Montag, 5. November 2012

Critical Journalism [3v3]: Jon Ronson - Die Psychopathen sind unter uns

Wir kommen zum Ende des #Triples über den kritischen Journalismus - Rezension Nummer #01 & #02 findet ihr unter den Links.

Der dritte im Bunde ist für langjährige Leser ein alter Bekannter - Jon Ronsons beiden Vorgängerbücher wurde hier lobend besprochen und auch  bei seiner aktuellen Veröffentlichung wird sich meine Begeisterung in einem sehr weiten Rahmen bewegen. Ronsons Talent besteht in seiner gnadenlosen Selbsthinterfragung, eine Qualität, die manche schreibende Kollegen durchaus auch schmücken würde.

Der Originaltitel des Buches "The Psychopath Test. A Journey Through The Madness Industry" gibt dem Buch zwar einen anderen Dreh, aber in diesem Fall bin ich mit dem Titel weniger unzufrieden, als es bei Cornelia Fine der Fall war.

Die Handlung des Sachbuchs lässt sich folgendermassen paraphrasieren - Ronson stöberte in den beiden Vorgänger ja in den wirren Welt- und Wahnbilder verschiedenster Radikaler und Spinner, in seinem neuen Buch verlässt er den Pfad der Psychos und erkundet die Diagnose Psychopathie auf die für ihn so eigene investigative Art.

Seine Ausgangslage bilden die Besuche in verschiedenen Heilanstalten, während diesen Besuch unterhält er sich mich psychopathologisch diagnostizierten Patienten und ist überrascht über deren Charme, Cleverness und ihre seltsam anmutenden Übernormalität. In der Folge erforscht er die Prämissen der Diagnosen und testet selbst aus, ob er unter anderen Vorzeichen nicht auch die Parameter erfüllen könnte.

Aus der Auseinandersetzung über die Definition von Normalität und Psychopathologie leitet Ronson eine perfide Medienkritik ab. Er kritisiert scharf die aktuellen voyeuristischen Formate, zu denen sich die quotengedopten Programmchefs gerne Menschen mit grenzfertigen Meinungen einladen, um sie auszustellen, um so von ihren eigenen Wahnsinn abzulenken - so die Meinung von Ronson.

Wie in den Büchern zuvor bilden auch hier die kleinen, episodenhaften Erkundungen des Hauptmotivs - in diesem Falle der Psychopathologie - zu unerwarteten Verknüpfungen und einem sehr komplexen Gesamtbild. In der Draufsicht gelingt es Ronson die Bestimmungen des Krankheitsbildes neu zu kontextualisieren. Was bei den Insassen als mentale Anomalie gilt, gilt in der Wirtschaft als konsequentes Talent. Ronson interviewt einen kalten Sanierer, der deutlich mehr sozial fragwürdiges Verhalten an den Tag legt als die interviewten Patienten.

Ronson zwingt den Leser in seiner klugen Meditation die Definitionen des Wahnsinns genau zu hinterfragen und auch er als Journalist geht hart mit sich ins Gericht. Auch er weiss, dass seine bisheriger Erfolg eben auf dem Ausstellen der "Verrückten" dieser Welt fusst. 

Diese selbstkritischen Einsichten machen das Buch zu etwas besonderem, Ronson ist einer der wenigen Autoren, die ihre Arbeit so gnadenlos sezieren. Dies macht den gesamten Text, diese hintergründige Reise in die Welt der Psychopathen - ob diagnostiziert oder eben nicht - zu einer ausgesprochen glaubwürdigen investigativen Arbeit.

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