Freitag, 3. August 2012

Emmanuel Lepage - Reise zum Kerguelen-Archipel


Eine Bemerkung vorweg - nur sehr wenige Comics haben mich in den letzten Jahren ähnlich fasziniert wie Lepages neuster Geniestreich Reise zum Kerguelen-Archipel, daher bitte ich etwaige Überschwangsformulierungen, die auftreten können, wenn ich aus der gebotenen, kritischen journalistischen Distanz desertiere zu verzeihen. Lobgesang is not a crime!

Eine Frage trieb mich beim Lesen dieses Titels immer wieder um. Der Reisebericht eines Comiczeichners, der auf einem Versorgungsschiff zu den südantarktischen Überseegebieten Frankreichs reist - kann so etwas am deutschen Markt überhaupt funktionieren? Oder scheitert dieser elegante Comic am Desinteresse des Lesepublikums?

Der Titel selbst ist ein tatsächlich überraschendes Format im Portfolio des Splitter-Verlags, der sich bislang seinen Schwerpunkt auf frankobelgische Fantasy- und Science Fiction-Comics gesetzt hatte. Man hätte diese Veröffenlichung eher bei Schreiber & Leser, dem avant-verlag oder auch bei reprodukt erwartet. Aber diese Bemerkung gilt natürlich nur en passant.

Fakt ist - der Verlag hat einen formschönen, aussergewöhnlichen Comic publiziert. Erfreulicherweise verzichtete man hier auf das gegenwärtig bestehende Design der jungen Graphic Novel-Reihe im Verlag und veröffentlichte den Titel nicht im Kleinformat, sondern in einer Gestalt, die Ankläge an schwere Atlanten hat. Diese kluge verlegerische/buchbinderische Entscheidung muss man begrüßen, denn somit lädt  der Comic bereits vor seinem Aufschlagen zum Träumen ein.

Der Titel selbst lässt sich nur schwerlich fassen, er oszilliert zwischen zahlreichen Erzähltraditionen und überlappt mehrere Genregrenzen. Am ehesten könnte man ihn als eine Synthese aus Reisereportage, Skizzenbuch & Tagebuch fassen, dabei würde man aber die zahllosen Anspielungen und Zitate des Comics unterschlagen. Vielleicht schafft eine Illustration etwas mehr Klarheit ...


... Lepage rekurriert innerhalb des Comics immer wieder auf seine Kindheit, auf seine Faszination für Karten, Seefahrerroman und Schiffe - diese maritimen Motive können als Chiffre begriffen werden, als Rückblick auf die Wurzeln für seinen späteren Werdegang zum Comiczeichner. Sie bilden die Grundlage seiner Leidenschaft, die er später zum Beruf machen konnte. 

Und so gerät diese Schiffsreise in eine der am spärlichst befahrenen Schifffahrtsregion der Welt auch zu einem introspektiven Auftauchen in das Bewusstsein des Zeichners. Abseits von telefonischer Erreichbarkeit, Breitbandinternetverbindung und anderen Ablenkungen wird er ganz auf sich zurückgeworfen und auch auf seine Mitreisenden, die für die kurze Zeit der Reise eine verschworene Gemeinschaft bilden.

Lepage vermischt gekonnt Literatur- und Seefahrtsgeschichte und mischt Sehnsuchtsräume, philosophische Abschweifungen, sowie historische und literarische Exkurse unter seine deskriptiven Schilderungen. Er skizziert das Personal des Schiffes und flankiert die Portraitierten mit Kleinsterzählungen, parallelisiert die heutigen Matrosen (und Mitreisenden) mit den Schiffsbesatzungen seiner Jugendbücher. Und macht so einen sehr emphatischen, nahezu intimen Einblick in die Motivationen der einzelnen Reisenden möglich.

Seine Naturschilderungen sind atemberaubend. Und dem Zeichner, dem das Meer bislang nur vom Ufer her bekannt war, gelingt die Übertragung dieser Faszination. Seine leisen, unaufdringlichen Notizen und seine brillanten, eindrucksvollen Illustrationen wirken noch lange nach, auch nachdem man den Comic zugeklappt hat. Kann man einem Künstler ein größeres Kompliment unterbreiten - ich denken nein.

Der Titel selbst wird es in der heutigen Zeit schwer haben. Er muss bestehen neben grobreizorientierten, schnellen, atemlosen Geschichten und rasch hingeworfenen Szenarien. Aber gerade in dieser nahezu meditativen Herangehensweise liegt die Größe dieser Veröffentlichung, die alle Potentiale der Neunten Kunst gekonnt zusammenbindet.

Lepage hat einen langsamen, beeindruckenden Reisebericht geschaffen, der von dem Leser ebenso langsam erschlossen werden will. Wirken die Bilder des Comics beim ersten, flüchtigen Durchblättern noch disparat und unzusammenhängend, erschliessen sie sich bei der ersten Lektüre als ein brillant durchchoreografiertes, stimmiges Ganzes.

Die Wucht, mit der manche Bilder wirken, kann in einer schriftlichen Annäherung niemals fassbar gemacht werden, weil diese fragmentarisierte Betrachtung dem Zusammenwirken zwischen den schön anzuschauenden Farbspiele der Aquarellzeichnungen, der originellen Porträtskizzen und der pointierten Figurenzeichnungen nicht gerecht werden kann.

Ebenso muss auf eine nähere Betrachtung der bewegenden inneren Monologe des Zeichners verzichtet werden. An diesem Titel muss eine schriftliche Annäherung scheitern - und genau hier wird die narrative Überlegenheit des Comics deutlich sichtbar.  

Lepage arbeitet nach einem altbekannten Prinzip, mit dem Naturforscher, Entdecker, Ethnologen seit Jahrtausenden arbeiten - das Feld der deskriptiven Beschreibung wird dann verlassen, wenn eine Visualisierung der Orte ertragreicher scheint. Er kombiniert gekonnt Gedankenfragmente und rasch skizzierte Orte und schafft in dieser Kombination einen sinnlichen Wahrnehmungsraum, der sich weigert sich auf die Worte alleine zu beschränken.

Durch diese bewusste kombinatorische Wahl der Mittel gelingt es ihm auch unbedeutenden Situationen, wie das Rauchen an Deck in einer stürmischen Nacht (siehe folgendes Panel) zu etwas Aussergewöhnlichem zu machen. Ein Comic der zum sich zwischen den Bilder verlieren, zum Träumen und zum sehnsüchtig werden einlädt. Ich wünsche ihm viele faszinierte Leser.




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