Samstag, 24. Juli 2010

Mopz Wanted - Begleiterscheinungen [Pose Off Records] ... Storytellervergnügen ohne Strassengimmicks.

Eins vorweg - Mopz Wanted ist keiner dieser umwerfenden Silbenmagier, die hermetisch geschlossene Zeilenketten zerteilen, Worte absurd morphen und stolze Satzbauten verbiegen können - er ist eher ein konservativer Lyricist - mit tiefer Erdung in den späten 90ern. Wer damit nicht klar kommt kann gleich weiter blättern, die anderen dürfen gerne weiter lesen.

Mopz Wanted bringt in der für ihn typischen 3Jahresfrist nach "Zeichensprache" (2004) ,"Ein neuer Morgen" (2007) nun in 2010 "Begleiterscheinungen" raus. Und wieder einmal kommt er mit viel viel Gefühl um die Ecke. Melancholische Beats plus überlegte, nachdenkliche Textraffinesse - klar diese strictly moody Klangvision wird sicherlich nicht in einer klingende Kasse voller Hartgeld enden - aber ich glaube dieses Ziel wird hier ohnehin nicht verfolgt.

Schaut man sich die Karierreverlauf dieses Geschichtenerzählers an, so kann man an ihr fast eine Sozialgeschichte des deutschen Raps ablesen. Erste 12Inch auf PDNTDR, nach der Pleite labellos, Reorientierung, neues Album im völlig veränderten Marktsegment und sich trotzdem treu geblieben & weiter entwickelt. Und der Mopz schielte nicht nach dem schnellen Ruhm, als sich der Wellenkamm des Strassenraps brach, waren Rapansätze wie seine altbacken & ziemlich draussen. Ich glaub nicht, dass sich heute hier vieles geändert hat, sein bewusst anachronistischer Ansatz wird für massig Hater sorgen & einige Menschen sehr glücklich machen.

Und auch wenn nicht jeder Satz und auch nicht jeder Track vollkommen überzeugt, hier giesst dir jemand Bilder ins Ohr, die im besten Falle länger nachhallen als bis zur nächsten Hook. Manche Texte sind einfach nur Top! ("Über die Angst" / "Immer noch" / "Mit meinen Augen") und bei manchen Lieder wäre ein wenig weniger mehr gewesen. Man kann eben nicht jede Komplexität in Silben giessen - aber auch ein gescheiterter Versuch ist ehrbar - keine Frage. Menschen, die sich damals mit RAG, Doppelkopf & anderen Tapiren im Walkman zum Zuhören aufs Bett legen konnten werden dieses Gefühl hier wiederentdecken können.

Seine musikalische Vision & sein Bezug zur Kultur kann man auch an den Featuregästen ablesen, ob der kantige & immer bissiger werdende Sinuhe oder die Kopfkinovorführer der Rohdiamanten, hier sind Boothfanatiker aktiv - Schulter an Schulter rund um dem Kreis stehen und anfeuern, von der Kooperation in der Konkurrenz - weisste noch?

Aber er hebt auch lustige Veteranen vom Meeresgrund der Szene wie beispielsweise die Firmenmitglieder Tatwaffe & Def Benzki, von denen ich eigentlich dachte, sie seien inzwischen inaktiv - man lernt nicht aus.

Ich will euch noch die erste Auskoppelung des Albums präsentieren, die Kleinstadtretrospektive "Heimat". Mich, als ein Mensch, der mit einer Landkindheit gesegnet ist, überzeugt dieser Text völlig, fraglich ist bloss, ob jemand, der in der Großstadt aufwuchs sich hier überhaupt einfühlen kann. Aber auch sowas ist ne Qualität, Waldwege- statt Strassenrap - hoffen wir mal auf einen Boom in diesem Segment.

Leider ist die Single (wie die meisten Auskopplungen) aber etwas zwiespältig, denn auch wenn mich der Text wegen seiner Nachvollziehbarkeit mehr als nur flasht, die soulige Frauenstimme im Hook ist mir echt zuwider - sorry Eylem!

Kurz: Ne Platte, die sicherlich nicht zum wilden Partymachen taugt, die bei der nächtlichen Autofahrt zwischen Zuhör- und Gangstaraphörern spalten wird und ne Platte die wahrscheinlich am besten alleine im Kopfhörer genossen werden sollte. Nachdenkmusik, mal gut, mal weniger - lebensecht eben - erwerbbar hier (haptisch/digital). Cheerz!

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