Montag, 20. September 2010

Doxiadis / Papadimitriou / Papadatos / Di Donna: Logicomix [Atrium]. Eine imposante Reise ins Herz der Mathematik.


Ein Comic der von mächtige philosophische Diskurse handelt, der  über die leidenschaftliche Suche nach Wahrheit und Eindeutigkeit spricht. Fast nachvollziehbar, dass sich hier Kritiker und Spötter aufbäumten und das Projekt versuchte zu diskreditieren. 

Aber das Quartett der Macher:  Doxiadis (Konzept, Script, Storboard), Papadimitriou (Konzept, Storyboard), Papadatos (Figurendesign, Zeichnungen) und Di Donna (Tusche / Colouration) liess sich nicht entmutigen und brachte einen eindrücklichen Comic zu Ende, welcher globale Historie, Wissenschaftsgeschichte, Diskursarchäologie und  biografische Konzepte gelungen verbindet.

Anhand der Figur der brillanten Mathematikers, Philosophen und natürlich auch Logikers Bertrand Russell wird die Geschichte der Mathematik, die Philosophiegeschichte der Logik und das menschlichen Streben nach Erkenntnisgewinn und die Suche nach Wahrheiten illustriert. 312 Seiten Comic und ein umfangreicher Appendix bilden gemeinsam das Ergebnis dieses Experiments ab. Im Vorwort sprechen die Macher selbstironisch über die Vorbehalte gegenüber ihrem Vorhaben. Was sie dort planten sei nichts weiter als der Versuch eine "Logik für Dummies" zu schaffen oder gar "ein Lehrbuch, eine Abhandlung im tarnenden Gewand einer Graphc Novel", so lauteten einige der Vorwürfe.

Ich kann diesen Punkte in keinster Weise zustimmen, zwar habe ich weder zur Schulzeit ein großes Vergnügen an Mathematik empfunden, mir statt die Sprache stets näher, aber der vorliegende Comic ist auch für nicht Philosophieseminaristen mehr als nur ein kleines Infotaimenthäppchen. Er überzeugt durch seine stimmige Dramaturgie, er verbleibt nie im abstrakten Raum der reinen Wissenschaft durch die Ausklammerung historischer Besonderheit, sondern bindet diese ein in die Entstehngsgeschichte der heutigen Logik. Freges abstossender Antisemitismus wird ebenso sehr thematisiert wie die mentalen und emotionalen Grenzzustände Russells. Hier wird keine Heiligengeschichte verfasst, sondern unterhaltsam menschlich und wissenschaftlich fundiert über die Entwicklung der Mathematik gesprochen, deren oberstes Ideal die Schaffung einer vollkommen widerspruchsfreien Grammatik war.

Auch wenn ich einige Zusammenhänge erst nachrecherchieren musste um sie gänzlich zu verstehen, bot mir der Comic einen zu lobenden unkomplizierten Einblick in die philosophischen Überlegungen der Logiker und mathematischen Abstrahierer. Und auch wenn das etwas zu glatte Figurendesign überhaupt nicht mein Tässchen Tee ist entwickelt der Comic aufgrund seines gekonnten Storyboards und seiner gelungenen Dramaturgie einen Sog, dem ich mich nicht widersetzen wollte. Eine Nacht hat es mich gekostet um die 311 Seiten plus Appendix plus zusätzliche Recherche"durchzuarbeiten". Es war ein intellektuelles Vergnügen, lehrreich und unterhaltsam und etwas lobenderes kann man schwerlich über ein solches Projekt sagen. 

Sicherlich auch für die bilderbuchphobe Leserschaft mehr als nur ein ehrgeiziger Versuch andere Inhalte in der Comicform zu etablieren. Ihr findet Logicomix hier, die deutsche Ausgabe überzeugt durch ihre solide Bindung und ihre erfreulich sorgfältige Übersetzung. Also los liebe anonym comicaffine Bildungsbürger stürmt die Läden, traut euch endlich :D. 
 

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