Donnerstag, 26. Mai 2011

Arrested Development, Looptroop Rockers & The Electric oder die 3Hs

H3 - HippieHipHop! Ich rufe mal ne neue Bewegung aus, denn das hippieschwule Momentum war ja auf diesem Blog schon mehrfach ein Thema & nun kann diese Geisteshaltung auch endlich wieder entspannt zu hiphop'esken Tönen tanzen, denn die Ü30er-Fraktion zeigt eindrucksvoll, dass man tighten Rap mit Seele, Witz & Verve durchaus auch ohne gewaltbejahende Gimmicks verkaufen kann und dass clevere Texte nicht altklug, altbacken oder eben schlicht alt wirken müssen.

Daher möchte ich euch heute in einer Sammelrezension drei Bands vorstellen, die mir in den letzten Wochen sehr ans Herz gewachsen sind, qua ihrer angenehm anderen Art Hip Hop zu machen, zu leben, zu zelebrieren - ja - Knowledge ist endlich wieder King, Friedfertigkeit verdachtsfrei & Gefühle kann der Mann auch mal deutlich zeigen. Erfrischend!

Es wären zu nennen: Looptroop aka die skandinavischen Symphaten mit Pop-Appeal, The Electric - DJ Vadims neueste Tourbusgeburt & die schon fast schon vergessenen Afrozentriker von Arrested Development. Gemeinsam ist den sehr verschiedenen Künstlern dass sei kürzlich neue Tonträger auf den Markt brachten, die meines Erachtens in diesem Sommer sicherlich verstärkt ihren Weg in die Playlists, Sets, Podcasts und Walkmänner der openminded Snobs dieses Landes finden werden. 



Ich werde mit dem neuen Album von Arrested Development beginnen. Die Truppe rund um den wieder in Hochform silbenzerteilenden Speech legen ein treibendes, dezidiert politisch argumentierendes Album voller funkyfizierter Brecher  vor, dass scheinbar vollkommen vergisst, dass erzlangweilige Blaupausen, Halbidioten und Vollnasen in den letzten Jahren die vorderen Ränge der Charts dominierten. 

Vielleicht haben sie den Trendwechsel aber auch nicht vergessen, sondern erinnern sich einfach an ein anderes musikalisches Erbe, denn hier ist der Funk mächtig und Hip Hop noch Ermächtigungsstrategie & Spielwiese, poetische Ausdrucksform & kraftvolle Kritik. 

Spötter (oder in ADs Worten Hater) werden jetzt monieren, dass diese '88 gegründete Band doch bloss noch ne lose Ansammlung von kraftlosen Mumien sei - ich glaube diese Menschen sollte man mal die 1on1-Konfrontation mit diesen Oldschoolgestein ans Herz legen, wer nach Kontakt mit dem völlig ausflippenden We Rad We Doin' It noch stehen kann und nach dem Southernsoulgospelmonster Freedom noch immer kein Licht sieht, darf dann gerne weiterzetern. 

Mich begeistert neben der Leichtigkeit mit der AD hier gekonnt Pop, Afrofunk, Soul und  Gospel verschmelzen vor allem die spirituellen und nicht selten deutlich politischen Texte, die nie belehren oder langweilen. Ob nun grandioses Storytelling wie bei der bitteren Alltagsschilderung La La La oder pointierte Abrechnung mit Spöttern (Haters) oder hymnenhafte Aufforderungen zum Widerstand gegen die alltäglichen Ekelhaftigkeiten (Let Your Voice Be Heard) hier sitzt alles.

Und wenn man dann zu guter letzt noch einen komplett grünen Song verfasst, der die SUV-Nutzern warmherzig grinsend ihrer Kurzpimmeligkeit überführt, wer wird dann noch meckern wollen - Fazit: Angegraute Herrschaften mit mehr Wucht als der Gros der jungen Brut. Erwerbbar als (DL).



Looptroop (Rockers) konnte man bei den letzten Veröffentlichungen ja tatsächlich einiges vorwerfen - gefährliche Nähe zum Pop, manchmal ein Schritt zu weit im Käse oder arg gutmenschelnde Pädagogenlyrics, aber nie Inhaltslosigkeit oder Stumpfsinn - dennoch hinterliessen die beiden letzten Platten bei mir sehr ambivalente Gefühle - ganz anders der aktuelle Wurf. Man spürt, dass sich hier eine Band häutete und wieder zusammen und zu alter Größe fand.

Die 13 Songs stecken voller kleiner gut beobachteter Geschichten übers Leben als semiangepasster Ü30-Punk, die kein anderer besser auf den Punkt zu bringen versteht als dieses nordisch-melancholische Bartgewirr namens Promoe, egal ob er von dem Verpassen von Chancen spricht, dem Erwachen als Erwachsener, dem Vaterwerden oder den Verzweifeln an der gewünschten Unabhängigkeit, immer trifft es diesen ganz speziellen Ton, diese charmante Nuance für die ich die ersten Looptroopplatten noch heute liebe.

Der Themenkomplex der Band ist auch heute noch recht übersichtlich und tief verwurzelt im klassischen 4Elementeglauben europäischer Prägung, man tut eben das Gute, Unabhängigkeit bewahren, Turntables anbeten, Wände bemalen, prügelnde Cops blöde finden, Nazis sowieso und irgendwie finde ich die Unzeitgemässheit mehr als nur ein bissl jutt.

Übrigens von wegen politisch - auch die Schweden haben ein Naziproblem. Und die gewinnen dort auch Wahlen und die Scham und die Wut wird dann von Promoe & Embee & Cosmic zu einem soliden Brett geformt, könnte irgendwer auch sowas ma in Deutschland anleiern? Bitte! 

Embee hat in den letzten Jahren entweder in der Bretagne gelebt oder er cuttet sich gerade durch den kompletten Yann Tiersen-Backkatalog, denn das Akkordeon ist das dominanteste Instrument der Platte, aber sein moody Einsatz ist einfach phantastisch - ich gebs ja zu ich hab seine organisch-verspielte Art Beats zu bauen echt vermisst, war früher ja ein übertriebener Fanboy von  Tellings from Solitaria, gut zu sehen, dass es noch immer ein Meister ist.

Ohnehin muss gesagt werden dass der Sound von Looptroop insgesamt etwas dunkler geworden ist, ernster, nachdenklicher, entschleunigter, reflektierter - möglicherweise auch  einer der Gründe weshalb ich die aktuelle popferne Platte sehr schätze - der Käse liegt weit hinter den Rockern, ich hoffe dieser Zustand ist stabil. Fazit: Klassische Kopfhörermusique mit Nachhaltigkeitssiegel, schwedische Nackenmassage quasi. Hier als CD oder Vinyl erhältlich.





Was für Promoe der Bart ist scheint für den kleinen Russen seine Haarpracht zu sein, keine schnieke austarierte Hip Hop-Glatze sondern ein ziemlich struppiger Iro. Ohnehin sieht Vadim manchmal eher aus wie ein afterhourhöriger Strassenmusiker denn wie das Genie hinter den Reglern. Anyway - Lookism saugt ja ohnehin, stimmts?

Zu den harten Fakten ist ja hier kein Modeblog: Bei seinem neusten Projekt The Electric setzt er gemeinsam mit der stimmgewaltigen Gattin Yarah Bravo und dem Neuzugang Pugz Atomz den Weg fort, welcher schon bei One Self eingeschlagen wurde nur mit noch mehr Tourbusbandappeal und einem deutlich größeren Anteil synthieorientierten BoomBap. 

Hippies auf Beats oder A Tribe Called Quest for the Best - Vadim sammelt sich weltweit die Besten ihrer Art zusammen und formt erneut ein organisches Gebilde, welches weit über die ignoranten Genregrenzen selbsternannter Fackelhüter hinausgeht.

Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie ich das Ergebnis bezeichnen sollte ausser HippieHipHop, Inhaltsstoffe: Punktgenaue Raps plus soulige Einlagen dieser Frau mit der Wunderstimme auf Vadims stets eigenständigen Beats & Flächen - Westcoast trifft Weltmusik - nerdy, aber es ist nicht leicht bei diesem Eigenbrötlergebräu unberührt zu bleiben.
The Electric ist ein Tourprodukt, keine langen Pausen, keine verkopfte Studioplanung, kein Glattlecken am Kompressor. Spontaneität und Unmittelbarkeit tropft hier aus jeder einzelnen Oktave - ja einzigartig wie immer, dieser kleine Mann mit den großen Würfen.

Fazit: Vadim & Yarah sind noch immer das Traumpaar & er schneidert ihr die besten Kleidchen aus Tönen, aber vergisst dabei nie den Dritten im Bunde. Organisch, rund, eigensinnig - dauerte zwar ne Weile bis die Platte bei mir richtig zündete, aber jetzt will ich sie nicht mehr missen - zumindest in diesem Sommer. Erwerbbar als CD oder DL.

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