Dienstag, 21. Februar 2012

Gerhard Waldherr: Bruttoglobaltournee [salis]. Brillanter, narrativer Qualitätsjournalismus


Der vollständige Titel des heute hier vorgestellten Buches lautet Gerhard Waldherr: Bruttoglobaltournee. In 26 Reportagen um die globalisierte Welt. Und die Jules Verne-Anspielung ist hierbei keinerlei zufällig. Eine aufmerksame & hintergründige Thematisierung der hochbeschleunigten Reisegeschwindigkeit, der grenzüberschreitenden Märkte & des Zusammenschrumpfen der Welt bildet das Fundament der Deutungen der 26 Reportage.

Waldherr ist langjähriger Autor des Magazin der Süddeutschen Zeitung & des Wirtschaftsmagazins brand eins. Dieser Kombination ist es geschuldet, dass er ein solch hinreissender hybrider Schreiber ist. Seine klugen Reisereportagen sind stets flankiert durch eine lakonische Analyse der wirtschaftlichen Dynamiken der jeweiligen Reiseziele. Wer romantisierende Schilderungen der letzten Paradiese dieser Erde erwartet wird sich großen Enttäuschungen aussetzen.

Der vorliegende Band bildet eine Anthologie von Reiseberichten, die über einen Zeitraum von knapp 10 Jahren (für die oben genannten Auftraggeber) entstanden. Zur aktuellen Publikation wurden sie überarbeitet, gerafft, räumlich neu organisiert und in einen neuen Kontext gestellt, der eindrucksvoll beweist, dass hier ein hellsichtiger, detailversessener Chronist der Globalisierung schreibt.

Waldherr unternimmt Reisen, welche der örtliche Reisebüro-PRler gerne als unumgängliche Highlights verkauft & die auch im Baedeker hochgelobt werden. Seine Ergebnisse sind jedoch erfrischend (und auch erschreckend) anders. Als Beispiel möchte ich hier seine Reise in die Serengti anführen. Die Reportage gipfelt nicht in einer Schilderung der fragwüdigen Freuden einer Safari, sondern stellt das zunehmende Verschwinden dieses einzigartigen Lebensraum ins Zentrum der Schilderungen. Eine Traurige Tropen Tournee.

Egal ob er deutsches Bier in Ulaanbaatar trinkt oder in den scheinbar bekannten USA mit einem massiv paranoiden Verschwörungstheoretiker plaudert, Waldherr gelingt es immer ein eindrucksvolles Tableau der verschiedensten Reiseeindrücke zu erschaffen. In Ulaanbaatar wird der surreal anmutende Bauboom einer Steppenmetropole zum Thema gemacht - hier kann man das ungebremste Wachstum im Zeitraffer beobachten., eine wildwuchernde neue Stadt, ein Paradies für Anleger & Architekten, in wenigen Jahre sicherlich der Alpdruck schlafloser Städteplaner.

Auch das illustre Strassenchaos in Thimphu, die Kapitale Bhutans - die sich rühmt die einzige Hauptstadt der Welt ohne (!!!) Ampeln zu sein - wird charmant eingefügt in die scharfen Beobachtungen zu dem sanftem Tourismus des Landes, der mit strikten Einreisebeschränkung einhergeht & dem Konzept des Bruttonationalglücks, welches in dieser aussergewöhnlich rigiden Ständegesellschaft etwas überrascht.

Aber Waldherr geht es in seiner kritischen Reiseenthnologie nicht nur um die Widersprüche der Fremde (und des Fremden), auch auf westliche Dynamiken wird Bezug genommen. Insbesondere der 2009 entstandene Text "Deutschtürkland" verdient eine kritische Würdigung. Ein Achtseiter, der jedem binär Denkenden zur Lektüre anstehen würde.

Waldherr spricht mit den Menschen, die sich vor Attributzuschreibungsorgien kaum retten können. Intellektuell minderbegabt, an sich gewalttätig, selbstverständlich rückständig und erwartungsgemäß hochislamistisch - so erträumte sich ein bekannter SPD-Parlamentarier eine zwangshomogenisierte Menschengruppe - und verfasste zu diesen absonderlichen Stereotypenkatalog ein ganzes (sich hervorragend verkauftes) Buch. Dem Qualitätsjournalisten genügen wenige Zeilen um diese Thesen der Minderkomplexität zu überführen. Lohnend.

Globalisiert werden aber nicht nur die Strukturen der Städte, die Produktionsbedingungen und die Lebensstile, sondern auch die Vorurteile & Ausgrenzungsdynamiken. Die Verschwörungstheoretiker des Mittleren Westen gefallen sich in ihrer Herablassung, die alles afrikanische als pathologisch und aggressiv bezeichnet - die Killerbienen, die Killerkeime, die Killer an sich eigentlich. Und dieser dunkelhäutige Präsident ist natürlich auch ein kontroverses Wesen muslimischer Herkunft -  das weisse Amerika zittert - und Waldherr zitiert brillant.

Ein sehr unterhaltsames, lehrreiches, hellsichtiges, waches Buch, welches einmal mehr beweist wie notwendig Qualitätsjournalismus heute ist. Journalismus, der sich Zeit nimmt zu den Orten, den Menschen zu reisen um dort Recherche zu betreiben, der keine sarazzinische Lehnstuhlsoziologie wiederkäut, der politische Stanzen, wie das Bruttonationalglück kritisch hinterfragt, der abgründige (und riskante) Ideen zum Thema macht, statt sie auszublenden & zu verharmlosen. Flaneurempfehlung!

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