Donnerstag, 14. Oktober 2010

Epilog & Misanthrop: Wille und Wahn [Postrap]: Sperrige Boombap-Poesie für kopfnutzende Kopfnicker.

Glücklicherweise hat sich in der deutschsprachigen Rapwelt in den letzten Jahren sich einiges getan, der Terminus Studentenrap dient nicht mehr als affirmative Spottfolie von Grenzbegabten und auch die erzsoliden, immer sympathischen, kantenfreien Jungakademiker (die machen jetzt lieber Freestylefussballerfahrungsvertonung) haben von ihm abgelassen. An ihre Stelle traten komplex schreibende und in ausgefallenen Mustern reimende   MCs wie form, Misanthrop oder Audio88 - um bloss ein paar Lichtgestalten anzuführen.

Im Ergebnis kann man gegenwärtig einen sehr erfreulichen Trend beobachten. Der intelligente, kritische Rap kommt nicht mehr im bildungsbürgerlichen Schafspelz daher und riecht nimmer streng nach muffiger Lesepulterkenntnis, sondern rockt einfach sauber. Seine Protagonisten tragen bezeichnenderweise auch keinerlei Szeneninsignien mit sich herum, sondern lassen sich auch mal mit Black Flag-T-Shirts auf Jams blicken - die Grenzen fallen endlich! 

Ich hab lange nach einer griffigen Definition für diese Art von stilistischer Offenheit und konsequent Szenecodes verweigernden Kunst gesucht und ein Label nahm mir hier einfach die Arbeit ab - Postrap, ja wie sollte man es eigentlich sonst nennen?

Und heute will ich euch von einer Platte berichten, die mich gegenwärtig einfach - aller Sperrigkeit zum Trotz - fesselt. Epilog, der freiwillig in die Schweizer Einöde emigrierte (böse Zungen sprechen von einer auffälligen Schokoladensucht) hat gemeinsam mit Misanthrop an den Beats einen Soundmonolithen geschmiedet, der in den ersten Durchgängen erstmal unverdaulich wirkt. Sicherlich, zahlreiche Hörer werden durch diese freizügige Abweichung von den klassischen Rapsongschemata sicherlich überfordet sein und irgendwas  vonwegen unhörbar stammeln, aber lassen wir die ma reden.

Die trotz aller behandelten Großthemen recht persönlichen - und selten versöhnlichen - Texte von Epilog haben es in sich, anspielungsdicht, metapherüberwuchert und nicht nach der ersten Hook mitsingbar und ja, zugegeben - ein gewisses kulturwissenschaftliches Interesse ist sicherlich auch hilfreich zum Verständnis der Platte. Wer sich jetzt von dieser Schilderung nicht abschrecken lässt, der wird mit einer Runde hingebungsvollem Zerebralsex belohnt. 

Ich will euch mal kurz zwei Songtitel nennen, deren Namen eigentlich alles über das Album aussagen: "Sing für das Schweigen" und "Die Choreografie der schönen Welt" - bei wem sich bei diesen Titeln kein Kopfkino einschaltet, der ist entweder bereits tot oder beantragt gerade ein Parteibuch einer x-beliebigen geschwätzigen Vereinigung.

Klar, die erstbesten Spötter kreischen jetzt schon wieder irgendwas von Unhörbarkeit und so, aber werte weise (Schein-)Riesen ihr täuscht euch in diesem Falle gründlichst. Die Beats dieser Reise in die Tiefen des nutzbar gemachten Hirns stehen in der Tradition des klassizistischen Boombapsounds, nichts mit Poetryslamfreejazzfusionlärm ... Misanthrop hat hier ganze Arbeit geleistet und ja Cuts findet man auch auf dieser Platte - ihr wisst schon, diese fundamentalen Schnittästhetiken von Rap, die zunehmend verschwinden.

Und ja, auch ich hab diesen Punkt oftmals bei den früheren avantgardistischen Entwürfen bemängelt, aber richtig gut Ding will eben Weile haben. Jetzt ist er da, der vertrackte, synapsenleistungüberfordernde Rap der knallt und den Kopf rauchen UND nicken lässt!

Und wer dann noch die halbe Elite der internationalen Indierapverschwörung auf seinem Album zum Musizieren zwingt, der kann einfach kein schlechter Mensch sein - schwierig vielleicht, massenuntauglich sicherlich, aber niemals schlecht. Und wer ist dabei? Ach bloss James P. Honey, James Reindeer, babel fishh und Audio88 - Zeilenschrapnelle satt! Ach ja, den mir bis dato unbekannten, aber exquisit auf französisch stylenden Zoen hab ich jetzt im Überschwang meiner Indiegefühle glattweg unterschlagen!

Ihr könnt die auf 100 Stück limitierte CD, die mit einem wundervoll blutigen Artwork (Überformat, dicke Pappe, Klappcover) direkt beim Label (Postrap) beziehen oder wenn ihr Haptiker, aber Feinde des Silberlings seid, die digitale Version über Bandcamp erstehen und wenn ausreichend Moneten reinkommen wird die Scheibe dann auch als schwarzer Teller erscheinen.

Und Nachtrag. In einem Monat erscheint mit Das Jahr der Wasserleiche das nächste Album von Epilog, die dazugehörige EP kann ab heute hier gratis runtergeladen werden.

Ich bin jetzt mal draussen wie ein nordkoreanischer Freiluftknast und verwöhne euch noch mit meiner persönlichen Übernummer des Albums. Epilog plus Misanthrop plus Audio88 - Zürich, München, Neukölln - der Metropolenabriss - so einfach!

  

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