Donnerstag, 24. September 2009

ORKA & Yann Tiersen musizieren fachgerecht und entthronen die Neubauten.



Ich (in meiner Eigenschaft als Flaneur) habe mich gestern trotz massiv angeschlagener Gesundheit zu einem Konzert geschleppt, über welches ich nun berichten will.

Warum ich trotzdem hinging?

Zum einen weil ich die Karte bereits einige Wochen zuvor mein eigen nannte & ich sie nicht ersetzt bekommen hätte & zum zweiten, weil mich die Gruppe des Abends sehr neugierig gemacht hatte, insbesondere durch die Beteiligung von Yann Tiersen.

Der Ort des Auftritts war sehr gut gewählt, das Glashaus der Arena, als Vorgruppe gab es hier den Auftritt eines lustig zynischen Holländers (dessen Namen mir leider prompt entfallen ist), der am Strand mit Gitarre & Piano einige seiner Melodeien zum besten gab.

Der Platz kann nur als höchstcharmant bezeichnet werden, da sass ich also mit meinem Bierchen rauchend an der Spree im erstaunlich warmen Sand & harrte der Dinge die nun noch folgen sollten.

Als Beginn eines Konzertabends wirklich kein zu verachtender Einsteig.

Um 22 Uhr betraten dann die in der gemeinen Musikpresse gerne als "Schrottplatztüftler" gebrandmarkten ORKA die Bühne.

Das bisherige Quintett ist inzwischen durch das freiwillige Überlaufen Yann Tiersen's (welcher der gefälligen Neuklassikfront nun scheinbar endgültig den Rücken zuwendet), zu einer sechsköpfigen Lärmbestie angewachsen, meine Erwartungen an ihren Auftritt waren hoch, und sie sollten nicht enttäuscht werden.

Größtenteils war dies auch der wunderschönen Sängerin, die gestern mitreiste, geschuldet, denn ihre schiere Bühnenpräsenz machte das Gesamtpaket aus eigenständigem Sounddesign & überraschenden dramaturgischen Wendungen noch ein wenig runder, falls Perfektion denn überhaupt steigerbar sein kann.

Wie soll man diese Band beschreiben ohne einen Referenzrahmen, der die einzelnen Einflüsse & Anleihen abzubilden imstande ist?

Gar nicht, denke ich, also lass ich nun einen klitzekleinen Vergleichsdiskurs folgen.

Da ORKA all ihre auf der Bühne zum Einsatz kommenden Instrumente selbst entworfen haben, ist die ästhetische Nähe zu den Neubauten natürlich augenscheinlich, aber hier liegt eben genau der Reiz dieser Band, zwar werden Zitate gehubert & Anleihen gemacht, aber das Resultat ist ein völlig eigenständiges.

Der Hauptgrund für die seltsam befremdliche Wirkung der Kapelle liegt meines Erachtens darin, dass alle Songs in Färöisch vorgetragen werden, einer altnordischen Sprache, welche Verwandtschaften zum Isländischen & Norwegischen aufweist und der Klang dieser Zunge lässt natürlich auch Assoziationen mit den Postrockern von Sigor Rós zu.

Oder auch der außergewöhnlichen Gabe der Sängerin, welche es versteht sich zwischen der eindringlichen Stimmgewalt und -modulation einer Mari Boine oder einer Björk zu positionieren, ganz ohne in die extravaganten Launen der Zweitgenannten zu verfallen oder wie ein Abklatsch zu wirken.

Ihre atemberaubend vielfältige Stimme gab dann auch den letzten kleinen Impuls, welcher nötig war um bloss noch staunend auf die Bühne zu glotzen.

Das rhythmische Rückgrad der Band bildete die massive Combo aus Schlagzeuger & Bassist, auch wenn man diese Bezeichnung nicht im klassischen Sinne aufrechterhalten kann.

Denn der Bass bestand hier aus einem modifizierten Zaunpfahl, welcher zeitgleich als Streich- oder Schlaginstrument eingesetzt werden konnte, das Schlagwerkzeug wiederum aus zwei handelsüblichen Blechtonnen und einem Crashbecken, welches um ein digitales Drumset erweitert wurde.
Resultat: Fasziniertes Anstarren der Bühne ...

ORKA liess sich auch nicht lumpen und bot eine Show der anderen Art.

Die dramaturgischen Bögen reichten von geflüsterten Passagen, eingebettet in sanfte atmosphärische Klangcollagen, (deren Struktur gerne an den Rändern mit einigen gekonnten Distortions aufgebrochen wurden) bis hin zu kraftvollen perkussiven Ausbrüchen, welche auch durchaus den Neubauten zu Ehre gereicht hätten, sie möglicherweise aber auch überboten.

So prasselten während des Auftritts komplexe, polyrhythmische und dissonante Kaskaden auf das im seiner Gesamtheit verblüffte Publikum ein, die wenigstens blieben sitzen und so entstand vor der Bühne ein symphatischer Hybrid aus verzückt hin- und herwiegenden Geniessern und wild tobenden Schlagwerkenthusiasten.

Und die Färöer zeigten, dass auch ein Schwingschleifer, der sich funkenstobend durch ein Stück Metall frisst als rhythmisches Instrument nicht zu vernachlässigen ist.

Yann Tiersen (gewohnt wortkarg) zog es (leider) vor nicht am Piano zu erscheinen, sondern arbeitete sich (zumeist auf allen Vieren!) an einem Instrument ab, welches nur noch sehr entfernt an eine Violine erinnerte.

Er schien dieses Ausufernde, Lärmige sehr zu geniessen, möglicherweise therapiert er sich ja gerade von einem süsslichen Trauma, welches ihn nach dem Amelie-Hype ereilt hat, wer weiss :).

Nach knappen 80 Minuten war leider Schluss mit den färöischen Weisen, der Stimmgewalt der extrem süssen Frontfrau, dem Funkentanz, dem lautstarken Schlagen der Fässer und den Bühnenzauber von ORKA.

Was bleibt ist die Gewissheit, ein aussergewöhnliches Konzert gesehen zu haben, welches sicherlich noch lange seinen Nachhall finden wird. Um euch aber nicht mit meiner subjektiven Flaneurbewertung alleine zu lassen hier noch etwas Tonmaterial.

1) Einen Livemitschnitt (leider ohne die charmante Sängerin):



2) Ein schönes Footageelement der DVD, welches (in welcher Sprache auch immer :) ) die Arbeitsweise der Gruppe & die Instrumente erläutert:



3) Und zu guter letzt, einen verdammt schönen Song des aktuellen Albums mit einem nicht unpassenden Video. Leider ist die Klangqualität nicht die beste, aber ich hoffe ihr habt trotzdem Spass damit ... Cheerz!

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