reagierte ist persönlicher Natur. Ich wurde selbst schon sehr explizit mit der Drohung konfrontiert in einer Gasse, die auf meinem Nachhauseweg liegt, niedergestochen zu werden - so explizit, dass der Beamte, der meine Anzeige aufnahm, mir empfahl, dass ich meine Adresse aus dem Impressum entfernen sollte.

Ich tat es nicht und doch wurde ich stiller - die Zeile

"irgendjemand gerät dann wieder ausser sich und ich will nicht, das man mich auf dem Weg nach Hause ersticht" (Herr von Grau - Klebeband)

war präsent - ist sie immer noch, aber ich will mich nicht mehr verstecken, da es egal ist ob wir schweigen oder uns exponieren - wenn ein Verblendeter einen Entschluss fasst, werden wir ihn nicht daran hindern können.

Daher will ich hier nochmals ganz explizit den bissigen #JesuisCharlie-Text von Deniz Yücel loben, der sich in aller Schärfe gegen Profiteure und Verharmloser des Massakers wendete und in seiner Schärfe mir bei der Entscheidung sichtbarer zu werden sehr half. Danke Deniz! Dies meine ich ernst, hier findet ihr keinen subtilem Spott, keine postmoderne Ironie, keine doppelbödige Distanzierung. Dass Deniz diesen Text in einer "Redaktion unter Polizeischutz"(tm) verfasste möchte ich auch kurz hervorheben, vielleicht hat man dieses kleene Detail ja übersehen.

Und weil es wichtig ist, sich von seiner Angst vor dem Nachhauseweg zu lösen, will ich hier noch auf die Karikatur von Alex Neumann verweisen, denn gerade dieses Motiv bringt die notwendige Brechung von den medialen Inszenierungsstrategien von Kalashnikowkritikern äusserst pointiert in Strich & Farbe.

Repaint your Boogieman! Und weil ihr ja gerne Stephane Hessel - diesen alten Herrn des heiligen Zorns ja gerne zitiert - will ich jetzt auch mal #JeSuisEmpört!

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