Mittwoch, 28. Juli 2010

v.a. - Afro-Beat Airways [Analog Africa / VÖ: 06.08.2010] ... Verpasster Flug / Genutzte Chance!

Der vollständige Namen dieser unglaublichen Compilation lautet: v.a. - Afro-Beat Airways. West African Shock Waves From Ghana And Togo 1972-78 und sie ist eigentlich ein sehr unterhaltsamer Unfall der Musikgeschichte. Wer diesen Blog schon etwas länger kennt, weiss, dass ich Anekdoten rund um die Entstehung von Platten und Büchern sehr schätze und diese hier ist zu schön um sie zu unterschlagen.

Samy Ben Redjeb, der Verantwortliche dieses Sampler checkte in Frankfurt ein um via Addis Abeda Airport nach Angola zu reisen, um dort musikarchäologisch tätig zu werden. Wie es der Zufall aber wollte, hatte er leider seinen Koffer mitsamt seines Passes aufgegeben. Resultat, der Magen des Stahlvogels musste entleert werden, der Pass aber blieb verschwunden, der Fluggast musste gestrichen werden, Redjeb hing in Frankfurt fest.

Ein Umbuchen am nächsten Tag gestaltete sich als sehr schwierig, weil alle Flüge bereits auf Monate hin ausgebucht waren. Lösung: Ein anderes Ziel & so flog er Accra (Ghana) an und begann dort mit dem Zusammentragen der 15 Tracks, welche es auf diesen vorzüglichen Sampler geschafft haben.

Bizarrerweise wäre diese Songs also nie oder erst viel später für uns Europäer zugänglich geworden, wenn der Macher ein organisierterer Reisender wäre! Ein Lob auf die Unordnung. Was Redjeb nach dem verpassten Flug zusammengetragen hat lässt sich im Spannungsfeld Afro-Beat, Cosmic Afrofunk & Psychedelic Boogie verorten.

Ghanas & Togos Musiktraditionen standen in den 70er Jahren ja sehr im Schatten des omnipräsenten Lagosfunk einerseits & dem sehr populären Highlife andererseits und so ist es um so erfreulicher, dass einige eifrige Archivwanzen uns nun immer mehr Prismenfarben dieses kaleidoskopischen Kontinents zugänglich machen und somit die Komplexitäten um das reiche musikalische Erbe Afrikas in der Vordergrund rücken.

Das Ergebnis von Redjebs Zickzackkurs zwischen Ghana & Togo: Mehr als ein Dutzend Interview, 90 eingescannte Originalbilder & 120 digitalisierte Masterbänder - ehrbar! Er selektierte und selektierte bis der Funkdarwinismus noch 75 Minuten feinster westafrikanischen Heavyfunkperlen übrig liess. Garniert mit einem 44seitigen Booklet erhält man also wieder einmal klassische Analog Africa-Qualität und ich warte noch immer auf ein kooperatives Bergeprojekt von Samy Ben Redjab & Miles Clertet - ich glaube diese gemeinsame Platte könnte Musikgeschichte schreiben!

Aber kommen wir mal zurück zum eigentlichen Thema - hier lässt sich noch etwas sehr bezeichnendes für das aktuelle Musikgeschäft ablesen. Bei dieser Veröffentlichung kommt es dazu, dass (Vinyl) & (CD) exakt preisgleich sind, was die absurde Preispolitik der Silberlinge nochmals sichtbar macht - ich finde es noch immer abenteuerlich, dass sich diese überzogenen Preise halten können ... aber ja, ich hab dies ohnehin nicht zu entscheiden & ganz egal für welches Medium ihr euch entscheidet, das Booklet ist definitiv sein Geld wert, die Musik ohnehin & ja diesen ungeplanten Sammlerenthusiasmus muss man eigentlich belohnen :D.

Zum Abschluss noch ein Klangbeispiel, Rob mit seiner unglaublichen Nummer "More" und ja ich will hoffe, dass wir nochmal Nachschlag von Analog Africa erhalten, ich erkläre mich auch persönlich bereit seinen Pass zu essen, wenn es der Sache dienlich ist :D.


Kommentare:

Anonym hat gesagt…

absurde preispolitik?!
Sorry, aber eine Analog Africa CD ist jeden Cent wert! Wer selbst mal eine CD produziert hat, weiß wie viel Arbeit dahinter steckt. Und wer sich mit dem Label Analog Africa befasst, weiß, wie viele Extrastunden und Kosten in jeder CD stecken...
Kosten für dicke Booklets, Pappschuber, aufwändige Grafiken & Drucke, Recherche-Reisen, Musiklizenzen, und unzählige Arbeitsstunden. Wirtschaftlich betrachtet sind die Preise für Analog Africa CDs nicht hoch genug kalkuliert, um die kosten zu decken! Wer Samy Ben Redjeb kennt, weiß, daß er ein Überzeugungstäter ist und letztlich bei jeder Veröffentlichung drauf legt.

Ich ahne, daß du dein Statement nicht so gemeint hast, aber trotzdem ist der Begriff „absurde Preispolitik“ grober Unfug und eine Beleidigung für die Arbeit Analog Africas und alle Labels die hart dafür arbeiten eine anspruchsvolle Hörerschaft zufrieden zu stellen.

Absurd sind 15 Euro für eine lieblose Wiederveröffentlichung eines Hit-Albums aus den 80ern in einem Jewel Case.

Anonym hat gesagt…

hey,

schöner review, aber ich muss dem leser oben zustimmen. von einer absurden reispolitik zu sprechen, bei luxus-CDs, die mit so viel liebe zum detail gemacht sind, das ist unfair. keien ahnung was so eine cd in der produktion kostet. aber15 bis 20 euro sind mehr als angebracht...

trotzdem, mach weiter so

Der digitale Flaneur hat gesagt…

@Anonym I: Holla! Ich gebe dir in jedem deiner Punkte Recht, was ich meinte war, dass es absurd ist, dass eine CD den gleichen Preis wie das Vinyl hat & die sind bei Analog Africa immer unglaublich schick. ich verehre Samy für seine Arbeit & meine Kritik galt nur den meines Erachtens noch immer überzogenen CD-Preisen, insbesondere wenn sie nicht so liebevoll aufbereitet sind wie bei AA. Bin eben ein Vinyljunkie und CDs gegenüber einfach voreingenommen - sonst war nix. Also Friede?

Gruss