Montag, 8. November 2010

Seth: Wimbledon Green [Edition 52] König der Sammler oder Prinz der Nerds?


Der kanadische Zeichner Seth hat dem kleinen Nerd in uns allen ein Denkmal gesetzt und dies in Form eines bärtigen, beleibten Herrn, dessen dandy'skes Erscheinungsbild uns vermuten lässt, dass das 19te Jahrhundert noch lange nicht zu Ende gegangen ist.
Der Protagonist dieser charmanten kleinen Erzählung hört auf den klangvollen Namen Wimbledon Green und ist wiederum als eine liebevolle Persiflage auf den leidenschaftlichen Sammler von Comic-Kostbarkeiten  zu verstehen. Folgerichtig lautet der vollständige Titel daher auch: Wimbledon Green. Der grösste Comicsammler der Welt, denn Green ist ein krankhafter Vervollständiger und auktionsgestählter Bieter mit aussergewöhnlich gutem Riecher, der niemals ruht bevor er nicht das Höchstgebot abgegeben hat.

Seth brilliert stilistisch, seine reserviert wirkenden Zeichnungen weisen eine altmodisch wirkende, melancholische Patina auf, deren warmer, klarer Strich ergänzt wird um die erdfarbene Schmuckfarbe. Das Storyboarding entwickelt in seiner Mischung aus erzählerischen Rückblenden, fiktiven Interviews und  pseudodokumentarischen Einschüben einen sanften Sog.

Seth verknüpft (ähnlich wie Daniel Clowes oder Chris Ware)  zahlreiche Kurzepisoden zu einer großen humorvollen Erzählung, die sich rund um das schönste, edelste und leider auch kostspieligste Hobby dieses Erdenrund dreht, dem Comicsammeln - denn, ich bitte dich wen interessiert schon dein Handycap?

Wie in seinen Vorgängercomics ist natürlich auch hier der autobiographische Zugang zum Comic unübersehbar, wenn auch besser codiert als zuvor. Green existiert in einer fröhlichen, regenbogenbunten Welt  ohne tatsächliche Konflikte. Er wird umringt von spinnerten Sammlern und muss sich nur im harten Konkurrenzverhältnis zu den anderen Doyen der Sammlerszene positionieren - sicherlich ein schwieriger Job, aber nichts gegen die triste Aussicht aus einem Kelleratelier, wie Seth im Vorwort deutlich macht.  Die warmherzige Hommage an die leichtlebige Bibliophilie kann also auch als eine eskapistische Tagesflucht des Zeichners verstanden werden.

Seth macht die staubigen, muffigen Orte fast sinnlich fassbar, an denen der junge Green die Grundlagen seiner ehrfurchtgebietenden Kollektion wundervoller Golden Age-Comics zusammensammelt. Die Einblendungen von Covern erfundener Comics mitsamt einer spöttisch-ironischer Kommentierung der Inhalte und der elaborierte Entwurf einer spezifischen Sprache einer getriebenen Sammlerpsyche runden die gesamte Fiktion gelungen ab. 

Und natürlich dienen die gut erfundenen Geschichten rund um den begabten, aber vereinsamten Comicdieb Jonah, die legendäre Wilbur R. Webb-Sammlung und die wahnhafte Suche nach der  mythischen Erstausgabe des Green Ghost nur der Sichtbarmachung eines Fetischs, den kein Aussenstehender jemals verstehen wird, denn sind wir mal ehrlich, wir Nerds bleiben irgendwie doch immer eine eingeschworene Gemeinde, oder? :D

Die wunderbar gebrochene Selbstbespieglung eines wirklichen Künstler dieses Genres kann hier erstanden werden.

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