Freitag, 26. Dezember 2014

#Listenterror #02 - Des Flaneurs Liebsten: Comics der Rückblick am Jahresende 2014


Ta-Daaaaaaaaaaaaaaaaa! Hier ist sie, die ultimative Liste zu den gezeichneten Höhepunkten des Jahres 2014! Kurze Vorbemerkung - es war ein wirklich gutes Jahr für den Comic. Erst einmal hat der wertgeschätzte Gossenjunge diese Doofvokabel der "Graphic Novel" endlich mit einer verdienten Ächtung versehen, und seit diesem Moment ist die "Graphic Towel" etwas kleinlauter.

Tja, zum Wischen benutzt und mitgewaschen zu werden, macht eben auch versnobte Medienformen traurig. Und nicht nur Plüsch, Power und Plunder-Spieler wissen: Häufiges Mitwaschen kann dich zum Junkie machen! Und da das Graphic Towel einen Funken Restwürde hat, hält es brav den Rand. 

Tooth & Claw (Busiek + Dewey) (Image)

Wenn mich ein Comic dazu bringt, ausführlich darüber zu schreiben (Langreview hier), muss er Qualität aufweisen, oder? Aber ich stimmte diesen Lobgesang nicht nur wegen der Drohgebärden mit Zuckerstangen an, sondern auch weil dieser Comic etwas sehr Großartiges werden kann. Charmantes Fantasynarrativ mit hübsch anzusehenden anthropomorphen Figuren plus ner soliden Dosis gekonnt codierter Gesellschaftskritik, das über die gesellschaftlichen Verheerungen von Krieg und die blinde Magie-/Technikgläubigkeit reflektiert. Busiek zaubert wieder Zeile für Zeile.

Hinterkind (Edginton + Trifogli) (Vertigo)

Endlich mal ein Postapokalypsenarrativ, das nicht mit Erwartbarem langweilt. Keine Zombiehorden, keine Mad Max-Mutanten, sondern eine ausdiffenzierte, vielschichtige Welt, welche am ehesten an einen gekonnten Hybriden aus Game of Thrones und Shadow Run erinnert. Mit den klugen inneren Weltlogiken. Ohne die Technik. Ohne die billige Pornopromo. Die alten Wesen - also die Drachen, Trolle und Elfen kehren zurück, ebenso die Magie. Aus den Trümmern einer alten, kollabierten Kultur - in diesem Falle wohl der unsrigen - treten nahezu ausgerottete Gattungen aus den Schatten und fordern Rache am Menschen, denen man eine Schuld an den Fastgenoziden zuweist. Eine wirklich kluge und sehr philosophische Spurensuche. Wird die nächste Welt eine versöhnende sein, in der eine Koexistenz möglich ist, oder wohnen wir der gnadenlosen Hetzjagd auf die letzten Menschen bei?


Saga (Vaughan + Staples) (Image)

Bonbonbunt, kosmofeministisch, abgründig witzig und grafisch absolut eigenständig! Das Auftauchen von Saga in dieser Liste ist keine Überraschung. Noch immer eine der charmantesten neuen Serien, welche lässig mit Erwartungshaltungen spielt, Heldenfiguren verspottet und dekonstruiert, originäre Charaktere nahezu im Sekundentakt erschafft und dabei noch gnadenlos unterhaltsam ist. Und wer anderes sagt - dem entgegnet eine Katze nur zwei Silben.

Revival (Seeley + Norton) (Image)

Nach Cassandra Hack schält sich die nächste Figur mit Ewigkeitswert aus Seeleys Katalog. Ein Rural Noir mit Wiedergängern - klingt zunächst mal nach Stangenware alle Twin Peaks mit Zombies, aber Seeley liefert etwas sehr eigenes ab. Er addiert zu dem irgendwie altbekannten Plot zahlreiche unerwartete Storylines und schafft somit einen dezidiert politischen Subtext. Eine Stadt steht unter Quarantäne, wegen der Wiederkehr der Toten. Und vor den Toren der Stadt sammeln sich radikale evangelikane Prediger, die dieses Zeichen frenetisch feiern. Ein Comic, der ebenso sehr durch die gehässig-humanistische Kritik an den religiös-fundamentalistischen Weltuntergangserwartungen wie durch die luzide Genrekritik zu überzeugen weiß. 

Trees (Ellis + Howard) (Diamond)

Nach dem letzten aufrechten Gonzocyberjournalisten und den Geschichten um das Dutzend inselbegabter Mutantenkindern nimmt sich der Großmeister des komplexen Plots mal das Sci-Fi-Genre vor. Noch ist unklar, ob es eine feste Gruppe von Identifikationsfiguren gibt oder Hauptcharaktere, bisher gibt es nur eine wiederkehrende Figur. Riesenhafte Bäume, die sich auf der Erde niederliessen. Ein ungeklärtes Mysterium. Was wollen die Bäume? Sind sie friedlich, feindlich, nützlich? Sie platzen in die Ordnung der Welt, stören diese und machen Menschen neugierig, ängstlich, panisch. Ich liebe die Unentschiedenheit des Plots bzw. das bewusst verlangsamte Tempo, mit dem Klarheit oder Orientierung geschaffen wird. 

Nailbiter (Williamson + Henderson) (Image)

Ein harter, gnadenloser Ritt. Bösartig, gewalttätig, düster. Eine (fiktive) Stadt, aus der Dutzende von Serienmördern stammen. Haust das Böse dort? Vergiftet ein Fluch die Seelen der Einwohner, was führt sie auf die dunklen Wege? Was zuerst etwas unglaubwürdig klingt, entwickelt sich nach kurzer Zeit zu einem brillanten Vexierspiel zwischen Fiktion und Fakt. Einerseits übt die Serie Kritik an der nahezu kulthaften Verehrung von Massenmördern. Eine potente und makabere Industrie, was sich auch an dem Erfolgen von Dutzenden us-amerikanischen TV-Formaten ablesen lässt, die immer wieder die "Lovely Psychopaths" thematisieren. Devotionalienhandel inclusive. Andererseits ist Nailbiter eine brillante gesellschaftsanalytische Miniatur. Was ist gut, was böse? Wer profitiert von der Inszenierung des Bösen, wie reagieren die Einwohner der Stadt der Massenmörder auf diesen zwiespältigen Ruhm? Ein rauschhafter Comic, der mehr heiße Eisen anfasst als manch ein Schmied.

Snapshot (Diggle + Jock) (Image)

Zwei Briten tanken Superboshaftigkeit. Ich liebe Diggle spätestens seit seiner bitterbösen Politthrillerdekonstruktion "The Losers", aber dieses im schlichten schwarzweissen Kleidchen daherkommende Juwel der konsequenten Niedertracht lässt mein Nerdherzchen noch heftig pochen. Ein Comicverkäufer mit - naja, diplomatisch formuliert - eher ereignisarmem Leben findet ein Handy und nimmt dies an sich - und somit nimmt das Schicksal seinen Lauf. Ich werde nicht spoilern, ich verspreche euch nur eins: All diese Twists, die Diggle in die nur vier Hefte umfassende Serie hineinpresst und die von Jock einfach kongenial in Szene gesetzt werden, sind einfach nur beeindruckend. 

Southern Bastard (Aaron + Latour) (Image)

Aufmerksame Flaneurleser kennen meine tiefe Begeisterung für den bitterbösen, konsequenten Undercovercop-Abgesang Scalped, mit der Jason Aaron zum ersten Mal (dann aber unglaublich eindrücklich) auf meinem Radar erschien. Daher bin ich immer sehr interessiert, wenn er sich mal nicht an nordischen Göttern, grünhäutigen Tobemonstern oder Old Man Logan versucht. Und ja, dieser Mann ist gnadenlos. Das Bild, welches er über den Süden zeichnet, kennt keine Milde, keine Versöhnung, keine Hoffnung auf Erlösung. Es ist brutal. Grauenhaft real. Und gerade deswegen so unglaublich überzeugend. Der Mut des Einzelnen ist Thema des ersten Storybogens, eine Reflektion über Courage, Korruption, Gewalt und Lebensgier. Das Ergebnis werde ich nicht vorweg nehmen, aber ich verspreche euch, dieser Comic ist vielen ach so harten Krimis in jeglicher Hinsicht überlegen.

Wytches (Snyder + Jock) (Image)

Snyders "Rat der Eulen"-Lauf bei Batman hat schon jetzt als konsequente Erneuerung einer angestaubten Figur Comicgeschichte geschrieben und auch seine erzählerische Klasse bei American Vampire ist unbestritten, aber beide düsteren Narrative sind nichts im Vergleich zu Wytches. Jock bebildert dieses Abarbeiten an tiefsitzenden Ängsten, diese therapeutische Selbstkonfrontation des Autors mit einer traumatischen Erfahrung, in seiner unnachahmlichen grafischen Dichte und gerade diese kombinatorische Grandezza macht diesen Comic so schockierend. Er labt sich an unserer eigenen Angst, denn hier werden keine generationenversöhnende Fledermaushelden oder blutsaugenden Figuren der modernen Folklore thematisiert, sondern echte Ängste. Ängste die überspringen, anstecken, mitreißen.

Le Horla (Guillaume Sorel) (Rue de Sevres)

Der Horla ist eine der interessantesten Figuren der Literaturgeschichte (zumindest nach meiner hier auf'm Flaneur bedeutenden Meinung ;D), sie stammt aus einer Kurzgeschichte von Guy de Maupassant, welche man vereinfacht im Doppelgängerkosmos verorten kann. Aber der Horla ist viel mehr als nur eine verwirrende gedoppelte Figur. Sie stellt vielmehr die erste literarisch konsequent ausformulierte Abspaltung eines Persönlichkeitsanteil dar. Diese frühe psychoanalytische Anordnung erklärt auch die langlebige Wirkungsgeschichte. Der Horla ist quasi die prototypische Erzählung über die innere Zerrissenheit einer  Figur und deren Zertrümmerung. Natürlich interessierte mich dann die Comicadaption des Stoffes sehr - aber ich war extrem skeptisch, ob ein Comic der ausgesprochen suggestiven Geschichte, die gerade von Nichtfassbarkeit der diffusen Figur lebt, gerecht werden kann. Und nach dem ersten Lesen (und den zweiten/dritten/vierten Mal) bin ich schier begeistert von der Qualität der Verdichtung. Stimmig, schlüssig, bildgewaltig und für mich bisher die eindrucksvollste Literaturadaptionen im Comic.  

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