Dienstag, 5. Mai 2009

Ryoma - Besser heute (noch bestellen)


Vor einigen Tagen hatte euch der werte Flaneur eine Band ans Herz gelegt, von deren EP ich sehr begeistert war – nun kann ich Ryomas Pressevertrieb sei Dank auch endlich mal das Album hören.

Eine lustige Anekdote gleich vorweg, die Rootdowner (Vertrieb) haben das Paket mit Der digitale Flaneur – und meinem bürgerlichen Reallifevornamen beschriftet, aber ohne meinen Nachnamen zu nennen - es kam trotzdem an!
Find ich mal richtig witzig. Postmann ich ziehe meinen Hut vor dir ...

So vorab, bevor ich dieses Album besprechen werde, einige Richtigstellungen:

Ryoma sind NICHT der dominante MC plus Begleitband, sondern vielmehr ein harmonisch eingespieltes Gefüge bestehend aus Ryo, der als MC wirkt & unter -ma kann man den Beatteppichknüpfer, Soundscapemagiker & Bassfundamentschöpfer Algorhythmiker (großartiges Alias übrigens) und verschiedene Gastmusiker zählen, insbesondere den quasi festintegrierten Trompeter Thomas Burhorn, der diesen warmen, organischen, flächigen Jazzsound prägend mitgestaltet.

Ryoma (ohne Band ... ;) )



Der Arbeitsprozess ist somit ein völlig anderer, als meine erste Empfehlung vermuten ließ, dort dachte ich Ryo pickt sich Beats & die Band liefert die musikalischen Illustrationen, aber es ist anders, demokratischer, enger, intimer …

Beide Songelementebenen (Text & Ton) werden gemeinsam entwickelt, fortgeschrieben & zugespitzt, das Produkt klingt abgeklärt, stimmig & harmonisch, eben Band und nicht Castingendprodukt. Schöne Sache.

Ryo’s Texte heben sich durch ihre Themenferne zu den orthodoxen deutschen Rapinhalten sehr angenehm ab & machen mehr als nur aufmerksam ...

Sie klingen teilweise auf den ersten Hinhörer etwas kryptisch & verworren, aber wenn sie sich entfalten, passen diese Bilder immer zusammen wie zwei frischverliebte Lippenpaare, behalten aber trotz allem ihre harten Kanten.

Hier mal ein kleiner Textausschnitt aus dem Song Altes Lied.

Altes Lied von weißen Westen über braunen Hemden,
Schwarz-Weiß-Denken, nur die Spitze des Eisbergs,
altes Lied von zerfließenden Uhren
verwischte Spuren, Erinnerung,
von 7 Brücken über die du gehst, bis du siehst,
altes Lied, aber glaub nicht, dass der Fluss dich trägt!


Meine absolute Lieblingsnummer des Albums ist Zwei, bei der Ryo zusammen mit Zora (die mich zwar im Flow etwas an Fiva erinnert, aber da ich Fiva liebe, ist dies ja eher ein Kompliment, als ne Anklage ;) ) unglaublich tiefe Zeilen über das problembehaftete Lieben an sich, an dich heranträgt, Seelenschau irgendwer?

Alleine dieser Refrain tut Hip Hop nicht mehr weh, sondern treibt ihn voran! Liebeslieder dieser Art dürften in diesem von banalem Flohmarkt der Emotionen verpesteten Pawlowkosmos gerne häufiger entworfen & verwirklicht werden.

Es ist kein Spiel mehr wenn ich spielen muss
keine Liebe wenn ich lieben muss
seh ich im Spiegel nun mehr Leid als Lachen
sollten es zwei erstmal alleine schaffen
nicht erst weiter machen, Streit entfachen, Leid erschaffen
zweifeln, hassen, nein, es einfach bleiben lassen
es lassen wie es ist und sich daran erinnern
die Liebe ist perfekt in unserem Innern.


Groß!

Eine weitere Übernummer ist Bilderbücher - ein ehrliches Nachdenken über eine misslungene Vater/Sohn-Beziehung ... ohne hollywood'eske Endpointe. Gänsehaut!

Die CD kommt übrigens im formschönen Klapppappschachtelcover mit einem riesigen Textbeiheft und gefällt mir im Design verdammt gut, sie ist ebenso haptisch wie die Musik, die sie verpackt.

Es ist eigentlich auch nur folgerichtig, dass die Scheibe über Kopfhörer Rec. verlegt wird, der kleine, feine Garantielieferant im Süden machte sowieso in den letzten Jahren in Sachen Veröffentlichungspolitik einfach alles richtig.

Die Featureliste besteht dann auch eher aus Ästen des family trees, statt aus ökonomisch elegant zusammengecasteten Liniengebern.

Ryo machte eine Weile den tourbegleiteten Merchandisevogel für Flowin Immo, als Dank spendet der FreaQ ein Duett, Mnemonic veredelt als Labelgewissen dann auch einen Song & über Zoras leckeren Beitrag habe ich ja schon gesprochen.

Diese Band muss ein Liveerlebnis sein, wenn eine Studioplatte schon so organisch klingt, kann die Musik live vor Ort nur umwerfend sein …

Also werte Ryomaisten kommt bitte nach Berlin, diese gangstarapgeplagte Stadt braucht ohnehin ein Antidot zum alltäglichen Stumpfsinn & dem blanken Hass.

Und meine Meinung hat sich nicht geändert, supported Ryoma, also den Grafiker, den MC, den Beatmagier, die Gastmusiker … und & und … eben die ganze Familie … und die Unterstützung für den besseren Rap könnt ihr genau hier ausleben …

Kommentare:

Algorhythmiker hat gesagt…

Danke, Mann!

Und für alle, die es noch nicht wissen: Infos zu unserer Japan-Tour gibt es hier:

http://www.ryomamusic.blogspot.com/

Beste Grüße aus Hamburg!

Der digitale Flaneur hat gesagt…

Kein Ding. Qualität schwimmt eben oben. Nochmal danke für die CD!