Donnerstag, 1. November 2012

Critical Journalism [1v3]: Elena Tregubova - Die Mutanten des Kremls



Es wird Zeit für ein neues #Triple, es wird sich um kritischen Journalismus drehen & es ist endlich wieder an der Zeit wieder einmal für Sachbücher zu schreiben. Und da die Moskauer Prozessfarce rund um die Pussy Riots-Mitglieder mehr als einen Grund bot, die aktuelle russische Staatsdoktrin näher zu beleuchteten, will ich den Reigen mit dem brillanten Enthüllungsbuch von Elena Tregubova eröffnen.

Der Untertitel des erstmalig 2003 veröffentlichten Buches ist nach der offensichtlichen Rochade Putins und der anschliessenden, wohlorchestrierten und erschreckend beiläufigen Entmachtung Medwedew nahezu prophetisch. Der Alleinherrscher des Kremls, welcher von manchen als lupenreiner Demokrat verkitscht & von fast jeder größeren Menschenrechtsorganisation als photoshopaffiner Autokrat  kritisiert wurde, herrscht heute wieder - möglicherweise unangefochtener als je - zuvor in Russland.

Diese Herrschaftspraxen sind somit nicht neu und nicht erst seit des gönnerhaften Eingreifens des Kremlfürsten in den Pussy Riot Prozess reibt sich der europäische Betrachter ungläubig die Augen, wenn er den jetzigen Umgang der politisch Verantwortlichen mit der russischen Opposition analysiert. 

Heute, neun Jahre nach der Erstauflage des Buches, hat sich das Spiel gewandelt, die Rollen wurden verfeinert, heute lässt der versöhnliche König Milde walten gegenüber einer Horde brandgefährlicher, gottloser (oder zumindest spottender) Anarchistinnen - so das gegenwärtige Zerrnarrativ der russischen  Politik.
Der tatsächliche Skandal ist aber nicht die absurde Anklageschrift, sondern die fraglos friedensbedrohende und demokratieferne russische Alltagsrealität. Es herrscht ein Klima der Angst, der Gewalt, der Gnadenlosigkeit.

Rechtsextremisten bomben Marktstände von Kaukasiern nieder, fremdländische Studenten werden gebeten ihre Wohnheime rund um den 20. April nicht zu verlassen und Lebensmittel zu bunkern, damit sie nicht von dem jahrelang schamlos verschwiegenen rasssistischen Mob von der Strasse geprügelt werden. LGBT-Demos werden für ein Jahrhundert lang propylaktisch untersagt und der (unbewiesene) Biss eines kritischen Wortführers kann zu jahrelangen Aufenthalten in Arbeitslagern führen.

All diese abstosssenden Fakten sind Grund genug für einen kritischen Rückblick in die frühen Tage der Machtakkumulation des ehemaligen Geheimdienstsmanns.

Elena Tregubova gilt, neben der 2006 ermordeten Anna Politkowskaja, als die bekannteste und profilierteste Enthüllungsjournalistin Russlands -  überflüssig zu erwähnen, dass sie exilierte. Sie war fünf Jahre lang als Kreml-Korrespodentin der russischen Tageszeitung Kommersant tätig und hatte so ausreichend Zeit sich in den Zirkeln der Macht zu bewegen. 


Dort entwickelte sich die (zunächt von Putin umworbene) junge Journalistin zu einer der schärfsten Kritikerin seiner autokratischen Medienpolitik, des brutalen Tschetschenienkriegs, der immer willkürlicher werdenden Antiterrorgesetze und brachte sich selbst in größte Gefahr.

Nachdem ihre Kollegin im Treppenhaus ihres Hauses aus kurzer Distanz erschossenen wurde, forderte ein befreundeter Autor sie zur sofortigen Ausreise aus "Putins Reich" auf, weil er glaubte, sie sei die nächste kritische Stimme, die zum verstummen gebracht werden soll. Tregubova ist sich heute sicher, dass diese Bitte ihr das Leben rettete.

Sie reiste aus und beantragte Asyl in Großbritannien und ihr Erfahrungsbericht über den Aufstieg und den Untergang des unabhängigen Journalismus im postsowjetischen Russland wurde ein Welterfolg.


Jedem, der sich verwundert fragt weshalb sich das heutige Russland so weit von den demokratischen Idealen der Umbruchphase entfernt hat, sei dieses erschreckende Buch empfohlen. 


Es zeichnet den gewollten und durch massive Verhaftungs- und Kriminalisierungswellen erzwungene Abwärtstrend der zivilgesellschaftliche Kräfte nach, beleuchtet die zunehmende Allmacht des FSBs und die Willkürherrschaft der Aktivisten der sogenannten Putinjugend, die in ihrem rasenden autokratischen Personenkult nicht einmal mehr vor der Verbrennung von Bücher missliebiger Autoren zurückschrecken.

Die Aushöhlung der zivielgesellschaftlichen Strukturen Russlands ist kein neues Problem, sondern Teil einer langjährigen Strategie der antidemokratischen Oppositions- und Minderheitenfeindlichkeit. Das Klima, in dem die schamlosen 2012er Schauprozesse stattfinden, nahm bereits vor Jahren seinen Anfang, dieses kluge Buch beschreibt sorgsam die Entwicklungsgeschichte dieses demokratischen Kollapses.


Die Mutaten des Kremls ist nicht nur die hingebungsvolle Verteidigung des unabhängigen, kritischen Journalismus, sondern auch eine gnadenlose, wortgewaltige und pointierte Abrechnung mit dem ehemaligen System Putin & somit sicher mehr als nur ein nostalgischer Lektüretipp für die nun anstehenden  Prozessfarcen, denn bei einem Prozess wird es sicherlich nicht bleiben - die nächsten (Verhaftungs-)Wellen rollen bereits ans Ufer. Lohnend, leider.

Keine Kommentare: