Dienstag, 14. Juli 2009

Growing Sounds I: The Roots - Pacifistic Soul from Philly



Bisher habe ich einige Bands, die für meine musikalische Sozialisation entscheidet waren eher randständig behandelt, dies soll sich nun in den nächsten Wochen ändern.

Hierbei versuche ich euch dann jeweils eine Band möglichst detailliert und differenziert vorzustellen.

Die Rubrik, in der ihr hierzu nachschlagen könnt, werde ich mit Growing Sounds labeln, weil ihr Thema eben die Musik sein wird, die mit mir gewachsen ist, über die ich noch immer nicht hinausgewachsen bin und die mich noch immer begleitet und begeistert.

Beginnen möchte ich heute mit den grandiosen Live-Musikern von The Roots, wer einmal das Vergnügen (oder vielmehr die Gnade) hatte dieses hochenergetische Toben auf der Bühne vis-a-vis zu erleben wird verstehen was ich meine ... und wahrscheinlich einfach nur schwermütig in sich rein grinsen.

Zum Thema. Warum berühren mich die Songs dieser Band?

Nun, was mich an dieser vor 22 Jahren in Philadephia gegründeten Band immer faszinierte war ihre Selbstbeschreibung als "Organic Hip-Hop", denn dieser genreuntypische Ansatz wurde in der Produktionsästhetik zu einem der signifikatesten Unterscheidungsmerkmale gegenüber den konventionellen Rapentwürfe.

Nicht Sampler und Turntables waren hier dominant, sondern Gitarre, Bass & Schlagzeug (und natürlich die extraordinären Beatboxskills von Rahzel).

Sampling und Cuts waren natürlich auch Stilmittel, denen sich die Band bediente, aber der Fokus lag eindeutig auf dem Einsatz der Liveinstrumentierung, welcher auch grundlegend für den spezifischen Trademarksound der Roots war.

Warm, treibend, kraftvoll, soulig!

Neben der ungewöhnlichen Produktionsweise, die eher an Funk- oder Soulbands denken liessen, waren auch die Inhalte von Beginn an konträr zu den Narrativen anderer Rapgruppen.

Während sich ein Großteil der im Radio platzierten Bands in affirmativem Materialismus und unsagbar plattem Sexismus ergab, von den Alphatiermerkmalen des urbanen Mackers (Felgengrößen, Hubraum usw.) fasselten oder von den Hundertschaften der schluckbereiten Schnitten mit Modellmaßen fantasierten oder einfach stumpfe Gewaltphantasien in jedes offene Mikrofon rülpsten - entwickelten die Roots eine raffinierte, hintergründige und scharfsinnige Bildsprache, welche neben den fragwürdigen Rollenbilder der Hip-Hop-Kultur auch die tiefverwurzelten Vorurteile und reaktivierten Klischees des weissen Amerikas über die Ausdruckskultur Rap offenlegte und entlarvte.

Als ein hervorragendes Beispiel für diese charmante Form der Medienkritik kann das folgende Video verstanden werden, man achte auf die Bildüberschriften und Verweise im Video. Dekonstruktion im Clipformat. Nach 13 Jahren aktuell wie eh & je.

What they do.



Als ein weiteres Merkmal für die dezidiert politische Sendung des Phillykollektivs ist auch der Veröffentlichungstermin des aktuellen Albums zu verstehen, "Rising Down".

Dieses wurde am 29. April 2008 auf dem US-Markt erstmals aufgelegt, sprich am 16ten Jahrestags des Beginn der sogenannten "Los Angeles Riots".

Auch hier zeigt sich wiederum der stilbildende Wille der Band, einen intelligenten Rapentwurf zu erschaffen, welcher neben einer gewissen Kurzweiligkeit auch die Nachhaltigkeit im Auge hat ... ich finde, diese Aufgabe wurde mit Bravour gelöst.

Aus diesem Album möchte ich euch den folgenden Song vorstellen, bei dem die grandiose Chrisette Michele und das Blogosphärenphänomen Wale gefeatured wurden und in welchem die unsägliche Einseitigkeit der Radioprogramme ausbuchstabiert wird.

Rising Up



Den Nimbus eine ausserordentliche Livepräsenz zu besitzen, tragen The Roots nicht ohne Grund, da eine solche Bewertung ohne einen Einblick in die Dynamiken eines Konzerts nur schwerlich zu vermitteln ist, hier ein Fallbeispiel, bei dem die langjährig mit der Band befreundete Sängerin Jill Scott ihr Stimmvolumen in die Waagschale wirft.

Sie tut dies anstelle der publikums- bzw. käuferscharwirksameren Erykah Badu, welche den Song auf dem '99er Album "Things fall apart" veredelte.

Jill Scott wäre damals die erste Wahl der Band gewesen, man musste sich jedoch den marktstrategischen Überlegungen des Labels beugen, aber auf der Livetournee überzeugte dann die Ausgestochene auf ganzer Linie. Traumkollabo!

Jill Scott feat. The Roots - You got me.



Und wer nach den bisherigen Beispielen noch immer nicht davon überzeugt werden konnte, dass The Roots eine äußerst eigenständige Position in der sogenannten Szene einnehmen, hier kommt der Knebel für die letzten Kritikerkehlen, ein Livekonzert gegen die Mobilisierung zum Irakkrieg.

Fairerweise sollte man anmerken, dass die halsbrecherische Politik der Bush-Adminstration wenigstens einen positiven Nebeneffekt hatte - nämlich die weitgehende Repolitisierung breiter Bevölkerungsteile der USA ...

... aber zurück zum Thema:

Die Roots covern hier sehr gelungen Bob Dylan's Klassiker "Masters of War" ... und wenn sich pazifistische Hippie- & Hip-Hopwünsche vermischen kann doch eigentlich nichts mehr schiefgehen, aktualisieren wird doch mal den Blumenkinderprotest, denn der Krieg ist ja im Gegensatz zur Hippiekultur leider noch immer nicht von dieser Erde verschwunden.

Masters of Master (Bob Dylan-Cover)

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

AY!

sehr schöne neue kategorie! und großartige vorstellung dieser geilen band & dieses cover kannte ich auch nicht ... weitermachen! auch wenn immer noch keiner schreibt.

bitte werf weiter perlen, ich wäre zu gerne deine sau. :)

DEZ

Der digitale Flaneur hat gesagt…

Hehe. Ok du hast den Job, bist jetzt des Flaneurs Privatschwein :).

Ich hau mich weg ... Grüsse!