Mittwoch, 24. Juni 2009

Der digitale Flaneur erklärt sich ...



Happy Birthday, mein werter Blog, nun bist du tatsächlich schon ein Vierteljahr alt, Grund genug etwas Rückschau zu betreiben & dich mit einem leckeren Kuchen zu bewerfen.

Wer bin ich?

Ganz einfach: Ein 34jähriger, leicht nerdiger Mensch, der inzwischen schon einige Jahre in der hübschen deutschen Hauptstadt herumdümpelt, mit saarländischen Wurzeln und einem (was den aufmerksamen Leser wahrscheinlich nicht überrascht) geisteswissenschaftlichen Hintergrund.

Was ich tue?

Auch recht einfach zusammenzufassen: Ich geniesse die Möglichkeiten, welche mir die digitale Architektur des Netzes bietet, ich recherchiere, flaniere & stolpere über Dinge die mich ärgern, bezaubern, begeistern, erregen, abstossen & äussere hierzu meine ganz subjektive Meinung & freue mich, wenn ich mit dieser Methode andere Menschen berühren kann.

Wie kam es zu dem Blog?

Ich habe diesen Blog aus einer völligen Bauchlaune heraus begonnen, ohne wirkliches Konzept, ohne Gestaltungsvisionen oder grundlegende Vorüberlegungen.

Zu Beginn störte diese impulsive Herangehensweise auch überhaupt nicht, vielmehr empfand ich sie als sehr befreiend, ich musste mich keinerlei Beschränkungen in Sachen Themenwahl, Art der Annäherung oder Analyse unterwerfen und konnte einfach wild darauf los schreiben. Eine Dynamik, welche aber nach einigen Wochen zusammenbrach.

Grund hierfür war sicherlich (neben den zahlreichen konstruktiven Kritiken von Freunden & Fremden) mein eigener tiefer Wunsch, diese Plattform des Nachdenkens konkreter zu gestalten, ihr eine feste Struktur, ein eigenständiges Gesicht zu verleihen, das Verlangen etwas Wiedererkennbares, etwas Eigenes, zu schaffen trieb mich an …

Inzwischen glaube ich, dass der Blog seine gegenwärtige optische Form gefunden hat und ich mich zumindest in dieser Frage zurücklehnen kann, auch die formalen Kriterien des Rubrikenaufbaus und meiner Vorlieben sind durchaus in meinem Sinne sichtbar geworden, eigentlich wäre da kein Grund mehr sich zu beklagen …

… wäre da nur nicht dieser Gedankenaustausch mit einer sehr konkret subjektive Mängel benennenden Kritikerin gewesen, neulich ...

… ja dieses unterhaltsame Streitgespräch, in dem sie mich darauf hinwies, dass die Kunstfigur des Flaneurs in sich zwar stimmig, schlüssig & harmonisch sei, beschäftigte & fesselte mich.

Denn sie machte mich auch darauf aufmerksam, dass die zurückhaltende Kommentierung des Flaneurs dem neuen Betrachter keinerlei oder nur sehr begrenzte Rückschlüsse auf die Auswahlkriterien der einzelnen Themen, die hier von mir / der Person hinter der Kunstfigur behandelt werden, erlaubt.

Nachdem ich diese Anmerkungen mit in die Nacht genommen habe, sie gewogen & bewertet habe, muss ich sagen, diese Dame hat einfach Recht …

... daher wollte ich mich heute an diesem schönen Jubiläum einmal ein wenig "entmythologisieren" und der sterilen Kunstfigur auch eine lebensweltliche Dimension angedeihen lassen.

Was motiviert mich?
  • Also was bewog mich zu dieser ganzen Fleißarbeit im Netz?
  • Welche Motivation treibt mich immer wieder in die Untiefen dieser digitalen Musen?
  • Welche Kriterien folgt die Auswahl der Bilder, Texte, Lieder und der Kontextualisierungen?
Ich will versuchen euch Antworten zu geben auf diese Fragen …

Zuallererst sollte der Name der Figur erklärt werden, den hier finden sich schon fast alle später auftretende Ideen wieder. Der Flaneur, wer oder was versteckt sich hinter diesem Wort?

Ich will euch zunächst die konventionelle Definition nennen, welche mich für meine digitale Erweiterung sehr inspiriert hat, also:

Der Flaneur bezeichnet eine literarische Figur, die durch Straßen und Passagen der Großstädte mit ihrer anonymen Menschenmasse streift (flaniert). Hier bietet sich ihm Stoff zur Reflexion und Erzählung. Der Flaneur lässt sich durch die Menge treiben, schwimmt mit dem Strom, hält nicht inne, grüßt andere Flaneure obenhin. Der Flaneur ist intellektuell und gewinnt seine Reflexionen aus kleinen Beobachtungen. Er lässt sich sehen, aber sieht auch, wenngleich mit leichter Gleichgültigkeit.


Genau dieses Konzept der verwertungsfreieren Betrachtung der Fundstücke des Alltags hat einen unglaublichen Reiz auf mich ausgeübt, nicht die sofortige Bewertung, die Fragen nach der Nutzbarmachung & die Überlegungen nach dem persönlichen Nutzen trieben mich an, sondern vielmehr wünschte ich mir eine Möglichkeit Dinge mehrfach & aus den verschiedensten Perspektiven zu betrachten.

Und da mich der digitale Raum in seiner unbändigen Ausbreitung, seiner unglaublichen Dynamik und in seiner oftmals kritikwürdigen Unausgewogenheit & Verkürzung besonders reizte, erweiterte ich eben den herkömmlichen Flaneurbegriff & warf mich mitten hinein in das pulsierende Gewebe des Netzes.

Die Kunstfigur des Flaneurs ist, wie ihr oben im Bild sehen könnt, kein homogener, geschlossener Gedankengänger, sondern vielmehr eine sich im steten Fluss befindliche flexible Perspektivenansammlung, ein vieläugiger, multiperspektivischer Betrachter, wenn man so mag.

Was mache ich & warum?

Ich kann euch jetzt einmal verschiedene Rubriken einfach einmal kursorisch vorstellen, damit ihr die Überlegungen hinter meiner Auswahl zu verstehen lernt.

Moodmusik

Gegenwärtig eine meiner liebsten Rubriken, einfach weil Musik ein unglaubliches Potential besitzt um Stimmungen zu beschreiben, Unausgesprochenes zu flüstern oder auch einfach um grinsekatzige Launen zu illustrieren.

Je nach angehangener Textmenge kann man auch abschätzen, wie relevant der Song im gegenwärtigen Moment ist oder ob er eine musikalische Äußerung mit Langzeitwirkung darstellt, der immer wieder einen sinnigen Impuls in mir auszulösen imstande ist.

Fotokunst

Fotografie besitzt für mich – ganz ähnlich wie Musik - eine sehr reizvolle doppelte Impulsstruktur, sie kann konkretisieren oder assoziative Potentiale ansprechen. In dieser Rubrik werde ich versuchen eure Augäpfelchen mit den schönsten digitalen Früchtchen zu entzücken, mal sehen ob es mir gelingt.

Streetart

Graffiti ist für mich mehr als nur ein grafisches Beschmutzen des sterilen öffentlichen Raums, sondern auch ein Möglichkeitsform des kreativen Protestes, der kunstvollen Verachtung von Zwängen & auch eine der spannendsten Ausdruckformen der Moderne.

Karikaturen

Sind die Kunst der zuspitzenden Verdeutlichung von abstossenden Machtrealitäten & deren humorvolle Blossstellung, leider verliert diese bildgebundene Kritik zunehmend an Anhängern, daher ist es mir, der sich des Öfteren dabei ertappt, dass er es gerne etwas anachronistischer hat, eine wirkliche Herzensangelegenheit dieses Medium wieder etwas zu popularisieren.

Nonsens

Neben aller Reflexion bin ich natürlich auch ein spinnerter Typ, der gerne & viel lacht & manche Dinge sind so schön, dass die Schaffung dieser Rubrik unumgänglich war.

Flaneurempfehlungen

Da ich durchaus Sendungsbewusstsein besitze & auch gerne Dinge, welche mich becircen teilen möchte, bietet diese Rubrik ein hervorragende Möglichkeit euch zu zeigen, was mir durch den Kopf geht, was mich berührt & was mich beschäftigt. So kann es dann auch passieren, dass plötzlich eine Auseinandersetzung mit Mohammed Seite an Seite mit einer Ode an Invader Zim steht & dass ist auch gut so.

Satire

Die Spottdichtung, die gesellschaftliche Missstände anklagt, nicht wirklich erstaunlich, dass ich für sie empfänglich bin, oder?

Reviews

Hier bietet sich für mich die Möglichkeit interessante Medieninhalte, seine es nun Comics oder Literatur oder Musik vorzustellen. Glücklicherweise ist diese Spielwiese bereits etwas professionalisiert, manche Platten, zu deren Erwerb ich nie die Mittel besessen hätte kommen gratis in meine Casa, ein charmanter Nebeneffekt meiner ehrenamtlichen Schreiberei ;).

Warum ich einen solch starken Fokus auf die MC-Künste unseres westlichen Nachbarlandes lege, hat möglicherweise biografische Gründe (Saarländer, ihr erinnert euch), aber es ist mir auch ein großes Anliegen diesen riesigen Fundus an brillanter Musik nicht verkümmern zu lassen.

Leider dominieren im aktuellen Musikfernsehen die Blaupausen der leicht konsumierbaren Waren und diesen Weg bin ich noch immer nicht bereit zu beschreiten. Dass die französische Sprache möglicherweise auch die perfekteste Sprache für die bassreitende Poesie darstellt, ist aber auch alles andere als sekundär.

Maigedanken

Da ich ein durchaus politisch denkender & argumentierender Mensch bin, ist dem einen, der anderen sicherlich schon augenscheinlich geworden, ich verwehre mich aber schon seit Ewigkeiten gegen eine Vereinnahmung oder Festlegung auf die eine oder die andere Ideologie.

Ich sehe mich selbst eher als ideologiekritischer Hybrid zwischen vielen Stühlen, der Rassismus & Autokratismen mit großer Hingabe verabscheut, aber nicht in die oft minderkomplexen Gesänge der Meinungsmacher einstimmen mag, auch hier bietet mir diese Plattform die luxuriöse Position eigenständige Stellungen zu beziehen.

Was will ich sein?

Eine Instanz, welche sich die Zeit nehmen will Themenfelder mehrfach zu umrunden & auch einmal eine unorthodoxe Betrachtungsweise ins Zentrum der Argumentation zu setzen, ein Gebilde, welches die lose verstreuten Fundstücke eines Beutezugs zu kontextualisieren versteht und euch ein kleines wohlschmeckendes Paket daraus zu schnüren imstande ist.

Denn ich denke, nur so kann ich den praktischen Teil meiner privatakademischen Ausbildung zum Neugierologen vollenden, erst wenn der Funke überspringt, ihr bereit seid euch auf meinen Schnack einzulassen & er euch bezaubert, erst dann ist es vollbracht. So kann man meine Motivation knapp zusammenfassen.

Von einer Stelle, auf deren literarischen Wertung & Meinung ich sehr viel Wert lege kam einmal das charmante Kompliment, dass die kleinen Formen, die Miniaturen eine Spielwiese sind, auf der meine Fähigkeiten gut zur Geltung kommen, auf der ich glänzen kann, vielen Dank für diese Blumen, erst einmal … ich muss sagen, vielleicht hat er ja recht, vielleicht aber auch nicht…

.. ich kann/will mich noch nicht festlegen, denn der Prozess ist noch ein offener, unabgeschlossener, die Form ist gefunden, über die Funktion muss ich weiter nachdenken, möglicherweise ist der Blog tatsächlich eine Art lautes Nachdenken vor Publikum, vielleicht ist es auch „nur“ ein dialogisches Sprechen über die wunderbare Welt des farbenfrohen, weltweiten Sozialnetzwerkes, welches Kontakte, Perspektiven & Zugriffe ermöglicht, die einige Jahre zuvor niemals für möglich gehalten wurden.

Denn die Netzgesellschaft ist möglicherweise die nächste demokratische Revolution, fragt euch nur einmal, wo kann man ungezwungen mit chinesischen & iranischen Dissidenten in Kontakt treten oder so direkt & unvermittelt mit Menschen auf der anderen Seite der Welt sprechen & dabei gänzlich andere Perspektiven als die Eigene kennen lernen? Fällt euch etwas ein?

Über das Kennenlernen von Nachbarn, will ich erst gar nicht reden, amüsanterweise kommt man sich auf den Datenwegen ja schneller näher als auf den Bürgersteigen … seltsame digitale Welt.

Habe ich alles beantwortet?

Nein! Der Puppenspieler hinter dem Flaneur muss euch vertrösten, ich kann euch all diese Fragen zu den Themenbezüge erst später beantworten, noch ist eine Klärung dieser Fragestellungen für mich nicht möglich (und auch noch nicht gewollt) … ich möchte dieses seltsame Gewächs noch ein wenig beim Gedeihen betrachten & mich von ihm & von euren Rückmeldungen inspirieren lassen … Cheerz!

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Sehr schöner Text, macht dich irgendwie fassbarer & nochmal brüchiger. Wenn du mal im Süden bist lade ich dich gerne mal zum Café ein ... ok :)?

Übrigens danke für die beiden Tips (Paris Combo & Guns of Brixton) ... meine Sommermusik, wahrscheinlich.

Na, erstmal "nur" digitale Grüsse aus München.

Yasmin

Der digitale Flaneur hat gesagt…

Ähmm ... ja. Gerne ... ich staune mal ne Runde ...

Anonym hat gesagt…

hallo, fluffiger flaneur, ich bin über tip einer freundin auf deinen blog aufmerksam gemacht worden & lese ihn seit wochen sehr fleissig, da kommentare schreiben nicht so meine sache ist & ich scheinbar auch allergisch ggen shoutboxen bin, zumindest hier ma ein paar lobende worte.

eigentlich bin ich überhaupt kein comicmensch, aber deine calvin&hobbes-besprechung hatte mich neugierig gemacht und jetzt spende ich mein ohnehin knappes geld dem comichändeler meiner stadt ... und ja ich liebe den tiger ...

und deinen blog auch, weitermachen, du ist ne marke!

bye

yvonne