Donnerstag, 20. Januar 2011

Layman / Guillory: Chew #01 - Leichenschmaus [Cross Cult] Endlich mal ein neuer Freak!


In der heutigen, übersättigten und recht handzahm gewordenen Comicwelt kommt es leider immer seltener vor dass Zeichner und Autoren eine erfrischend neue Figur aufs Parkett bringen. 

Umso mehr muss man Layman & Guillory für ihr galliges Meisterstück danken, dass in einem post-epidemischen Amerika in nicht allzu ferner Zukunft spielt, 120 Millionen Tote sind zu beklagen und nichts ist mehr wie es einmal war.

Chew ist in den Staaten bereits hochprämiert (Eisner- und Harveyaward!) und ich wage zu behaupten dass sich der Erfolgskurs der Serie fortsetzen wird. Inzwischen liegt dieser kleine liebeswerte Bastard von einem Comic auch in deutsch vor - Cross Cult macht es möglich.

Hauptfigur der Serie ist der Cibopath Tony Chu - Cibopathen sind Geschmacksknospentelephaten, die beim Genuss einer Speise sofort spüren wann, wo und unter welchen Bedingungen eine Frucht, ein Stück Fleisch oder eine Suppe entstand. Klingt jetzt zunächst einmal eher lau, was sich aber sehr schnell als Trugschluss erweist, wenn man mal die ersten paar Seiten gelesen hat. 

Auch wenn der Zeichenstil an manchen Stellen an die Umbrella Academy erinnert (was ja nicht die schlechteste Referenz ist) präsentieren uns die beiden Macher hier etwas völlig neues. Geschichten von Menschen mit Superkräften sind ja inzwischen schon recht spröde geworden und man muss schon ziemlich tief in die Trickkiste greifen um noch etwas originäres zu schaffen.

Und in eben diese Lücke platzt diese Serie. Der bemitleidenswerte Cibopath Chu ernährt sich seit Jahrzehnten nur von roter Beete, denn diese Feldfrucht ist die einzige die seinen Kopf nicht zugleich mit Eindrücken flutet. Natürlich ist ein solcher Mutant einsam und so überrascht es nicht, dass seine erste große Liebe eine Sonderbegabte ist, die sein Defizit zu füllen versteht. 

Die junge Kolumnistin Amelia Mintz versteht es nämlich durch die reine deskriptive Beschreibung ihrer Mahlzeiten Menschen zu verzaubern (oder zu entsetzen). Sie macht es Chu zum ersten Mal möglich den Genuss von Speisen zu erleben, was ihm aufgrund seiner Begabung bislang nicht möglich war.

Aber abgesehen von dieser verdammt durchgeknallten Liebesgeschichte bietet der Comic noch einige weitere Details, über die es sich wahrlich zu sprechen lohnt. 

Nachdem man in einem der zahlreichen semioffiziellen Ministerien der USA auf die Gabe Chus aufmerksam wurde, wurde er flugs rekrutiert. Sein Alltag besteht nun aber nicht aus ödnisverheissender Büroarbeit, nein er muss in den saueren Apfel beissen und an Leichenteilen rumnagen um Fälle zu lösen, er ist ein Profiler der spezielleren Art.

Man stelle sich die Potentiale dieses Mannes vor, in Aigners Stab wäre er die Einmanntaskforce gegen niedersächsische Fehlinformaten. Wenn man ihn an den Restfragmenten eines Selbstmordattentäters naschen lassen würde, würden sich Millionen von Steuergeldern sparen lassen, weil er einfach ganz fix bestimmen könnte ob dieser Haufen Restmensch nun Kontakte zu Terrorcamps hatte oder eben nicht. Und falls du dir nicht sicher bist ob dich dein Partner betrügt, einfach etwas Blut rauben und Chu vorlegen - schon hast du Klarheit :D.

Ich habe häufig und sehr böse lachen müssen bei dieser Parforceattacke auf den guten Geschmack, die Brutalität des Comics ist aller Bonbonfarbe zum Trotz einfach brachial, verzichtet aber auf Ekel- und/oder Schockmomente, sondern stellt sich höhnisch überspitzt dar - Morde, Lynchjustiz und grausame Strassengewalt sind in diesem Amerika an der Tagesordnung und niemand wundert sich über einen zerschmissenen Schädel am Wegesrand.

Der Comic ist schnell, bunt, anspielungsreich und herrlich bösartig, wer sich unter dieser Flagge heimisch fühlt, der sollte hier definitiv zugreifen, eine solch durchgeknallte Story mit stimmigem Personal wird so schnell nimmer um die Ecke biegen. In den USA liegen inzwischen drei Sammelbände vor ich hoffe sehr, dass Cross Cult hier möglichst schnell gleichzieht. Flaneurempfehlung!

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