Freitag, 16. April 2010

re:publica # 03: Ascheregen, uneingelöste Vortragsversprechen, Breitbandbildung und Intimes Schreiben.


Götz W. Werner umriss (verspätet) die Konzepte seiner Forderung nach dem bedingungslosen Grundeinkommen. Erstaunlich scharf angezählt wurde hierbei die Ressourcenverteilung in Deutschland, die trotz der real vorhandenen Überhangspotentiale Altersarmut, Kinderarmut und bürokratische Gängelung von Erwerbslosen zulässt. Erstaunlich, weil es ein erfolgreicher Firmengründer und Unternehmer und kein verträumter Antikapitalist ist, welcher die Ungleichverteilung des Güter dieses Landes benennt. Seine Schlaglichter machten die Bruchstellen einiger liebgewordener Thesen unserer Gesellschaftordnung deutlich, die Motivation der Arbeitsbiografie ist der Einkommensplatz anstelle des Arbeitsplatzes.

Die Rahmenbedingungen erlauben also eher entfremdete Arbeit statt sinnstiftender Tätigkeit, Müssen statt Dürfen, Wollen statt Sollen - eine andere soziale Interaktion eben. Werner extrapolitierte seine Kernkonzepte folgendermassen: Der paradigmatische Wechsel in der Betrachtung des Konzepts der Arbeit mündet in eine weitreichende entwicklungspsychologische Neuorientierung des Einzelnen und führt somit zu einer Aufwertung des gesellschaftlichen Gefüges, weil ein jeder nur noch die Dinge tut, welche er als relevant und emotional befriedigend erlebt.

Klar, man kann diesen himmelsschreiend großherzigen Idealismus dieses Unternehmers kritisch beäugen, aber ich glaube, dass sich deutlich mehr Personalmanagementkräfte seine Thesen zur Motivationspsychologie, Anerkennungsnotwendigkeit und Wertschätzungslogik an- oder besser abschauen sollten. Auch das lebendige Klatschvieh verschiedener Talkshowformate bekam sein Fett weg, dieser Mann versteht die organisatorischen Prinzipien der medialen Aufmerksamkeitslenkung, aber er besitzt auch den Langmut, um sie zu ertragen.

Kein lauter oder reisserischer Sprecher und Ideengeber, aber ein provokanter - erkennbar an den Verve der nachfolgenden Fragesteller. Dieses Land bräuchte mehr von ihnen. Weisste!

Die beiden Organisatoren Johnny Haeusler und Markus Beckedahl lösten ihre Vortragsversprechen zwar nicht ein, aber trotz dieses Verzichts war diese halbe Stunde beileibe nicht verschwendet.

Sie stellten sich der Kritik & auch dem Lob (Ungleichverteilung war absehbar) und taten etwas, was viele Konferenzmacher nicht beherrschen. Sie nahmen alles zur Kenntnis, waren offen für neue Ideen und Anregungen und sich auch nicht zu schade, die fehlende Synchronisierung der Beiträge einer international besetzten Konferenz mit den hohen Kosten einer Simultanübersetzung zu erklären.

Aber auch die skeptische Haltung zur Organisation der Übersetzung durch Konferenzbesucher wurde nicht verschwiegen, denn für ein Misslingen würde ja die Organisatoren und auch deren Reputation haften. Ein solches Vorgehen kann man nur mit einem Dreisilber benennen - souverän.

Die Medienwissenschaftsprofessorin Miriam Meckel schloss nicht nur die offensichtliche Gendergap der re:publica, sondern überzeugte vor allem durch ihren komplexen, anspruchsvollen und erhellenden Vortrag über digitale Überwachung, Algorithmuseuphorie und allzumenschliche Zufälle unter dem Titel "This object cannot be liked". Ihr routinierter und souveräner Stil erleichterte das Verständnis der schwierigen Fragestellungen (auch durch die gekonnt gewähle Illustrationen) ungemein. Bislang einer meiner 3 Favoriten unter den Vorträgen. Wurde aufgezeichnet, Tipp meinerseits, anschauen, weil lohnend!

Im Workshop "What would Humboldt do?" wurden von Pippa Buchanan und Basti Hirsch Konzepte der Möglichkeiten des Offenen Lernens von akademischen Inhalten vorgestellt. Mit dem Ziel der liberalisierenden - sprich entzerrenden - Transformation der Bildungspyramide weltweit. Eine Thematik, welche in Deutschland aufgrund der Zulassungsdebatten rund um den Master für die "Masse" und der noch immer signifikant schichtspezifischen Förderungen per Stipedium auch sehr aktuell ist.

In Amerika scheint sich eine neue nonkonformistische, bildungseuphorische Bewegung unter dem Slogan "Edupunks" herauszubilden, welche die alten Forderungen nach der Volksbildung wiederbelebt. Erfreulich. Aber auch die fundamentalen, epistemologischen Ideologeme unserer Wissenschaftsgesellschaften könnten durch die "Breitbandbildung" (man braucht ja Labels, oder?) verändert werden. Denn durch die Ausweitung des Kreises derer, welche sich auf die Wissensvermittlung, -aufbereitung und -weitergabe verstehen, könnten völlig neue akademie-ungebundene Wissenstransferzusammenhänge entstehen.

Möglicherweise entwickeln sich hier durch Netzwerke, welche auch Menschen, die - aus welchen Gründen auch immer - keinerlei akademische Bildung erwerben konnten zu einer weitergehenden Allgemeinbildung verhelfen können. Wissen ist schliesslich auch Macht - also ganz so niedlich und harmlos wie es klingen mag, ist dieses Konzept glücklicherweise nicht. Also los: Educate yourself, do the DIYMaster.

Beim "hands-on workshop: coding for data-journalism" wurden einige Tools vorgestellt, welche das Auslesen verschiedener Datenquellen erleichtern. Für mich als Coding-Analphabet zwar etwas wirr und opak, lag aber definitiv nicht am vortragenden Urs Kleinert, denn der hatte alles sehr charmant aufbereitet und vorgetragen. Man lernte bei ihm beispielsweise die Daten zu den verschiedenen Nebenbeschäftigungen unserer politischen Klasse automatisiert auszulesen und grafisch aufgehübscht darzustellen - hübsche Illustration des Themas, fürwahr.

Der Vortrag "Vernetzte Intimität. Autobiographisches Schreiben in Weblogs" von Kristian Basler umrundete die Fragestellungen der autobiographischen Aufrichtigkeit im Netz. Welcher Grad an Offenheit ist wünschenswert? Ist jedes Lebensdetail, jeder Klobesuch, jeder Rausch tatsächlich wert veröffentlicht zu werden oder würde eine thetische Zuspitzung gefälliger sein?

Was passiert, wenn der Markenanspruch den Entwurf des digitalen Persönlichkeitsentwurfs dominiert, welches Mass an satirischer Überzeichnung ist noch glaubwürdig? Welche Folgen hat das offenherzige Darstellen auf die lebenswirkliche Realität; was tun, wenn Trolle den Charakter hijacken?

Basler gab einen kurzen Abriss über die Entstehung der Weblogs, differenzierte zwischen den Begriffen der Intimität und der Öffentlichkeit und leitete dann über zum Thema seiner Magisterarbeit und zu seiner Arbeit als digitaler Blogforscher.

Blogs werden als Datenspeichermedien und Vernetzungsinstrument definiert, die literarische Gattungsbestimmung spricht er ihnen aber ab, darüber lässt sich sicherlich vorzüglich streiten. Aber die gattungsgeschichtliche Problematik der offenen Werksgrenze des stets weiter gedeihenden Inhalts ist nachvollziehbar gemacht worden.

Linguistisch verortete er Blogs oder besser die sprachlichen Äusserungen auf ihnen im Spannungsfeld zwischen Einzelpublikation und Diskussionsgrundlage, wenn man die Kommentare zum einzelnen Post miteinbezieht. Was ist Intimität? Eine Kompensationsmechanik, eine Abgrenzungstechnik oder ein Markierungszeichen des Emotionalen? Fragen über Fragen. Antworten sind nachzulesen auf seinem Blog.

Lorenz Matzat gab in seinem Beitrag "Datenjournalismus in der Praxis" einen Einblick die Arbeitswirklichkeiten des DDJ (Data Driven Journalism). Nachlesbar ist dies unter tinyurl.com/datatata.

Er gab einführende Beispiele zur Recherche und die Erstellung von strukturierten Datensätzen. Die digitale Hybridform (Recherchemethode plus Veröffentlichungsform) des DDJ basiert auf der journalistischen Aufbereitung und ergänzenden Anreicherung der reinen Textbeiträge mit Visualisierungen, Datenremix und/oder interaktiver Darstellung. Jedoch kann der DDJ auch kritisiert werden als eine Schrumpfform, da es sich um ein rein maschinelles Ausleseverfahren handelt.

Dies ist aber meines Dafürhaltens nicht der Fall, wenn der DDJ als ergänzende Praxis zur "klassischen" journalistischen Arbeit (Deutungsverfahren, Textorganisation, Informationsmoderation) verstanden wird. Die Informationsaufarbeitung der netzjournalistischen Arbeitsweise rückt die ökonomische Verwertbarkeit und die Interpretationsdominanz in den Hintergrund. Sie verschreibt sich vielmehr der Begriffe des kollektiven Informationsauswertens und des ausgeweiteten Datentransfers und -tausches aus Wissenschaft, Forschung und Politik - Label under "OpenData".

Ende der Sause, Urteil Yippie! Ich freu' mich aufs nächste Jahr.

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

ach, das war diese messe? ja, götz werner ist n interessanter charakter. ...cool, ich schreib grade auch nen text über entfremdete arbeit (einen für die uni, und einen auf nen beat).
gruß . L-W