Donnerstag, 25. Dezember 2014

#Listenterror #01 - Des Flaneurs Liebsten: Musik der Rückblick am Jahresende 2014


Ta-Daaaaaaaaaaaaaaaaa! Hier ist sie, die ultimative Liste zum musikalischen Overkill des Jahres 2014!

Ich zähle auf (ohne hierarchisierte Rangfolge) und verliere ein paar Worte. Hater gonna hate. Lovers gonna love & Trolle werden mal wieder ihre schmutzigen Shorts verspeisen - is halt alles wie immer.

Haftbefehl - Russisch Roulette (Urban) 

Azzlackdudeneintrag. Der Babo mit der absolut deutschrapunüblichen Metrik, dem tres französischen Flow und der unverwechselbaren verwaschenen Frankfurt/Offenbacher Ghettozunge machte ja die Höschen einiger Feuilleton-Schreiberlinge arg feucht, und sie verfassten lobende Hymnen. Böse Zungen mutmaßten die Autoren wollten ja nur Schnuffrabatte, aber eigentlich taten sie nur eins - einen guten Job. 

Denn während andere MCs noch immer als die ewigen Epigonen der US-Blaupause nachhecheln, macht der Mann lieber etwas Frisches und Neues - und dieser abartig grandiose Flow gehört ebenso zum neuen, großen Wurf, wie diese unglaublichen Schrotflintenmassakerbretter, die ihm sein Hausproducer schneidert und die er gekonnt reiten kann. Konsequentes, stringentes und kopfzerbrechendes Brett. 

Haftbefehl ist gegenwärtig wohl der authentischste und eigensinnigste Spieler in diesem Spiel und statt Promohack zu stapeln rollt er - der Erneuerer - lieber über Hip Hop wie ein ganze Zoo voller freigelassener Busse. 


 Guts - Hip Hop After All (Heavenly Sweetness) 

Eine dieser Platten, die aus dem Nichts kommen und für immer bleiben werden. Rund, beseelt, charmant und mies treibend. Guts ist - wie der Titel unschwer erkennen lässt - einer dieser ewig hängengebliebenen Heads, die noch an diesen ollen HipHop glauben, der sich mit ner Prise Tightbeat, der Hingabe zur Kunst und exquisiten MC-Skills zufrieden gab. Und daher zelebriert er hier ein großes beatgemästetes Dankesfest für die Götze Hip Hop und dank seines eigenständigen musikalischen Zugriffs machen alle mit - von Murs bis Cody Chesnutt, jeder hebt den Kelch...

... und ja! Alleine schon wegen des brachial ballernden Duett von Akua Naru & Rah Digga hätte das Album von mir ne klare Kaufempfehlung bekommen, aber dann kommen noch die und und und und und unds. 

Nehruviandoom - dto (Lex) 

Ein gestandener Schwarzmagier der düsteren Beatkünste und ein Youngblood, der sich ohne weiteres mit den ganz Großen duellieren könnte - nur um ihnen danach ein Taschentüchlein zum Heuläuglein trocknen reichen könnte - kommen in eine Subszenebar und Lex, der olle Bartender sagt - Deal!

Egal ob man vergnügt auf hüftwuchtigen Herrlichkeiten über kontemplative Silben schreibt oder bei "Darkness" oder "So Alone" mit hingebungsvoller Beatmelancholie schon fast beiläufig Introspektionen in nas'esker Manier (und Qualität)  ins Mikro drückt - hier gründet sich gerade ein Dreamteam, dass in Lichtgeschwindigkeit Titanenstatus erreichen wird.


Team Avantgarde - Absolut (Vinylrelease) (Edit) 

Deutschrapklassiker. Während all diese Horden von pro-Gewalt und anti-Intellekt -Rappern Dende's Spottnummer "Stumpf ist Trumpf" wortwörtlich nehmen machen Edit - als Rapdeutschlands letztes gallischer Dörfchen einfach das Richtigste und publizieren nach 7 Jahren nun endlich die Vinylfassung dieses Meilensteins. Und die Wahrheiten, die Phase schon damals(tm) aus seinen präzisen Alltagsbeobachtungen und -beschreibungen bei "Ein bisschen Koks" destillierte, gelten in dieser pulvergeschwängerten Stadt heute mehr denn je.

Antilopen Gang - Aversion (JKP) 

Paraphrase: Ken Jebsen kotzt im Strahl / und Beate Zschärpe hört U2. Der kompakte Gegenentwurf zum politikfernen Ultramackerrap kommt im Antilopengewand daher. Und diese Verlierer mit Würde sind fraglos die Lieblinge aller Presseerzeugnisse! Sie haben gefühlt mit der kompletten Systempresse gesprochen und dabei freudig die Gläubigen der Minderkomplexität bös getrollt - kein Wunder, dass Jebsenfreunde toben. Und ja, sie haben mit dem eben anzitierten Song definitiv einen Nerv in der Post-NSU-Gesellschaft getroffen. Erfreulich massentauglicher Weckruf. Und ja, auch der Rest der LP beisst zu. Jakob wäre stolz.

Eloquent & wun two - Jazz Auf Gleich (Sichtexot) 

Kaputtgehört. Hätte ich die Files auf Tape mit mir geführt, so wäre wohl auch das Medium durchgehört gewesen, aber aus dem Magnetbandland wurden wir ja vertrieben, wa? Eloquents sperrige, sprunghafte, hochvisuelle Poesie liebt man, oder man schaltet sie aus. Und wer keine skelettierten, gnadenlos reduzierten, staubigen Jazzbeats goutieren kann, wird wohl auch aussteigen und somit auf solch hinreissende Featuremonstren wie "Grenzgänger" mit Loki und Tufu verzichten. Arme Mitmenschen gibts.

Bugseed - Magnetics LP (bugseed.bandcamp.com) 

Dass japanische Beatschmiede etwas abweichend von der Norm sind, sprich oftmals umfassend musikalisch gebildet und mit einem Händchen für komplexe Melodik plus Popappeal gesegnet, wissen Heads ja schon seit Nujabes (RIP) und Krush. Auch wenn Bugseeds restliche Veröffentlichungen durch die Bank weg Sofortempfehlungen sind, diese Platte hat es mir besonders angetan. Vertrackte spacejazzige, dutzendfach gebrochene Miniaturen voller zauberhaft verzerrter Geräusche wie  Glöggz und Zzzstrumms, die Comicsoundwords alle Ehre machen würden. Kopfkinohiphop. Ein vertonter Comic für die Ohren.

Carlos Cipa - All Your Life You Walk (Denovali Records) 

Produktivmelancholisch. Auch das zweite Album des jungen Pianisten schubste mich schon bei der ersten Drehung aus der Umlaufbahn. Reduziert. Entschleunigt. Ernst, ohne Trauer. Im Gegensatz zum Debüt wird neben dem Piano auch minimal mit Elektronica und Loops und Klangschichtungen experimentiert, aber auch hier steht das Instrument mit den 88 Tasten im Fokus des Schaffens. Die klangliche Qualität ist nicht von den Stimmungen zu trennen, die er aus dem Nichts schafft. Perfekte Musik für Regentage. Fahrradfahrten. Löcher in den Alltag gucken. Musik, für all das Leben, welches gelebt werden will.

Avishai Cohen Trio - From Darkness* (RazDaz Recordz) 

7 Jahre nach "Gently Disturbed" folgt das nächste Jazzmeisterwerk aus der Feder von Avishai Cohen. Und auch bei diesem Album wird freundlich und sanft unterbrochen. Und zwar die Linearität. Das Album verweigert sich dem Ganzen, der Totalität. Bruchstückhaft wird das titelgebende Motiv skizziert und umrundet, Dunkelheit. Verdunklung, Schatten, Abwesenheit von Licht, das drohende Ende der Nacht, das Verschwinden der Dunkelheit. Niemals zu verkopft, niemals zu gefällig. Monolithisch, trotz aller Verweigerung. Konsequent und eigen.


 Ez3kiel - Lux* (Ici d'Ailleurs / Broken Silence) 

Man nehme folgende Zutaten: Gekonnten Postrock, druckvollen Dub, solide fauchende Gitarrenwände, eine sehr spezielle und nicht selten düstere Klangsprachlichkeit, perfide Samplefinesse und eine fast greifbare atmosphärische Dichte - man verrühre dies zu ebenso kompromisslosen wie epischen Styleabfahrten, und schon tanzen wir zu den alten Göttern und erbitten die Basserlösung. Vielleicht können wir bald das Lux am Ende des Tunnels sehen. Erhebend.  


(* beides Mal: Publikation in Deutschland erst 2015)

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