Dienstag, 28. Dezember 2010

Leila Maroune - Das Sexleben eines Islamisten in Paris [Edition Nautilus] Vom Sezieren eines Heuchlers.

Leila Maroune, die in Paris lebende und wirkende Bürgerkriegsexilantin gilt zu Recht als eine der wichtigsten Stimmen der zeitgenössischen algerischen Literatur. In ihren bisherigen Romanen hatte sie sich den Themenfeldern der sexuelle Gewalt und der massiven Geschlechterungleichheit in den islamischen Gesellschaften angenähert. 

In "Die Bestrafung der Heuchler" schilderte sie minutiös den blutigen Rachefeldzug einer jungen Frau aus Algier, die von Islamisten verschleppt wurde, in einem Feldbordell hundertfach missbraucht wurde und später (im festen Glauben die Messerstiche hätten ihre Dienste erfüllt) schwerverletzt im Staub der abziehenden Truppe zurückblieb.

Ich habe selten ein finsteres, konsequenteres und schonungsloseres Buch gelesen als dieses - daher überraschte mich der süffisante Ton ihres neuen Werks zunächst ein wenig.

Maroune, die wie viele andere Kulturschaffende in den bestialischen Bürgerkriegswirren der frühen 90er, Algerien verliess vertritt einen erfrischend scharfen Feminismus, der aber keinerlei Verbitterung ausstrahlt, sondern offensive Schlagfertigkeit, gepaart mit scharfem Witz und einer untrüglichen Beobachtungsgabe.

In ihrem neusten Roman seziert sie süffisant, boshaft und gnadenlos die Wunschwelt des übermutternden Frömmlers namens Mohamed Ben Mokhatr, der den Leser aber als Basile Tocquard durch das scharfzüngige Buch begleiten wird. Basile verleugnet seine algerische Herkunft, legt seinen arabischen Namen ab, färbt Haut und Haar und vollzieht die Überadaption des republikanischen Ideals. 

Wer aber glaubt diese Annahme eines westlichen Lebensstils sei ein Zugeständnis an das Leben in Frankreich, der irrt. Er bleibt dem ideologischen Denken des politischen Islams verhaftet. Mohamed/Basile ist aber kein Islamist im eigentlichen Sinne, kein Heisssporn, der erfüllt ist mit ideologischem Feuer, sondern ein 40jähriger Banker, der aus dem Fängen seiner überfürsorglichen Mutter entkommen möchte, aus der Tristesse des Banlieue ausbrechen möchte und nebenbei noch seine Unschuld an eine europäische Frau verlieren möchte. 

Der absurde Abnabelungsprozess wird von Maroune mit grotesker Kleinteiligkeit geschildert, anspielungsreich, sprunghaft, scharfsichtig. Basile, der frauenhassende Muttersohn tut alles um mit einer dieser europäischen Frauen über seine sündhaft teueren Seidenlaken kugeln zu können. 

Seine sexuelle Agenda liest sich wie folgt: "Ich interessiere mich ausschliesslich für weisse Frauen, Frauen, die an die Pille und an Kondome gewöhnt waren, die körperlich und geistig frei waren, Frauen, die sich aus freien Stücken für die Ehelosigkeit entschieden hatten und die diesem Weg nun voller Genuss und guter Laune, ohne Skrupel und Bedenken gingen". Natürlich möchte er keine diesen Frauen ehelichen, zu diesem Zweck existiert ja ein nahezu unverschöpfliches Reservoir junger, keuscher Algerierinnen vom Lande.

Auch hier werden die Heuchler bestraft, wenn auch mit völlig anderen Mitteln als im Vorgängerroman. Basile versagt bei seiner Suche nach den lüsternen, weissen Frauen gnadenlos, sein innerfranzösischer Sextourismus bleibt frucht- und ergebnislos und auch wenn man eigentlich nicht über das Scheitern von anderen Menschen lachen sollte - ich tat es mehrfach, sogar wiehernd. Maroune entlarvt den Machismo der Figur mit einer solchen Leichtigkeit, dass man glauben könnte man wohnt gerade einer Komödie bei. Aber weit gefehlt.

Maroune gelingt es hervorragend die Figur in ihrern ganzen Erbärmlichkeit auszustellen, was auf den ersten Blick wie eine launische, amüsante Geschlechterabrechnung erscheint entpuppt sich beim zweiten Blick als kunstvoll arrangierte Literatur, deren Spiel mit algerischer, französischer, weiblicher, männlicher, feministischer Identität, mit Autoren- und Figureninszenierung fordert und unterhält. 

Bei ihrer grandiosen Blossstellung werden weder die doppelmoralerfahrenen Männer, noch die übermutternden Frauen verschont. Das Buch überschreitet mehr als einmal die Grenze zur spitzzüngigen Satire, nur um einige Seiten später wieder alle Spiele mit Identitäten und Zuweisungen kollabieren zu lassen und den Leser zurückzuführen auf die realen Grundlagen dieses Geschlechterordnungsentwurfs.
Maroune klagt auch die Mütter an, welche durch die Verherrlichung ihrer Söhne diese Auffassung perpetuiert und fortschreiben. Eine erhabene Satire, voller doppelbödigem Witz, gleichfalls ist sie raffiniert konstruktiert und sehr gut lesbar, eine Seltenheit. Flaneurempfehlung - daher bitte lesen! Käuflich erwerbbar ist dieser eigensinnige Roman hier.

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