Sonntag, 1. April 2012

Misanthrop - Oberflächenkratzer ... Vorsicht Etikettenschwindel!



Titel-Text-Bridge: Vorsicht, Trojanervideosingle. Hier (wie auch beim Album) gehts um tiefgründiges und nicht um Oberflächen.

Nee, der Münchner Querkopf-MC Misanthrop hatte, trotz brillantem Storytelling + für Deutschland ungewohnter Intellektualität, bisher keine breite Fanbase und dies wird sich auch mit dem inzwischen 6ten Album Das Ungeheuer und sein Kritiker nicht grundlegend ändern. Dafür ist der Typ einfach ne Spur zu eckig - Quatsch zu kantig und seine Texte zu hintergründig - Quatsch zu hinterfotzig und auch wenn die Beats und Pattern auf dem aktuellen Album etwas eingängiger wurden, ist dieser Mann bestimmt kein Einwohner des Landes Pop.

Ne Skizze: Stellt euch einen belesenen Studentenrapper vor, der einen Rucksack voller klassischer Bildungsbürgergesten auf die Strasse kippt und damit die Gangsta zum Kotzen treibt, denn sie können weder mit dem gut gesetzten, gehobenen Vokabular, noch mit dem eigensinnigen Flow, noch mit der Stimmigkeit seiner Narrative konkurrieren. Der Typ da - dieser Student - redet und punktet ohne Satzzeichen und Komma und verliert auch in der vertracktesten Line nicht den Druck.

Also müssen sie wieder ihre Felgen streicheln oder verlegen auf die protzigen Uhren starren, während ihnen dieser zwingende Zuhörhiphop-Shit der unruhigen Indie-Gangart entgegenbrandet mit seinem ausgewiesenen Faible für lyrische Backpfeifen und einem Fetisch für die stimmigen Visualisierungen von Missständen. Ein Silbentsunami, der sicherlich nicht die Scheisse aus den Charts spült, aber durchaus für Wirbel im interessierten Segment sorgen wird.

Kurz gesagt: Wer einen stromlinienförmigen, die immer gleichen alten Klischees abfeiernden Raptrottel sucht, der hassfressenartig versucht seine im "Game" lebensnotwendigen Statussymbole zu akquirieren, der wird hier seine bitteres Gegenmittel finden, der menschenfreundliche Menschenhasser tickt einfach anders - erfreulicherweise! Misanthrop weicht auch weiterhin keinen Mü von seinem Blingblinggossip verachtenden Stil ab, deswegen glänzen seine Texte ja auch wie edles Geschmeide.

Sie geben eben keinen Fick auf Rapbizbefindlichkeiten. Germanistenrap wird der Mob sagen & ich sag - richtig, aber mir ist die intelligente Unterhaltung mehr wert als der Artenschutz für das nächste messerstechende Ghettopflänzchen. Wer mich jetzt elitärer Arsch schimpfen will, ihr kennt ja die Kanäle.

Sperrig - keine Frage, nichts für alle Tage & jede Stimmung und trotzdem gehört Maschinenmensch für mich nach den Die hängenden Gärten der Semiramis zu den wenigen Rapsongs, die dir Bild nach Bild in deinem Kopf klatschen, den Puls beschleunigen & erheblich länger nachwirken als man es ihne beim ersten Hören zutrauen würde. Misanthrop is ein wenig das Blixaäquivalent der Szene - deshalb passt Neubautenrap, irgendwie.

Fazit: Souveränes, dezidiert politisches Album, dass sich nicht mit Parolen zufrieden gibt und dessen Beatgerüst trotz aller Indieattitüde ordentlich Gas gibt. Strassenkampf & Maschinenmenschen sind nur zwei Themenfelder der Platte, an der man sich ne janze Weile abarbeiten kann und die nach all den lästigen Breitlinggesängen echt mal wieder gut tut, eben weil sie eben weh tut. Mehr Infos über den sonischen Menschenhass findet ihr auf Misantropolis. Flaneurmusique.


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