Freitag, 30. März 2012

Aphroe - 90. Die letzte Etappe vor dem Kavaliersdelikt?


Man hat mich mal erstaunt angestarrt, als ich Aphroe den deutschen Rakim nannte. Es stellte sich heraus, dass man zunächst glaubte ich meine Afrob und da passte diese Adelung, nach Meinung der Starrer (und meiner) nicht wirklich. Dann aber stellte sich ebenfalls heraus, dass die Starrenden RAG nicht kannten, also ultraschallsehbehindert waren und mit den Westwinde völlig unvertraut. Da konnte ich dann auch nur noch süffisant grinsen. 
 
Was sich in dieser kleenen Story verbirgt ist dreierlei: Zum einen, die erschreckende Tatsache, dass in der breiten Masse, einer der tiefsinnigsten, komplettesten MCs Deutschlands noch immer relativ unbekannt ist. Zum zweiten dass man den heimischen Gewächsen nicht zutraut, dass sie sich von der ehemals stilbildenden Ziehmutter emanzipiert haben. Zum dritten UND was am wichtigsten ist, man verstand den Vergleich überhaupt nicht, weil die historische Perspektive fehlte. 

Für die meisten war Rakim halt auch nur dieser Typ, der damals ma in den Charts war & den man bei den Black-Urban-Parties immer mal wieder in den Playlists fand. Und nicht wie wie Tante Wiki ganz richtig bemerkt "one of the most influential and most skilled MCs of all time". Die Brücke von Aphroe zu Rakim & zurück konnte unter der Prämisse natürlich nicht tragfähig sein und so plumpsten die Starrenden ins seichte Gewässer. C'est la vie.

Und genau an dieser Wackelbrückenproblematik krankt auch das Album des von mir seit je her hochgeschätzten MCs. Für Eingeweihte, Oldschoolkatzer, Inhaltsfundis, Traditionspfleger & Neugierige wird 90 die Nerdorgie schlechthin sein, weil ein altes Eisen immer noch richtig trifft und man nur denkt, wie sick ist der denn bitte!

Die Entscheidung für das selbst gewählte Ghetto kann ich dem Carsten mit den tausend Flows garnicht verübeln, ihn prägende Klassiker würdigen, sie mit neuen Inhalten befüllen und sie dann als eingedeutschte Fotografien den erwartungsvollen Katzern ins Ohr zu flüstern - kann man sich gefallen lassen. Die Idee klingt erstmal weise &  konzeptuell tragfähig.

Was geboten wird ist eine punktgenaue Adaption der Reimpattern und das gleichzeitiges Beladen der altbekannten Songs mit völlig neuen Textbedeutungen. Alles rund und aus einem Guss und gelungen und superb ... aber! Der Rest alias die Mehrheit wird diese Verneigungen, diese eleganten Neuformulierungen trotzdem leider komplett garnicht verstehen. 90erRapmashupclownerie oder wie? C'est la vie.

Aber kommen wir ma zu meiner Hörerfahrung. Nachdem die Kleiner Mann Zwölfer schon so sehr den Hunger auf den Kavaliersdelikt weckte, wollte zuerst keine wirklich Freude aufkommen. Ich fragte mich ob dieses Antidot, dieser Coverfetisch denn für mich auf Albumlänge überhaupt Sinn macht?

Und siehe da, es funkt zwischen uns tatsächlich auch erst nach dem Zweit- oder Drittdurchgang. Aber jetzt kann ich nichts weiter tun als meinen Hut zu ziehen für diese kleinteilige, detailversessene, hintergründige Fleissarbeit. Dass er als deutsche Styleinstanz keinen Dreck abliefert war mir schon vorab klar, soviel Vertrauen hab ich dann doch noch in den terminuntreuen Releaseentrücker Aphroe. Wie tief er sich in die Materie (die ich zuerst für einen Spontanlaune gehalten hatte) eingearbeitet hatte wird mir aber erst beim gefühlten 20ten Durchgang klar.

Ich hab die Platte aufm Rad gehört, beim Einkaufen, beim Spülen - fast so wie jede RAG und auch hier bin ich mir sicher, dass ich die abertausenden Bilder, die dieses Kaleidoskop in seinen Silbenzwischenräumen versteckt hält, erst nacheinander rausschälen werde aus dieser widerspenstigen Frucht. Klug erzählte, kleine, getrackte Geschichten eines B-Boys, mal voller Demut, mal voller Wut, Einsicht und Reife.

Und wer genauer hinhört, wird wie gewohnt belohnt, wenn er wieder mal in jeden offene Ritze Schicksalskizzen und Atmosphäre giesst. Der truehearted MC + Storyteller als moderner Don Quichote. Ich verstehe seinen Wunsch ne Breitling zu zertreten um den Kids ne andere, bessere Perspektive zu bieten nur zu gut und kann mich für soviel gelebte Positivität in Zeiten der absatzstarken Hassfratzen eigentlich nur bedanken.

Eine bittere Note bleibt trotz aller Lobeshymnen. Ich gehöre wahrscheinlich zu der oben ausgeführten, kopfnickenden Minderheit, die ihn und die Motiviation für die seriöse Verneigung vor seinen Vorbildern blicken wird. Die sich die Mühe machen wird ihm zuzuhören, die die Platte wieder und wieder spielen wird, was für den bilder- und hirnsturmbefähigten Zuhörhiphop und die Kinnlade eben das Unabdingbare ist.

Für den Rest wird dieser clevere, hintergründige Reformulierungsritt über Amiperlen, bei dem Aphroes roher Popappeal auf diese phantastische, verdeckte Sozialkritik trifft, eher eine Fussnote im aktuellen Biz sein. Sei's drum, Haltwertzeit, Charme & Herzblut hat dieser Zwischenauftritt allemal, auch wenn mein Herz klar dem Kavaliersdelikt gehört, also jetzt her damit!

Bis dato trösten wir uns mit einem Song, in dessen Hook sicherlich auch die paar Tausend von dieser Kleinstpartei "freigesetzten" Kassiererinnen einstimmen werden "es ist mörderisch". Hip Hop für die ganz harten Zeiten.
 

Kommentare:

SirPreiss hat gesagt…

Wer wissen möchte, welche Originale Aphroe auf seinem Album "90" neuintepretiert hat:
http://sirpreiss.wordpress.com/2012/03/30/release-aphroe-90-vinyl-cd-album

Anonym hat gesagt…

Danke für diesen Beitrag!!!

Der digitale Flaneur hat gesagt…

Gerne!