Mittwoch, 30. Juni 2010

Rakaa (Iriscience) of Dilated Peoples - Crown of Thorns [Decon / VÖ: 16.07.2010] - Hip Hop ohne Wenn & Aber, ohne Zögern & Zaudern!

Im quasi frühmittelalterlichen Jahre 1992 begannen drei Idealisten gemeinsam mit dem Musizieren. Die schillernde Geschichte als Garanten eines kraftstrotzenden, unabhängigen & vor allem überzeugenden (sprich authentischen) Indierapentwurfs begann.

Ihre - leider nie offiziell veröffentlichte - erste Platte, trug bereits den vielsagenden Namen "Imagery, Battle Hymns & Political Poetry" und zeigte klar, dass wir es hier nicht mit Schiesspulverclowns, Coca-Minnegesang oder endlosen Pullergeprotze zu tun haben werden. Hier stand stattdessen der Intellekt und die eigene Weisheit im Vordergrund, jedoch ohne die belästigende Belehrungspoesie anderer Zulunationalisten. Lag vielleicht auch immer an der bunten "Ethnizität" der Gruppe, dass niemals blöde Abgrenzungsriegel hochgezogen wurden und man auch praktisch weltoffen blieb, statt nur theoretisch.

Dilated People nahmen das leider zunehmend in Vergessenheit geratende Motto der frühen Hip Hop-Bewegung "Peace, Unity, Love & having fun!" sehr ernst und ballerten feinste Boombapware in die Kopfhörermuscheln der Gläubigen. Politisches Anliegen, feinste gesellschaftskritische Miniaturen, geerdeter Rapfanatismus plus eine absolut unverschnittene Klangästhetik mit Cuts & 808-Watschen - die Quintessenz der Kalifornier.

Sie blieben stilistisch immer zuverlässig, klar war diese Berechenbarkeit auch ein bissl langweilig, aber sie waren immer so on point & direkt auf die Nackenmuskulatur zugeschnitten, dass man ihnen diesen Traditionalismus durchgehen ging.

Tragischerweise bekamen das Trio (bestehend aus Evidence, Rakaa Iriscience & dem unbestreitbaren Balu aller DJ's, dem Beat Junkie Babu) erst 2004 einen Fuss in die Mainstreamtür als sie gemeinsam mit Kanye West ein Requiem für den so sinnlos niedergeschossenen Vollblutaktivisten Jam Master Jay (RIP!) veröffentlichten. Der Namen dieses übermenschlich guten Totengedenken on Beats war, wie wir alle wissen "This Way", und die Wahrnehmung der Band wurde zunehmend auf diesen einen Song eingeengt, völlig zu Unrecht, aber so ist es eben mit dieser seltsamen Währung namens Aufmerkamkeit.

Nachdem Evidence bereits ein paar Schritte auf dem Solistenpfad hinter sich gebracht hat, meldet sich nun auch der zweite MC der Dilated Peoples mit einem eindrücklichen, kraftvollen und angenehm semianachronistischen Werk an der Bühnenzerstörerfront zurück.

Rakaa ballert und rumpelt, stylt und brennt ... kein Ausfall, 13 Songs voller energetischer Wucht, hingebungsvoller Performance und aussergewöhnlich dichter Poesie, ja da klopft einem doch als schwächelnde Ü-30er-Herz bis zum Hals. Und die Dornenkrone trägt dieser Mensch mit Anmut & Stolz. Zulureminiszenzen, internationale Brechercombos & durchdachtes Storytelling, alles da, alles rund, alles passt.

Mit den Gastproduktionen von The Alchemist, El-P (!!!), Illmind, Exile und DJ Honda kann man eigentlich auch keinen Kuchen verkacken. Und so bekommt jeder offenschädelige Head hier einen auditiven Feuchttraum in die Ohren getropft, als seien die 90er nie zu Ende gegangen & die Charts nicht durch Karikaturen von Karikaturen übernommen worden. Die Zeitlosigkeit und das Keinen-Beischlaf-Geben auf Trends & Moden macht die Sache dann auch so rund.

Bereits der bluesige Opener "Crown Of Thorns" (feat. Aloe Blacc) hat übelste Ohrwurmqualitäten und wächst und wächst, was soll man nach solch einer Eröffnung erwarten, Absturz (hatte MadoppelT ja eindrücklich vorgeführt) oder doch dieses weiter steil nach oben?

Rakaa ist schon lange genug Aktivist mit klassischer Elementesozialisierung (und als ehemaliges Mitglied der Rock Steady Crew hat er natürlich Maler- und Breakererfahrung) dass er auch Grundlagen schaffen kann. So eröffnete er auch in L.A. das erste Universal Zulu Nation-Chapter und dass dieser Mann ein Fackelträger ist sollte spätestens jetzt klar sein.

Aber die Vielzahl der Stile, die er auch seinem ersten Solo vereint hat, haben selbst mich, in meiner bekloppten Vorfreude auf die Platte überrascht. Hier schimmern allerfeinste ATCQ-Zitate durch (Rosetta Stone), diese stehen neben einer krass ballernten Boombap-Collabo (Breathe) mit Krs-One, der hier seit langem wieder mal eine sehr frische Figur macht & nicht mit absurden Theorien langweilt, sondern einfach über Atmenkönnen, Selbstverwirklichung und der Suche nach spiritueller Erfahrung spricht - und Rakaa macht hier eine sehr, sehr gute Figur. Ein Seminar der beiden wäre überzeugender, als all die Solobelehrungen von Mister Parker, Rakaa's lässiger Vortrag ist ein sehr gutes Korrektiv zu der Bierernsthaftigkeit seines Partners & rettet selbst für einen Zuluskeptiker wie mich die Ideen der Bewegung!

Einen anderer, absolut herausragender Song ist die von DJ Honda produzierte Globalart-Sause "Ambassador Slang" - hier geben sich MC aus Korea, Neuseeland, Hawaii & den Philippinen die Klinken in die Hand und versenken ein paar 16er, die sich gewaschen haben in den Tiefe der Studiotechnik. Globalisierung kann auch Spass machen!

Eine Nummer die mich schier von den Beinen holt ist die extraharte, dreckige Sause von El-P, der ein Monster in bester Comp Flow-Manier für Rakaa & Chali2na zimmert, die hier schon fast (ungelogen!) Cannibal Ox-Qualitäten an den Tag legen, wenn auch mit etwas mehr Funk. "Mean Strike" ist ein Hammer!

Sämtlich featurelosen Nummer können bestehen, im Gegensatz zu vielen anderen Soloalben, die eher den Eindrück einer Kompilation erwecken, überzeugt dieser MC auch durchweg alleine. Ob es nun die mühelos leichtfüssige Retrospektive "Upstairs" ist, in der über Kindheitserinnerungen gesprochen wird oder "Connect The Dots", was als Abriss seiner Karierre als Aktivist, Fan & Hater (bleibt ja manchmal nicht aus) verstanden werden kann - hier bekommt man noch komplexe Wortketten, ganz ohne Hurensohn-Adlibs geboten, ganze Sätze & dann noch inhaltsbefüllt, solches Storytelling ist selten geworden, oder?

Natürlich dürfen auch die alten Los Angeles-Haudegen nicht auf dieser Platte fehlen, die Features mit Krondon (Strong Arm Steady) & Defari (Likwit Junkies) atmen diesen ganz speziellen West Coast-Indieflair, den man nur schwer in Worte fassen kann, der meinen Nacken aber immer sehr euphorisiert :D. Die düstere Sozialkritik "Eyes Wide" (ft. Krondon) ist einer dieser Song, weshalb ich LA immer lieben werde, brettharte Beats, zwei brillant beobachtende & präzise wiedergebende MCs und kein Anzeichen von Bruch oder Schwäche. Tight!

Und die zweite Großnummer "Aces High" (ft. Defari, Evidence & Fashawn) bei der der Micwechsel schon erschreckend abgeklärt ist, geht schon fast als klassischer, zwingender Dilated Peoples Song durch und ja hat Bums.

Klare Flaneurempfehlung für ne Platte, die mich inzwischen (12er Durchlauf) fast so derbe flasht wie seinerseit (1998) die "3rd Eye Vision" der seligen Hieroglyphics, 22 Jahre später kommt ein Brett von einem Album daher, dass mich wieder genau so kribbelig macht. Nenn es Oldschoolmentalität oder Hängenbleiben - ich sag euch auch diese Platte (demnäxt hier erwerbbar) ist nachhaltig, zeitlos & schon jetzt klassisch! Und sowas aus dem Munde eines Silonationalisten ... bitte berücksichtigen!

Und zum Abschluss an diese offen parteiische Lobhuddelei noch ein Beweis für die Richtigkeit meiner Aussagen :D. "Connect The Dots". Cheerz!




Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Geniales Review. Toll geschrieben und gibt das wieder was ich über dieses Werk denke. Vor allem dieser Abschnitt spricht mir aus der Seele: "Und so bekommt jeder offenschädelige Head hier einen auditiven Feuchttraum in die Ohren getropft, als seien die 90er nie zu Ende gegangen & die Charts nicht durch Karikaturen von Karikaturen übernommen worden."

Danke!

Der digitale Flaneur hat gesagt…

*schnurr*