Donnerstag, 6. Januar 2011

Daniel Clowes - Wilson [Eichborn] Melancholie als Lebenskonzept?

Erfreulicherweise hat mit Daniel Clowes einer der ganz Großen des melancholischen Comics gegenwärtig eine Renaissance in Deutschland. Wilson erscheint bei Eichborn und David Boring bei Reprodukt.
Clowes erzählerisches Genie wurde durch die Verfilmung seines Comics Ghost World (mit der damals noch völlig unbekannten Scarlett Johansson) weltbekannt.

Er kann ohne Zweifel als der Woody Allen der gezeichneten Geschichten bezeichnend werden. Sein Personal ist eigensinnig, sozial auffällig und nicht selten neurotisch.

Und genau in diese Kerbe schlägt auch der Protagonist seines nun in deutsch vorliegenden Comics. Wilson ist ein melancholischer Eigenbrötler, ein moderner Egomane ohne ausgeprägte Bindungsfähigkeit oder soziale Emphatie. 

Er macht seinen Mitmenschen das Leben durch seine Launen und Grillen zur Hölle, ist besserwisserisch, selbstvergessen und nur durch seiner eigenen Weltsicht begeisterbar, alleine sein Hund bereitet ihm Vergnügen, an Menschen hat er schon lange jegliches Interesse verloren.

Wilson funktioniert als Fortsetzungsgeschichte, in 70 Einzelseitenstrips kartographiert er das Leben und Leiden eines  einsamen Mittvierzigers, der sich nach dem Tod seines Vaters auf die Suche nach seiner Exfrau begibt. 

Hierbei entdeckt er dass er eine halbwüchsige Tochter hat und in einer plötzlichen Anwandlung von  Geselligkeitssinn will er die Familie wieder zusammenbringen - ein Versuch, der nur fürchterlich scheitern kann. 

Clowes gelingt es, in diesen lakonischen, tragischen Comic, eine Figur zu entwickeln, die man nicht so schnell vergessen wird, es wird eine berührende Geschichte erzählt, frei von Plüschigkeiten und Verniedlichungen. Er seziert die Einsamkeit des nur vordergründig zufriedenen Egomanen leise, aber kaltblütig und vermisst somit den Sehnsuchtsraum eines jeden Einzelnen nach Geborgenheit und  Halt völlig neu.

Die Stripsammlung lebt von ihrer absurden Komik, bei der sich Wilson immer weiter ins soziale Abseits rückt, weil er jegliche Begabung eingebüßt hat sich auf andere Menschen einzulassen oder ihnen nur zuzuhören. 

Der eloquente Welterklärer ist so gesehen nur ein blinder Tor, der jegliches Maß verloren hat. Und gerade das Nichtauflösen dieses Konfliktes macht diesen Comic zu etwas besonderem. Käuflich erwerbbar ist diese wunderbare Lektion in Demut hier.

Kommentare:

Stephox hat gesagt…

Danke für die Empfehlung. Habs gelesen oder besser, gelesen und viel angeschaut. Doch Wilson ist mir als "Chäräkter" etwas zu anstrengend und soziopathisch.Ich mag ironisch-egomane Neurotiker (wie Allen) aber keine egozentrischen Zyniker, wie Wilson einer ist. Und ich meine, dass sich der Konflikt am Ende doch auflöst. Der alte Wilson hat im letzten Strip eine höheren Einsicht und wird geradezu erlöst...

Der digitale Flaneur hat gesagt…

@stephox. Hey! Danke für das lange und ausführliche Kommentar, sowas liest man ja echt ma gerne :D. Und ja, Wilson ist ein Soziopath, komplett - ich konnte mich daher köstlich über ihn belustigen, aber als Begegnung im Realleben wäre er sicherlich kein Wunschkandidat.