Mittwoch, 10. Oktober 2012

Blutsauger, überall Blutsauger!

Wo sind bitte die Blutsauger abgeblieben, die ich so liebe? Diese verwegenen Gestalten des Zwielichts, die immer sprungbereit sind in das Nass einer blutenden Kehle? Was sich heute alles Vampir schimpfen darf, ist ein Sakrileg, ein Verstoss gegen die heiligste aller Schöpfungen - gegen die Unterhaltung. 

Milchzahnige, handzahme Bausparvampire, glatt wie Flusskiesel. Diese blassen Schrumpfformen ihrer selbst dominieren den Bücher- und Comicmarkt. Kein Schaudern mehr, kein Funken dunkler Erotik. Nur noch wollweichgespülte Designerromantik. Es ist ein Elend, man möchte ihnen allen von Punkrock betört einen Pflock tief ins gecastete Herz bohren - fürchtete man nicht zu sehr vor der grausamen Rache der verdorbenen Kinderseelen, die diese Jammergestalten vergöttern. 

Es scheint als sei ganz Gallien verloren - nein nicht ganz Gallien. Einige wenige knochenharte Exemplare dieser liebeswerten, in Reisszahnreihen grinsenden Scheusale begehren auf gegen die blutleere Twillightaristokratie - und natürlich muss ich diese wenigen Philosophen der Bluttat besingen ... 

... denn es ist an der Zeit für eine neue Götterdämmerung, die Gebeine der Popvampire sollen die Altäre bilden, für die Fackelträger dieser uralten Zunft von Meuchlern und Verführern.


Den Beginn des Gegengesangs bildet der vierte Teil der bekennend maliziösen Saga rund um Skinner Sweet, den ersten der American Vampire. Die bislang ausnahmslos grandiose Serie quillt über vor tiefschwarzem Dialogwitz und die Geraden von Scott Snyder sitzen noch immer präzise.

Wer glaubte, diese atemberaubende Serie würde nach dem gewagten und  allzu durchsichtigen Marketingstunt zum Plotbeginn leiden, der hat sich tief ins Fleisch geschnitten. Diese kurze und nahezu unbedeutende Co-Autorenschaft von Stephen King ist eine en passant zu vernachlässigten Fussnote in der Comicgeschichte.

Scott Snyder & Rafael Albuquerque haben einen modernen Klassiker aus den noch dampfenden Innereinen dieses gefällig gewordenen Genres geformt. Blutig, bitterböse und pointiert kommt der rohe Gegenspieler der europäischen Vampire daher. Ein Halunke aus der Unterschicht, ein Parvenü mit erheblichem Überbiss.

Im vierten Teil assistiert Snyder jedoch nicht Albuquerque, sondern der brillante Sean Murphy, der bereits mit Joe, the Barbarian eine markante & unverkennbar eigene Marke hinterlassen hatte. Und obwohl ich die Zeichnung der ersten drei Bände wirklich sehr verehre, gelingt Murphy das Kunststück dieser Serie nochmals einen gänzlich neuen Drift zu verleihen.

Wer die Serie kennt weiss, dass man die Plots niemals reduktiv paraphrasieren kann. Ein Allzuviel an Anspielungen, Zierrat und Nebennarrativen erschwert dies. Daher mache ich es hier recht kurz. Die Vasallen des Morgensterns, diese geheimorganisierte Gilde von Vampirschlächtern glaubt ein wirksames Heilmittel gegen den Vampirismus gefunden zu haben und sieht sich nun in der Lage, die weltweite Epidenie der Wiedergänger wirksam zu bekämpfen - wären da nicht die Nazis.

Richtig, Nazis, diese Menschen in Schaftstiefel und mit Hass im Herzen. Der Banner des Sonnenkreuzes weht über den neuen Sondereinheiten. Murphy gelingt es die historischen Greueltaten an der Zivilbevölkerung hinter der Ostfront glaubwürdig in das Narrativ der vampiresken Raserei einzubetten - denn wo anders als im totalen Krieg ist es den Kreaturen des Zwielichts gestattet ihren Blutdurst so ungehemmt zu stillen. Ja, neben einem spannenden, actionreichen Plot bietet die Zusammenarbeit von Snyder & Murphy sogar so etwas wie eine politische Allegorie an. Wer kann denn da widerstehen?


Eine etwas andere Tonalität und Textur weist der zweite Teil von Ayroles Vampirsage "D" rund um den Vampirdandy Lord Faureston auf. Ich hatte den ersten Teil sehr lobend besprochen (Link hier) und war etwas zwiespältig, ob die Fortschreibung des kurzweiligen Plots gelingen würde. Die Fallhöhe war immens, aber kurz: ja, die Sorge war unbegründet.

Auch der zweite Teil der perfiden Gesellschaftssatire strotzt vor halsbrecherischen Wendungen und überraschenden Storytwists.  Oberflächlich ist "D" ein klassischer franko-belgischer Fantasycomic mit ansehlichen Damen in hinreissenden Roben und tiefen Dekolletees, aber der hintergründige Plot ist gut versteckt hinter diesen vermeindlich vertrauten Äusseren.

Innerhalb des Plots wird der Bruch alter Glaubenswelten und Hierarchien durchbuchstabiert. Auch dies ist vielleicht als eine Allegorie auf den heutigen handzahmen Vampircomic zu sehen. Je massiver und je kranker die Ausfälle sogenannter Glaubenskrieger werden, um so affirmativer wird der Vampir. Seine Rolle als Gegenmodell der fortschrittsgläubigen, empiriegestählten Aufklärung ist ihm schon lange verloren gegangen.
In diesem Comic kulminiert dieser Bruch in einer der widersprüchlichsten Figur der letzten Jahre - Richard Drake.

Drake ist ein weitgereister Gentleman der verblassenden Kolonialzeit. Ein bürgerlicher Aufsteiger, der seine gesellschaftliche Position dem Wagemut und den Aufenthalten in den Kolonien verdankt. In den aristokratischen Kreisen bewegt er sich wie ein Fremdkörper, dem dieser vornehme Stallgeruch nicht eigen ist und doch ist er der vitalste aller Salonlöwen. Viril, imposant und eindrucksvoll. Und auch wenn er ein Mann des Wissens und des Buches ist - so ist er auch vertraut mit den Schattenreichen und den nächtlichen Grauen. Drake ist der Figur gewordene Bruch zwischen Aufklärung und Dämonenglauben.

Mehr möchte ich über diese kongenial beobachtete Sozialstudie, diesem perfide inszenierten Sitten- und Gesellschaftsgemälde eigentlich garnicht sagen. Dies ist ein Comic, der sich wünscht gelesen zu werden, auch wenn er auf den ersten Blick sehr bekannt wirkt. Das Stereotypensterben schreitet weiter voran.

Zu guter letzt möchte ich noch eine heilige Lanze für den Genreklassiker von Steven Niles & Ben Templesmith brechen. Dieses heimstückige Biest von einem Comic wird gerade neu aufgelegt und die Barrow-Trilogie ist der erste Band dieser Sammelbandedition.

Manche werden sich noch erinnern. Barrow, diese kleine Stadt am Rande der Wildnis Alaskas, schneeumweht und im arktischen Winter in 30 lange Tage voller Dunkelheit getaucht. Ein perfekter Jagdgrund für blutgieriges Gesindel. Es war folgerichtig, dass der Film auf Zelluloid gebannt wurde.

Die Finesse der gnadenlos guten Schockerverfilmung bestand in dem brillanten Stilmittel die Vampire in einer eigenen Sprache sprechen zu lassen. Etwas was mit Untertitel und Zischsounds einfacher zu bewerkstelligen ist als mit Text & Tusche. Aber die Idee wurde im Comic geboren & wurde somit nur adaptiert.

Und genau hier liegt die stille Stärke des Comics. Natürlich sind Templesmiths ruppigen, expressiven und verstörenden Zeichnungen mehr als nur ein atmosphärisches Ventil, aber sie wären nichts ohne die drastische Erbarmungslosigkeit eines Niles. Der Plot der Barrow-Trilogie gehört vielleicht zu dem besten was die Horrorsparte des Vampircomics zu bieten hat. Alte, sehr alte Geschöpfe der Vormoderne zeigen eindrucksvoll auf, wie fragil und brüchig der Menschen Welt ist. Die Krone der Schöpfung wird da auch mal zur Beute sehr viel perfiderer Bestien.

Natürlich haben schon Aberdutzende Vampirstories den Menschen zum gejagten Tier gemacht, aber selten war er so schutzlos wie in Barrow. Die Gegner sind übermächtig. Organisiert, nachtaktiv, scharfsichtig & pfeilschnell, wen wundert es, dass man sich da fix wie ein waidwundes Gnu in einer eisdurchwirkten Serengeti fühlt, welches umringt von zornigen Augenpaaren ist. Kurz gesagt Genreklassiker. 

So und jetzt holen wir uns den Rest von Gallien zurück. Oder?

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