Donnerstag, 24. März 2011

#digifla #08: ghostofthemovie spricht über einen kontroversen Popstar ...

Die Popfigur Hitler

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Heute möchte ich über eine große deutsche Ikone schreiben: Adolf Hitler.

Auf der einen Seite wird immer wieder großes Aufsehen darum gemacht, wenn sich deutsche Regisseure dem Thema humorvoll nähern, die Beschwichtigungsformel "Lachen bedeutet ja nicht verharmlosen" wird stets bemüht. 

Dem entgegen stehen die hochdramatisch inszenierten Hitler-Blockbuster, in denen Nazis immer besser werden und für deren Bilderrausch sich niemand entschuldigen muss, denn Verklärung findet hier ja nicht absichtlich statt (um von Verklärung überhaupt sprechen zu können, muss es schließlich einen klärenden Ansatz geben, der im Kapitalistenkino per se ausgeschlossen ist, da es nur um Gewinnmaximierung geht). 

Und wenn sich jemand mal erdreistet, Hitler im Sinne der Aufarbeitung brutal zu verschleißen, wird er zensiert, da sich solche Inszenierungen meist nicht mit den humanistisch-konservativen Inhaltswelten der Hochkulturhüter decken. Kultur meint schließlich keine frei gestaltbare Sphäre, sondern ein genau abgestimmtes Muster, das primär zum Identifikationsmodell einer Nation dient, ist somit Gründungsmythos, geschlossene Kulturräumlichkeit, Differenzierung zum Nachbarn, alles in allem festes Requisit der politischen Weltbühne.

Hitler nun, das ist Symbol, das ist Vergleichsmodell, Werbemittel und Verkaufsschlager, das ist Referenz und Popkultur aber vor allem Kult und schließlich hohle Phrase. Hitler kann für alles herhalten, ein Quäntchen Hitler tut allem gut. Alles in allem begegnen wir einem Transformationsprozess, der Stilisierung eines Mannes zur historischen Persönlichkeit, dann zur Kunstfigur und von da aus zum Popfigürchen (der gleiche Prozess widerfährt nahezu allen geschichtsträchtigen Personen, man denke nur an Che, dessen mörderisches Konterfei seinen pathetischen Aufdruck auf T-Shirts zumeist junger, verwirrter Alternativer, oft in Kombination mit dem Klischee-Arafat-Schal, einem in hunderttausendfacher Reproduktion auf den Straßen der Welt entgegenkommt).

Wenn ich dieser Tage das Quäntchen Hitler in einem Kulturerzeugnis wähne, muss ich schon im Voraus schmunzeln, wenn da der kleine lustige Inzestspross mit der miesen Frisur und der eigenwillig gutturalen Schreisprache, die jeder Grammatik entbehrt, auf diversen Covern prangt. Das ist nicht das Hitlerbild meiner Schulzeit. Das ist auch nicht das Hitlerbild der Kulturwächter, da sich mit der Popfigur Hitler kein historisches Problembewusstsein und damit einhergehend Angst aufbauen und politisch instrumentalisieren lässt. 

Schlingensief hat mal gesagt (frei paraphrasiert), man muss sich diese kaputte Jacke halt mal überziehen und die ganze Scheiße abarbeiten, bis niemand mehr Lust hat, sich das Ding überzustreifen, als Kontrast zur ewig gültigen, historisch einwandfrei stilisierten Museums-, Mahnmals- und Gedenkkultur.

Doch glücklicherweise hat die Bundesrepublik nicht das Copyright auf die Marke Hitler und glücklicherweise gibt es das Internet – hier scheint Schlingesiefs Anspruch tagtäglich umgesetzt, wenn auch vielleicht weniger intelligent, als von Christoph angedacht. Nun ein paar meiner WTF- Favoriten.

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Wer ein Herz für absurde Historien-Remixe hat, dem sei das Blog Klio surft empfohlen, das sich mit Geschichtsdarstellung im Internet befasst und ein Großteil der hier gezeigten Bilder liefert. Und um irgendwie doch noch den Sprung zur Themenwelt unseres hochgeschätzten digitalen Flaneurs zu schaffen, möchte ich abschließend ein Comic empfehlen, das den meisten unter euch fremd sein dürfte.


Ich fand die beiden Ausgaben von Hitler im Familienkeller, als ich ein gutes Dutzend Umzugskisten voller alter Bücher zum Verkauf sichtete. Die beiden Bände Hitler: Die Machtergreifung und Hitler: Der Völkermörder von Friedemann Bedürftig (Text) und Dieter Kalenbach (Zeichnung), 1989 im Carlsen Verlag erschienen, waren der ambitionierte Versuch, Aufklärung in einem Medium der Zeit umzusetzen, das den Gewohnheiten der (damaligen) jungen Zielgruppe entsprach.

Die Zeichnungen sind äußerst schonungslos, der Text mutet etwas trocken an, was aber dem ehrlich aufklärerischen Gestus jenseits der Medienpropaganda Rechnung trägt. Besonders im zweiten Band wird die Gewaltdarstellung zunehmend expliziter, die Zeichnungen von ihrer technischen Seite betrachtet sind hervorragend, zudem verzichtet der Zeichner völlig auf die klassische Anordnung in Panels, die Bilder gehen nahezu organisch ineinander über, was zu Bedeutungsüberlagerungen führt und weitere Interpretationsräume schafft.


Um meinen kleinen Hitler-SEO-Beitrag für den Flaneur zu beenden, frage ich zum Schluss nach euren Hitler(oder Nazi-)Lieblings-WTF's, sofern ihr euch den lockeren Umgang mit der postpostmodernen Remix-Kultur gestattet. Apropos, hat noch jemand Lust hier einmal verstecken zu spielen?

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Der Gratulant: ghostofthemovie
ghostofthemovie ist ein entspannt nerdiger Filmwissenschaftler, unser zweites Zusammentreffen im echten Leben wurde überschattet von einem Zusammentreffen mit einem äußerst psychotischen Zeitungsaboverkäufers in Kreuzberg, der sich nicht entblödete uns nach unseren Meinung zum Verlagsprogramm von Kopp zu befragen. 
Möglicherweise entwickelte sich hier unser gemeinsames Geniessenkönnen von grenzwertigen Humoresken und dieses freudige Spotten über fragwürdige Ikonen. Und so geschah es, dass man sich mehrfach zum trunkenen Philosophieren traf, charmant und erhellend, jedes Mal.
Wen Timo mal nicht gerade über populäre Schnauzerträger schreibt beschäftigt er sich als Mitautor des Visualblogs wortreich mit Filmkunst, Philosophie und Artverwandtem. Wer lange Texte ertragen kann ist dort gut aufgehoben!
Koordinaten: visualblog (Website) / ghostofthemovie (Twitter)
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