Donnerstag, 2. September 2010

Capone'n'Noreaga - The War Report II [Ice H2O / Soulfood] ... Der Queensklassiker reloaded.

1997 ballerten CNN mit dem ersten "War Report" einen Meilenstein raus, einen der Klassiker der Eastcoast und sowas als Debut und dies obwohl Capone wegen der Verletzung seiner Bewährungsauflagen kurz vor Abschluss der Produktion einfuhr. Vergleichbare Spuren in Sachen Produktionstechnik, Swagger, atmosphärischer Dichte und geerdeter, durchdachter und gnadenlos ehrlicher Lyrics haben meines Erachtens nur noch "Only Built 4 Cuban Linx" oder "3rd Eye Vision" in die Geschichte des 90er Raps eingeschrieben.

Jetzt 13 Jahre später kommt der zweite Teil um die Ecke und der miesmuschelige Spektiker in mir postuliert schon vor den ersten Takten - eine Fortsetzung, kann sowas gut gehen? Klar, Raekwon's Zweitwerk war gewaltig und überraschte mich vollkommen, aber ich neige dazu nicht zuviel des Guten zu erwarten. Ausserdem fand ich das Cover mit dem Photoshopcloning der beiden MCs zu einer düster dreinschauenden Army eher - naja, grenzwertig.

Und manchmal ist diese Herangehensweise das Beste, was einem passieren kann, denn wenn man nicht allzu viel erwartet kann man nicht enttäuscht - oder wie hier sehr angenehm überrumpelt werden.

CNN zimmern dir schon beim erzstimmigen Eröffnungstrack eine solche moody Soundscape durch die Ohrmuscheln, dass du fix am Kalender kontrollieren willst, ob du nicht gerade Opfer einer spontanen Zeitanomalie wurdest.

Straighte End90er Beatästhetiken verknüpfen sich mit reduzierten Produktionsskills der Oberklasse - kein überproduzierter, zugeschmierter Shit, sondern ein minimalistischer, hypnotischer Klangteppich auf Beatbasis. Und dann plötzlich diese beiden Stimmen, die sich selten so gut ergänzten, erst das dunkle, klare Timbre des einen, dann das kratzige Organ des zweiten - krass, warum hab ich den Erstling eigentlich so lange im Regal vergammeln lassen?

Und ich erkenne wieder einmal, was mir an den meisten aktuellen Produktionen fehlt, die Stimme - die erkennbare Stimme des MCs. Mainly! Und hier überkreuzen sich zwei absolut wiedererkennbare Stimmen zu einem kompakten Ganzen, hier lodert ein gewachsenes Team und keine spontane Kooperation zur Geldbeutelfüllung.

Klar, für die Freunde von hochgepitchten Partytunes ohne Kanten werden hier wahrscheinlich Großdosen Prozac nötig werden, zu schwerfällig, fast geleeartig fliessen die subtil aggressiven Lyrics über die verlangsamten Beats. Zu dieser Musik kannst du nicht tanzen, aber wunderbar leiden - Herzblutrap ohne Wenn & Aber. Problematisch ist hierbei nur, können die Kids heute noch so lange zuhören wie 1997 oder ist die Aufmerksamkeitspanne knapper und die Vorliebe für Beats ne andere geworden?

Für mich Oldschoolschädel ist dieser vor hoffnungsvollen Pathos nur so triefende, ernste Soundentwurf, der hoodsoziologisch endlich mal wieder Tacheles redet über offene Armut, statt sich mit Statusinsignien zu betäuben, einfach ein Riesenspass und ne noch größere Überraschung - bei allem Anachromismus klingt die Platte verdammt frisch, die Produzentengilde (Premier, Havoc, Alchemist usw.) sorgt für klangästhetische Kohärenz und Geschmackssicherheit und die Gäste (bis auf den massiv enttäuschende Nas) bereichern die Platte.

Besonders die beiden Raekwoncollabos, der hier endlich mal wieder mit seinem irrwitzigen Talent glänzende Busta Rhymes & der für mich bislang unbekannte Avery Storm fallen mehr als nur positiv auf. Nur die Single (Hood Pride) feat. Faith Evans dürfte nach meinem Geschmack etwas weniger schmissig sein, hier wären ein paar Kanten mehr - wie auf dem Rest der Platte zu finden - top gewesen, aber hey, ich hab schon ekelhaftere Dinge gehört, als diese etwas abfallende, aufs Radio schielende Nummer, also eher ein Luxusproblem.

Wer auf Downtemponummern und präzise Beobachtung, auf melancholische Flächen und konkretes Storytelling, auf Boomtschak und entschleunigte Beats steht, der sollte hier unbedingt mal reinhören. Ein letzter Brocken Galle kommt aber trotzdem noch am Ende - leider lässt auch diese Platte ein Element vermissen, welches für mich wie kein anderes Hip Hop repräsentierte - die Cuts. Aber so ist es wohl im Jahre 2010 - trotz fehlender Nadelkunst ein rundes Album und ein gelungenes Zweitwerk. Dick! Käuflich erwerbbar hier (haptisch/digital).

Und zum anfüttern jetzt noch verdammt feines Brett von einem erweitertem Requiem - "i had a phonebook full of ghosts [...] i know its fucked up, but the list goes on" - klatsch! So muss melancholischer Rap klingen. Der Song heisst folgerichtig "Obituary" und reduziert aufs nötigste reicht es hier für ne echte Gänsehaut.


1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

ooookay. danke für den schubser. das landete auch bei uns in der radio-redaktion, aber ich nahm mir das nicht mit, weil ich auch dachte, dass mich sowas nicht so interessieren würde. aber jetzt, nach der review... vielleicht doch ne chance verdient.

danke auch für den identität classless kulla track. cool.

gruß aus mü,
LW