Montag, 9. Juli 2012

Comics & Literatur (1v3) - Chapeau, Herr Rimbaud


Das nächste Triple wird sich mit literarischen Adaptionen im Comicformat beschäftigten. Vorstellen werde ich die folgenden Titel:

Straboni & Maurel - Chapeau, Herr Rimbaud (Matthes & Seitz Berlin)
Onfray & Le Roy - Nietzsche (Knaus)
Ricard & Mael - In der Strafkolonie (Knesebeck)

Comics & Literatur (1v3)
Leider wurden in letzten Jahre mehrere Comicadaptionen von literarischen Texten veröffentlicht, die formell nicht das gesamte Potential der Gattung nutzten. Oftmals handelt es sich hierbei nur um äußerst werknahe Illustrationen des vorliegenden Textes, die zumindest von mir als unbefriedigend erlebt wurden, aber glücklicherweise ändert sich dieses Vorgehen bereits. Der heute vorgestellte Text ist hierfür ein sehr eindrucksvolles Beispiel, da er als augenzwinkernde biografische Fiktion agiert.

Nicht jeder Leser wird sofort mit dem Namen Arthur Rimbaud etwas anfangen können, daher möchte ich eine kurze Einführung voranstellen. Trotz seines nicht wirklich umfangreichen schriftstellerischen Werkes gilt der französische Lyriker als prägende Kraft des Expressionismus & des Surrealismus gleichermaßen und wurde aufgrund der unbestrittenen sprachlichen Wucht & seiner stilbildenden assoziativen Dichtungen weltbekannt.
 
Seine literarische Herangehensweise wurde später als der fundamentale Erstimpuls der "écriture automatique" definiert. Aber abseits der literarischen Arbeiten war Rimbaud ein offener Symphatisant der Pariser Kommune und galt, jenseits dieses politischen Aktivismus, als Abenteurer, Weltenbummler und bekennender Bonvivant. Er kann auf eine bewegte Biographie voller Brüche zurückblicken.

Ihn verband eine unglückliche, schwierige Liebe mit seinem Dichterkollegen Paul Verlaine und nach dem Bruch ihrer gemeinsamen Zuneigung und seiner Inhaftierung während der Niederschlagung der Pariser Kommune 1871 floh Rimbaud aus Frankreich. Er heuerte zunächst bei der holländischen Kolonialarmee an & desertierte später aus ihr - was ihn zu einer gesuchten Peron machte und ihm eine Rückkehr nach Europa verunmöglichte.

Auch mit der Literatur brach er - seine Aussage "Die Poesie ist nichts als ein Schwindel" kann als Schlüsselformulierung seines weiteren Lebens gelten. Der Lebensweg des "Königs der Dichter" endet im Jahre 1886 in Abessinien. Hier agiert er als Waffenhändler - an dieser Stelle setzt auch der Comic ein.
Dichter und Waffenhändler, Schöngeist und Lieferant von Tötungswerkzeugen, dieser Widerspruch ist reizvoll, weil er unergründlich bleibt. Ihn treibt keinerlei politischer Impuls an, er versorgt keine Subalternen mit Waffen oder unterstützt antikoloniale Aktivitäten - er liefert dem Meistbietenden.

Der auf literaturwissenschaftliche spezialisierte Verlag Matthes & Seitz publizierte diesen formschönen Comic in Vorbereitung auf die Veröffentlichung einer Edition der Briefkorrespondenzen Rimbauds, als zusätzliche biographische Quelle. Leider wird dieser Titel somit der einzige Comic im Portfolio des Verlags bleiben.

Stilistisch lässt sich eine große Nähe zu dem Strich Hugo Pratts benennen, wobei die schwarzweissen Zeichnung dieses Reiseberichts deutlich häufiger dem Funny zuneigen und mit dem durchgängigen Realismus eines Pratts brechen. Dieser hybride Charakter macht den Comic auch zu etwas höchsteigenständigen, der zwischen der liebevollen Hommage und der ironischen Persiflage changiert.

Ein Dichterfürst auf Abwegen. Dem Leser wird Rimbaud als der Perspektive des Korsen Jean-Roch Folelli geschildert. Auch er ist ein ehemaliger Kommunarde, der nach dem Mord an einem Priester ruhelos durch die afrikanischen Kolonien streift. Während dieser Odyssee schliesst er sich der Karawane Rimbauds an & begleitet ihn fast ein Jahr lang durch die Wüstenlandschaft Abessiniens.

Straboni & Maurel fokussieren sich auf diese afrikanische Episode und vernachlässigen jedes weitere biografische Detail. Hierbei bekennen sich sich hingebungsvoll zu ihrer künstlerischen Freiheit. Dieser Comic will kein dokumentarisches Vehikel sein, sondern eine raffinierte, mit Phantastereien angereicherte Erzählung abbilden und unterhalten.

Diese Einschränkungen kann man als unbefriedigend oder verkürzend empfinden, jedoch gelingt den beiden Autoren fraglos ein bezauberndes Porträt zweier, sich ständig im Widerstreit befindender Figuren, deren Reibungen berühren und zum Nachdenken anregen.

Beiläufig wird über Poesie, das politische Potential der Phantasie, verlorene Ideale, biografische Irrwege, Radikalisierung, Kränkungen, die europäische Geschichte und  den Zweck & die Schöpfungsmacht von Dichtung reflektiert. "Chapeau, Herr Rimbaud" ist weit mehr als eine launige Biografie, sondern eine raffinierte Selbstbetrachtung von Literatur, deren Ergebnis so einfach wie brillant ist.

Selbst wenn alle "Poesie ist nichts als ein Schwindel" ist, bleibt sie unverzichtbar zum Erzählen guter Geschichten, zum Verdichten von Widersprüchen, zur Illustration brüchiger Biografien - und in diesem Sinne hat dieser Comic alles richtig gemacht, denn er verliert sich nicht in einer überraschungsarmen bebilderten Nacherzählung eines bereits bekannten Stoffes, sondern nutzt das gesamte Potential beider Gattungsform um einen unorthodoxen, neuen Blick auf einen schwer fassbaren Poeten zu werfen. Ich hoffe auf Nachahmungstäter.

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