Samstag, 3. November 2012

Critical Journalism [2v3]: Cordelia Fine - Die Geschlechterlüge

Im Teil #02 des #Triple [erster Teil - hier] will ich die Taschenbuchausgabe des kurzweiligen Buches von Cordelia Fine vorstellen.

Eine Bemerkung vorweg: Weshalb dieses Buch, das in der Originalausgabe "Delusions of Gender. The Real Science behind the Sex Differences. How our Minds, Society, and Neurosexism Create Differences" heisst, in der deutschen Ausgabe diesen irreführenden, weil tendenziös-plaktiven Titel tragen muss, kann sicherlich nur der Verlag erklären. Ich finde dieser Titel adressiert ein Publikum, welches die Autorin sicherlich nicht anzusprechen gewillt war. Aber dies nur en passsant.

Fine gelingt ein Kunststück. Sie verfasst eine fesselnde, scharfzüngige und brillant recherchierte Studie zum Neurosexismus, die sich nie in spröder Faktenhuberei oder abgehobener Expertendiskursprosa verliert. Vielmehr gelingt ihr ein sehr unterhaltsamer, pointierter Parforceritt durch die aktuellen populärwissenschaftlichen Forschungsergebnisse, welcher an feministischen Seitenhiebe selten geizt.

Nun, ist es keine neue Erkenntnis, dass der angelsächische Wissenschaftsjournalismus der oftmals eher ungeholfenen und schwerblütigen deutschen Forschungsprosa deutlich überlegen ist. Und auch wenn man entschuldigend berücksichtigt, dass die Tradition der verständlichen Wissensvermittlung über die eigene Lehrstuhlfilterblase hinweg in der deutschen Forschungslandschaft noch relativ jung ist, kommt man nicht umhin sich zu wünschen, dass sich diese journalistische Form auch hierzulande endlich durchsetzt.

Fine vereinigt als Autorin vier hervorragende Eigenschaften in sich: Zum einen ist sie eine ausgesprochen versierte Kennerin ihrer Materie und gleichzeitig ist sie eine boshaft präzise Beobachterin, die ihre konzise Ergebnisse in aller Schärfe wiedergibt. Nebenbei ist sie eine begnadete Humoristin. Eine Gabe, die vielen ihrer hinreissenden Spitzen die offensichtlichen Schärfe nimmt. Und auch ihre genüssliche, dekonstruktivistische Methode verdient Erwähnung. Sie jongliert sehr gekonnt mit dem in der aktuellen populärwissenchaftlichen Ratgeberliteratur als wahr angenommenen Erkenntnisse und seziert diese Ausführungen gnadenlos.

Die oftmals wirklich haarsträubend absurden Reduktionen der Ergebnisse der Hirnforschung werden durch die Überspitzungen in ihren dekonstruktivistischen Ausarbeitungen der Lächerlichkeit preisgegeben. Die Hirne von Männer und Frauen sind verschiedenen, raunen die Abertausenden von Büchern, die uns alljährlich von den neuronal bedingten Unterschieden überzeugen wollen. Der implizite Kanon dieser Schriften beschwört eine unumstössliche, unhintergehbare neuronale Geschlechterdifferenz. Kurz - er postulieren einen neuen Sexismus.

Glaubt man dieser Literatur, so ist das weibliche Hirn ausschliesslich auf empatische Operationen hin optimiert, während die diffuse Gefühlshaftigkeit in den dominant räumlich struktierenden Männerhirnen natürlich keinen Platz hat - und dies wird alles im Brustton der wissenschaftlichen Belegbarkeit postuliert. Empirisch nachweisbare Reduktionen.

Fines gekonnte Dekonstruktion dieser haltlosen Differenzpostulation kann nicht hoch genug gelobt werden. Sicherlich existieren hirnanatomische Differenzen, die nicht zu leugnen sind, aber die Ableitungen schrammen mehr als einmal an der Essentialisierung entlang. Die Ratgeber reproduzieren Stereotypen, die längst als überwunden gelten dürfen.

In dieser schnell verkäuflichen und Klischees verstärkenden Literatur verbleiben Männer ausnahmslos in einer Art neuronal bedingten Kindlichkeit, in einem emotional unbewussten Stadium, welches sie weder befähigt Emphatie noch tiefere Emotionen zu empfinden. Räumlich wahrnehmende Roboter aus Fleisch.

Und auch die Zuschreibungen für den weiblichen Teil der Hirnnutzer sind nicht weniger abstossend. Frauen sind zwar emphatiebefähigte Gefühlsübermenschen, aber ihr Einsatzgebiet beschränkt sich daher auf die klassischen weiblichen Sphären der Gesellschaft, wie sie auch Ende des viktorianischen Zeitalters kolportiert wurden, eben Aufzucht & Pflege. Weil Kinder und Gefühlswesen immer schon eine geschlossene Einheit bildeten.

Nicht wenige Frauen und Männer werden sich gegen diese absurden Determinismen zur Wehr setzen und diese mit fragwürdiger Wissenschaftlichkeit verbrämten Stereotypen zurückweisen. Fines Buch kann hierfür eine sehr gehaltvolle Hilfe sein.

Sie zeichnet in eleganter Weise anhand von heutigen und gestrigen (und ewiggestrigen) Textsamplen eine Traditionslinie von den Annahmen alter Sexisten, für die eine Frau, ausschliesslich zur Glättung der sorgenzerfurchten Denkerhirn zuständig war, bis hin zu den aktuellen Ratgebern, die der Damenwelt von einer Karriere im naturwissenschaftlichen Bereich abraten, weil ihre neuronalen Talente sie viel eher für eine steilen Aufstieg im Erzieherhandwerk prädisponieren.

Im Umkehrschluss sollen sich Männer natürlich auch ihrem neuronalen Joch beugen, den freien Willen ruhen lassen und nicht versuchen Pädagogen zu werden - ausgenommen sind natürlich naturwissenschaftliche Fächer, bei denen sie ihren räumlichen Denkvorteil nutzen könnten.

Fine gelingt es über die gesamte Strecke der Lektüre diese an sich lächerliche Herangehensweise nicht zu bagatellisieren - glücklicherweise. Vielmehr arbeitet sie sorgfältig die Langzeitfolgen der Akzeptanz dieser neurosexistischen Sichtweisen heraus.

Wenn Frauen qua ihrer Emphatiebegabung nur noch Frauenkarrieren ansteuern und sich der Mann von der als neuronal bedenklichen Efemisierung lossagt und wieder vollwertige Männerberufe wahrnimmt, dreht sich das Rad der Zeit um mindestens zwei Jahrhunderte zurück. Die Emanzipation beider Geschlechter würde durch den blinden Glauben an diese neurosexistische Texturen zurückgeworfen werden.

In diesem Sinne ist das Buch mit dem seltsamen deutschen Titel ein Paradebeispiel für kritischen Wissenschaftsjornalismus, welcher sich kenntnisreich, wortgewaltig & unterhaltsam pointiert gegen die Rückkehr zu altbekannten Geschlechterklischees unter dem Deckmantel neurowissenschaftlicher Forschung positioniert.

Leider reitet Fine gegen Windmühlen an, denn seit der Publikation ihrer Studie sind sicherlich Abertausende aussagearme Büchlein über das Parkverhalten von Frauen und die Bier&Steak-Männerdiäten über die Tresen der Buchhandlungen dieser Welt gegangen. Ein Tipp bleibt das Buch aber allemal.

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