Montag, 8. Oktober 2012

Twitter: Pluralität in 140 Zeichen


Twitter, diese kleene Tool ist für mich folgendes: Manchmal eine massiv enervierende Blödelbude, ein erschreckend grobreizaffines Ragelabor, eine sorgsam gepflegte Shitstormallee und vielleicht das größte Gedankenlabor der Welt - und ich wollte mal ein paar Worte dazu riskieren.

Auslöser für diesen Text war meine (nicht von jeder Seite begrüßte) Entscheidung einen Teil meiner sonderbaren Textausscheidungen auf einen Zweitaccount zu verschieben, weil mir manche Verfolger eine gewisse Spamaffinität zusprachen (womit sie durchaus Recht haben).

Es gab sofort Protest in der Timeline, weil man diese von einigen Menschen gepflegte Account-Schizophrenie nicht schätzt. Und nein, ich war nicht dabei einen Rageaccount anzulegen, also eine dieser Massenvernichtungswaffen der Diskurskultur, mit der man eine Diskussion, bei der man keinen Boden mehr gewinnen kann, hinterfotzig wieder unter Feuer nehmen kann.

Meine Idee war eher einen Neuaccount anzulegen, um zu sehen, ob ich den Aufbau einer treuen Followerstruktur, wie ich sie glücklicherweise beim #digifla habe wiederholen kann. Ausserdem wollte ich einen neuen Sandkasten (mit Haarpschippchen & Chemtrailförmchen), in dem ich meinem Lieblingshobby der Verschwörerverspottung gepflegter nachgehen konnte, ohne die Menschen, die mich wegen meiner Mucke- & Comictipps verfolgen oder meine schnodderige Art der Alltagskommentierung schätzen, zu sehr mit Irrsinn zuzuwerfen.

Aus der Idee entstand eine Ablehnung mit der Begründung, dass meine Pluralität durchaus ok wäre. Mhmmmm. Drüber nachgedacht, Text draus gemacht.

Also. Natürlich muss man Widersprüchlichkeiten aushalten. Wer mich kennt weiss, dass man mit mir prima Battlerappunchline-Pingpong spielen kann, aber auch recht gepflegt über Literatur oder feministische Theorie diskutierten kann. Soweit, so pluralistisch.

Inzwischen bin ich von der Idee des Zweitaccounts, ausser für die ausgelagerte Verschwörerverspottung abgekommen, ich denke tatsächlich, man sollte Pluralität - also Widersprüchlichkeit, Doppelbödigkeit, Unstimmigkeiten, Brüche, wandelnde Positionen oder auch Moodswings bei Twitter einfach in Kauf nehmen.

Warum sollte ich, wenn mir die Galle überquillt, dieses Unbehagen über einen Rageaccount ausdrücken. Sinnfrei. Kann ich auch im regulären Profil. 140 Zeichen bittere Galle ab und an ist schon ok. Solange ich dabei nicht in Kauf nehme, Menschen die ich als Follower schätze anzuschiessen oder gar anzuscheissen. Kommunikation ist halt auch Verantwortung.

Kleiner Exkurs: Ich habe mich bei Twitter nach einer sehr expliziten und sehr ekligen Gewaltandrohung etwas zurückgenommen, wenn es um politische Extremisten geht. Ihr kennt die Herr von Grau-Zeile ...

"Irgendjemand gerät dann wieder ausser sich & ich will nicht, dass man mich auf dem Weg nach Haus ersticht"
 ... aber eben genau diese gewaltbejahenden Pluralitätsverweigerer, die alles an ein angeblich heiliges, ethnisches oder rassistisches Ideal zurückbinden wollen & somit jegliche Abweichung unter Strafandrohung stellen, sind eben genau die Menschen, deren Denken wir gnadenlos bekämpfen sollten. Und gerade wegen ihnen muss Pluralität offensiv betrieben werden.

Und somit wurde aus einer fixen Idee zur Spamreduktion eine lange Reflexion über Kommuniktion und Eigenanspruch und danke liebe Vereinheitlicher, ihr habt mir klar gemacht, man sollte sich niemals dazu herablassen, Facetten, Brüche oder Widersprüche nicht auszustellen, denn sie machen nicht nur meinen Account menschlicher, sondern sie sind vielmehr die Grundlage aller Menschlichkeit. Wir sind viele, auch wenn wir ganz alleine mit uns sind und für diese kleine Lektion danke ich euch sehr.

Paraphrase für die Textverweigerer. Ich bleib wie ich bin & wer Böcke auf gemeinsame Verschwörerverspottung hat, der darf mir sehr gerne auch aufm Zweitaccount (@haarpo_marx) folgen. Über Resonanz zu diesem Text würde ich mich freuen, mich reizt zu wissen, wie ihr diese Dinge seht. In diesem Sinne, der Bruch bleibt das Prinzip & solange das Herz aus der Box tropft, bleibt auch der Beat ein Defibrilator.

1 Kommentar:

Dedalus Root hat gesagt…

Sehr schöner reflektierter Text!
So oder so ähnlich wollte ich mich des Themas auch annehmen. Vielleicht tue ich das trotzdem noch, wenn Zeit und Muße nicht fehlen.

Nachtrag: Für Massenvernichtungswaffen der Diskurskultur gibt's ein extra Wortakrobatenfleißbienchen! Nice one!