Mittwoch, 12. August 2009

Heldenplätze werden echt nur selten besetzt ...

Weshalb dies so ist, werde ich in den nächsten paar Zeilen rund um die beiden Chefstylern einfach mal zu erklären versuchen.

Fangen wir langsam an mit dem zweiten Teil der Herr von Grau-Offensive , häppchenweise, ich will die heutigen Hip-Hop-Etwase ja nicht überfordern. Also was sagt denn die Faktenlage?

Punkt 1: Styles & Flows.

Einerseits besitzen Herr von Grau dieses gewisse lyrische Etwas, welches in den deutschen Raplandschaften eine rare Erscheinung geworden ist.

Hier trieft die düstere Ironie über Klänge, es küngelt der unterkühlte Wortwitz, mit den sarkastischen Zerrbildszenarien, in denen Alltäglichkeiten zu ganz großer Kunst veredelt werden (nachzuhören auf "Eingefrorn") und ja die Wortspielereien dieses Silbenzauberers erfordern ne gewisse Aufmerksamkeitsspanne. Schliesslich rappt er auch mit Nebensätzen.

Aber falls eure Sinneszellen noch nicht unter den Panzerketten der bösgrimassiereden Primatenbande (sorry ... ich meine natürlich Strassencliquen) zerbröselt worden sind, sollte sich ein Reinhören tatsächlich lohnen.

Punkt 2: Inhalte & Aussage

Manch einer wird sich jetzt ungläubig die Augen reiben, Inhalte ... watten ditte?

Ich will es euch erklären, die hier ausgehauchten Silbenverkettungen besitzen eine interne Logik, poetische Finesse & eine ganze Menge Wortwitz mit charmanten Bilderstürmereien ... eigentlich schon dufte jenuch.

Aber es gibt noch ein Schippchen Zucker obendrauf - denn die gegenwärtigen state-of-the-art-Posen (Zote - ein stylefreier 16er - ein gegrunztes Yeah [wahlweise um eine Zote ergänzt] - Standardbeat) sucht man hier vergebens ...

... dieser MC baggert sich eher beiläufig ganz tief in deine Gehörgange und füttert dort diesen großen plüschigen Wurm (mit dem er natürlich perdu ist) mit grandiosen Punches & Bildchen, die einen tiefenttäuschten Altschuler wieder mal von einer Renaissance des besseren Hip-Hops träumen lassen.

Brillant ist aber nicht nur das künstlerische Selbstverständnis dieses MCs, sondern auch die konsequente Ansprache relevanter gesellschaftspolitischer Positionen, hier wird nicht zum googol-malsten der imaginäre Opfer-MC gebattelt, sondern der Radikalismus selbsternannter Erleuchteter ("Klebeband") oder die Naziklopse der Nachbarschaft ("Heldenplätze") scharf angeschossen.

Maximal maskuline Nabelschauen & Felgen-Ode? Nicht auffindbar, dafür aber selbstironische Inszenierungen en masse. Und so kann sich selbst noch die bitterste Pleite zu einem wohltätigen "BBQ" auswachsen, die der Rappersona mal wieder Asche aufs ständig klamme Konto spült.

Die inhaltliche Breite endet aber hier noch lange nicht, auf dem fünften Track der A-Seite werden seelische Ausnahmezustände charmant austhematisiert & so wird aus einer Krisensituation entkommen, indem man das Entkleiden in der Öffentlichkeit & das grinsende Urinieren vor der staunende Masse der Passanten besingt, also komm schon Publikum schrei "Yippieh!".

Und wenn die Menschenangst auf dem Menschenhass trifft, ist ohnehin nichts mehr zu retten, du willst die Hangst, du willst die selbstgewählte Isolationshaft, wähle die 16, "Drinnen" könnte nicht steriler sein ...

Punkt 3: Politik

Die allermeisten werden jetzt ein Verdrossen an das oben stehende Wort ankoppeln wollen, nicht unverständlich, klar ... aber dass es auch anders geht, zeigen Herr von Grau verdammt eindrücklich.

Wenn in "Klebeband" die brandgefährliche Ignoranz religiöser Fanatiker (jeglicher Couleur) punktgenau & schonungslos ausbuchstabiert wird fühlt man sich eher an eine kluge deutsche Punkplatte erinnert als an eine Hip-Hopplatte.

Diesem Silbenjongleur ist möglicherweise der erste wirklich reflektierte Text über die alltägliche Gefahr der Post-Van-Gogh-Gesellschaft gelungen. Und wen diese Hook nicht berührt, dem ist wahrscheinlich (aufgrund seines Zynismus oder seiner stumpfen Abgebrühtheit) ohnehin nicht mehr zu helfen.

Und wenn ich expliziter werden würde,
würde ich sterben
und diese Kacke geht mir mächtig auf die Nerven
ich will alles sagen dürfen, über jeden
aber wenn's um Glauben geht's auch um mein Leben

(Kraatz [Produktion/Grammophonspieler] & Bennie [MC/Studiovermöbler] )

Große leere Posen & Gesten sind ohnehin nicht die Felder, durch welche sich diese beiden charmanten Herren auszeichnen, sie überzeugen lieber auf ganzer Linie durch ihre eigenständige musikalische Identität, ihren rapbefreiten Freigeisterentwurf und ihren Humor (auch wenn dieser manchmal richtig weh tut).

Kurz gesagt, diese Platte ist ein auditives Therapeutikum, welches unbedingt gegen die Unbillen dieser Welt wirksam ist, also lauschen wir doch während die halbe Republik an den ewiggleichen Hood-Narrativen verblödet, einfach mal wieder kluger Musik & hoffen, dass diese beiden verdammt harmonisch aufeinander eingespielten Prototypen einiges schwarzes Gold an die Haptiker oder digitale Perlen an die Usb-eken absetzen können.

Ihr könnt schon mal anfangen hier (haptisch / digital) diggen.


Und wer von diesem Review angetan war, sollte ihr demnächst auf keinem Fall den dritten Teil der großen Herr von Grau-Offensive verpassen - das Interview. Haltet Ausschau und eure Geister rein, Cheerz!

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

bin aufs interview gespannt!