Samstag, 4. September 2010

Jahcoustix - Crossroads [Kingstone Records] ... Eine Überraschung.

Es gibt ja diese Platte, bei denen man als potentieller Rezensent zu Beginn erstmal zusammenzuckt, alles wirkt so kalkuliert, die Akustikgitarre, das scheinbar unausweichliche Gentlemanfeature und dann noch dieser wenig subtile Lobgesang des Waschzettels von wegen der Künstler ist ein Hybrid - er ist ein Singer/Songwriter und macht jetzt auch in Roots Reggae.

Nun gut, die Ignorantenzange ausgepackt, dieses Etwas eher widerwillig in den Player gesteckt und mit ziemlich großem Vorbehalt die Playtaste gedrückt ... und was dann?

Die erste Überraschung kommt ziemlich fix daher, dieses Gentlemanfeature gefällt mir durchaus jutt, verflucht und was jetzt?

Während ich noch etwas ungläubig staune, blubbert die Platte derweil weiter vergnügt durch die Boxen, gibt weltmusikalische Ausritte mit karibischem Flair preis, überzeugt durch die stimmige & verdammt souligen Klangfarbe und mit einer wiedererkennbaren, unaufdringlichen Stimme, welche die Offbeats sehr gekonnt bearbeitet. Ok, ich tue heute mal mindestens einen Zehner ins Ignorantenschwein ... sorry!

Jahcoustix, der gemeinsam mit seiner Livebackingband Yard Vibes Crew die Platte komplett live eingespielt hat, ist einen sehr angenehme Randerscheinung im heutigen Biz, er versteht es clevere Texte zu vertonen, die sich von einer Vielzahl der semireflektierten, verkifften Weltrettungsutopien, die dieses Genre bereit hält, abheben.

Vielleicht hilft es, wenn man sich der harschen Problematiken dieser Welt durch direkte Konfrontation mit ihnen bewusst wird. Die Armut in den Strassen von Nairobi zu erleben ist halt schon was anderes als nur im Eine-Welt-Laden drüber zu lesen.

Versteht mich nicht falsch, ich bin ja einer von euch - dies ist keinerlei Kritik an denjenigen, die sich bilden wollen und die Strukturen unserer Ungleichverteilungen erkennen wollen, aber mich überzeugen intime Songs über das Erlebte mehr als jedes noch so perfekte abstrakte Theorem.

Und hier überzeugt der Singer/Songwriter auf jedem Fall und wenn er diese aufmerksame Beobachtungsgabe dann noch mit raffiniertem, groovigem Roots Reggae vermählen kann - wer will da noch klagen?

Textlich und musikalisch kann man also dieser Platte nicht genug Lob aussprechen, keine selbstgefälligen Plattheiten, kein paternatistischer Unsinn, kulturelles Bewusstsein und kritisches Reflexionsvermögen anstelle von billigem Schielen auf Trends und Mode - kurz: Handwerk trifft Seele.

Die Erfahrungen der fünfwöchigen Afrikatour scheinen durch jede einzelne Zeile durch und dieser Sachverhalt macht diese Platte zu einer ernsten Angelegenheit, sicherlich kein Sunshinereggae für die pseudodeepe Hedonistenfraktion, aber lyrisch ausgefeilter, reifer und charmanter Sound für alle #openmindedsnobz des Planeten. Schön! Ich bitte um mehr.

Und hier einer der Texte, der es mir persönlich am meisten angetan hat, das fast schon journalistisch-dokumentarische "Contemporary Fool". Die kluge Platte kann hier als CD oder Download erworben werden. Cheerz!


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