Freitag, 15. Mai 2009

Jon Ronson - Durch die Wand (und mehr).


Durch die Wand. Die US-Armee, absurde Experimente und der Krieg gegen den Terror ...

So lautet der vollständige (etwas barock anmutende) Titel des neuen Geniestreichs meines Lieblingsinvestigationsbeauftragten. Die erste Großtat dieses Menschen mit dem unnachahmlichen lakonischen Humor habe ich ja schon mal hier besungen, nun folgt also der 2te Streich.

Im Gegensatz zum endlos verkitschten Film, welcher die Lautstärkefolter kurzerhand die mit böse "Dunkle Macht" abhakt & auch ansonsten äusserst minderkomplex ist, kann ich dieses Buch nur loben!

Der Salis-Verlag hat wieder einmal eine sehr glückliche Hand in der Auswahl seines Übersetzers bewiesen & so ist auch dieses unterhaltsame Büchlein ohne Abstriche zu empfehlen.

Auf 234 Seiten entfaltet Ronson ein Panoptikum absurder Ideen, welche (großzügig budgetiert) auf ihre militärische Nutzbarkeit hin untersucht worden.

In erster Linie kreisen die Untersuchungen Ronsons um die gewaltlose (nicht zu verwechseln mit einer gewaltfreien) Kriegsführung, welche von der militärischen Stabsführung in der Traumastarre nach dem desaströsen Rückzug aus dem Abenteuer Vietnam, entwickelt wurden.

Also weg von der rohen, der physischen Gewalt der Vergangenheit, hin zur elaborierten Nutzung von „friedlicheren“ Waffen, kurz: militärische Evolution formuliert in Neusprech 2.0.

Es wird unter anderem die Entwicklung von nichtletalen Waffensystemen behandelt, wie bespielsweise die Lärmkanone LRAD (Long Distance Acoustic Device), verschiedenartige Infraschallwaffen & Gleitmittel – und Schaumgranaten.

Besonders widerlich fand ich dabei die Konzeption von so genannter hydro-kinetischer Munition: Hierbei sollten flüssigkeitsgefüllte Beutel auf Personen abgefeuert werden, welche dann, aufgrund des Aufpralldrucks zu Boden geschleudert werden.
Gummigeschosse in lieb eben – und natürlich sind sie weniger umstritten als ihre hartgummihaltigen Verwandten.

Aber Ronson untersucht vorwiegend die Transformation, ursprünglich friedlicher Ideen der Hippieära, in die militärische Nutzbarmachung und auch in diesem Fall ist seine gewohnt hervorragend recherchierte Ausbeute einmal mehr eine prima Spielwiese für alle Verschwörungsgläubigen und jene die es noch werden wollen.

Natürlich streift Ronson die MK-Ultraforschungsreihen, bei der durch den Ansatz psychedelisch wirksamer Substanzen (vorwiegend Lysergsäurediethylamid) Spionen und anderen im Verhör renitenten „Befragten“ wichtige Informationen auf eine vorwiegend auf physische Gewalt verzichtende Art entlockt werden sollten.

Aber neben den, bereits seit langem im kulturellen Gedächtnis umherspukenden Gerüchten geht es ihm einmal mehr um eine tiefer schürfende Spurensuche, welche zu den Wurzeln dieser Bewusstseinstechniken vorzustoßen gewillt ist, zu den Macher & deren Ideengebern.

Und diese Bereitschaft ist auch der Grund, weshalb ich Ronson für einen der subversivsten Autoren der journalistischen Feder halte, es genügt ihm nicht eine Unzahl von Fakten zu präsentieren, seine Sendung ist vielmehr die dahinter liegenden Motivationen & Motive aufzudecken.

Und so trifft er auch in diesem Buch eine Vielzahl herrlich verschrobener Charaktere & wenn es keine ehrbare journalistische Arbeit wäre, könnten manche Figurenbeschreibungen und situative Schilderungen als himmelschreiend komische Satire der Gewichtsklasse Python durchgehen, aber die Faktizität der Erlebnisse des Autors verunmöglichen diesen Zugang.

Dennoch werden Situationen geschildert, bei denen ich (aller Tragik zum Trotz) einfach nur sehr amüsiert loshusten musste.

Eine, dieser sehr speziellen Figuren ist beispielsweise der Radiomoderator Art Bell, welcher mit seiner seit 2003 ausgestrahlten Show „Coast to Coast AM“ maßgeblich für die Popularisierung des Ufoglaubens und des öffentlichen Diskurses über paranormale Phänomene verantwortlich ist. Obwohl er eher von einer seltsamen (aber harmlosen) Neugier getrieben zu sein scheint, sind viele seiner Gäste, denen er ein landesweites Podium bietet, gänzlich andere Kaliber.

So etwa auch Chuck Shramek, dessen hobbyastronomische Beobachtung dann auch zu einer weiteren unerhörten Begebenheit beiträgt, nämlich einer gruppendynamischen Irrsinnstat, welche ich nun schildern möchte.

Ronson trifft den ehemaligen Vorsitzenden des Farsight-Instituts, den Sozialwissenschaftler Courtney Brown, welcher 1997 durch den Massensuizid des „Heaven Gate’s“-Kults etwa ¾ seiner Studenten eingebüsst hatte.

38 seiner ehemaligen Hörer sind in Erwartung des Ufos, welches sich im Schatten des Kometen Hale-Bopp der Erde näherte (so hatte es Shramek zumindest prophezeit) aufgrund einer gekühlten Phenobarbital-Vodka-Apfelsaftschorle aus dem irdischen Leben geschieden.

Alleine die Tatsache des omnipräsenten Ufoglaubens großer amerikanischer Bevölkerungsteile ist für mich nur schwer nachvollziehbar & eine Sekte, welche gemeinsam nach dem Genuss einer dubiosen Radioshow, den großen Schierlingsbecher leeren mag, ist in erster Linie auch recht abenteuerlich ...

was mich dann aber doch sehr amüsierte war folgendes: Sie traten den Weg in die neuen Erfahrungssphären in einer absoluten Uniformität an! Alle trugen die gleichen Hosen, T-Shirts, Sneakers & auch Socken & Shorts … echt wahr!

Aber allzu überraschend sollte die Tatsache des plötzlichen Ausbleibens der Seminarteilnehmer durch freiwilliges Dahinscheiden am Farsight-Institute auch wiederum nicht sein, denn Brown studierte mit Hingabe paranormale Phänomene, Psykräfte, wie die extrasensorische Erfahrungen & die Kunst der Telepathie und auch dem Ufoglauben stand er sehr wohlwollend gegenüber.

So verkündete er (ebenfalls in Art Bells Radioshow), dass er bereits zwei emigrierende ausserirdische Rassen erforscht hatte, deren Bevölkerungsanteil aber vernachlässigbar sei („Wir reden in etwa über die Bevölkerung einer mittelgroßen Stadt“ Ronson, S. 97) und denen wir Erdenwesen doch bitte Asylrecht anbieten sollten.

Aber neben den obligatorischen Ufogläubigen kommen auch (vermeintliche) ehemalige Psysöldner der US-Armee zu Wort, so auch Uri Geller, der sich zwar zunächst eher wortkarg gibt, dann aber, nachdem er durch Ronson charmant auf seine hochrelevante militärische Funktion angesprochen wird, doch noch aus dem grenzwissenschaftlichen Nähkästchen zu plaudern beginnt.

Das Tischgespräch dreht sich auch um eine Herde stummer Ziege, welche gehalten wurden, um psychokinetische Distanztötungsmethoden zu erlernen & nein, dies alles klingt zwar nach einer etwas überdrehter Sci-Fi-Veranstaltung, aber dieses Projekt gab es tatsächlich. Die Auflösung der Ergebnisse seiner Recherche möchte ich aber nicht vorweg nehmen ...

... denn ich möchte dass ihr dieses Buch kauft oder es stehlt oder es bei der öffentlichen Bibliothek leiht (eine überwachungsrelevante Eintragung in euer Leihregister ist euch sicher) - mir egal wie ihr es euch beschafft & es lest!

Denn trotz aller Ironie, die aus diesen Zeilen tropfen mag, werden hier auch Dinge geschildert, die einem den humanistisch gesinnten Magen umkehren.

So trug es sich zu, dass Ronson über die Anwendung von Schall als Foltermethodik forschte und dabei entdecke, dass irakische Gefangene im berüchtigten Knast von Abu Ghraib, wir erinnern uns an die menschenfreundlichen Fotos des Wachpersonals, mit ohrenbetäubt lauter Musik behandelt wurden. Zusätzliche physische Gewaltanwendungen gab es natürlich auch, aber man versuchte die renitenten Delinquenten auf einem alternativeren Weg weich zu kochen.

Zum Einsatz kamen hiir neben einer kakophonischen Kombination verschiedener Krautrockplatten (Dual-Use-Implementierung von Hippieideen, wir erinnern uns), auch die Melodien beliebter Kinderserien (Sesamstrasse & Mouse on Mars) und einige populäre amerikanische Hits der Gegenwart.

Enter Sandman erfreute sich hierbei sehr großer Beliebtheit, James Hetfield, der inzwischen scheinbar etwas whiskydeformierte Sänger der Band findet den Einsatz nach Eigenaussage in einem Interview auch ganz dufte – wir wollen nur kurz festhalten, dass Metallica 1986 mit ihrer Platte Master of Puppets vielleicht die beste & radikalste Antikriegsplatte der Thrashmetalära vertont haben … times are changin’.

Wie ihr sehen könnt changiert der Flaneur beim Lesen des Buches zwischen grandiosem Amüsement und abstoßendem Ekeln, dieses Buch ist nicht weniger unterhaltsam als seine Abenteuer mit den Extremisten dieser Welt, aber es schockiert durch seinen Faktenreichtum und seine lakonischen Schilderungen der neuartigen Kontrolltechniken deutlich mehr.

Während man im ersten Buch noch die Kreise der Wahnsystemhörigen als spinnerte Minderheit abtun konnte, zeigt sich hier eine für die lebensweltliche Umgebung deutlich bedrohlichere Macht, das Militär und seine Budgettöpfe.

Auch wenn die meisten der geschilderten Experimentalforschungen inzwischen aufgegeben wurden, die Erforschung des nichtletalen Waffenparks schreitet weiter voran & auch die immer perfideren Foltermethodiken des US-Militärs haben mich sehr unangenehm berührt.

Und das Vorgehen in andere Zusammenhänge, wie den russischen, chinesischen, nordkoreanischen oder birmanesischen Geheimdienstkorps unterscheidet sich wahrscheinlich (wenn überhaupt) nur quantitativ von diesen Praktiken.

Kurz: Ein lohnendes Buch, wenn auch deutlich düsterer als der Vorgänger, klug, kritisch, unterhaltsam & relevant! Und bei der alles beherrschenden Krake ;) erwerbbar.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Die Bücher klingen beide ziemlich interessant.
Kann man (du) denn sagen welches der beiden im Großen und Ganzen besser ist?
Mit Bibliotheken hab ich Dank meiner Vergesslichkeit nämlich eher schlechte Erfahrungen gemacht und da ich bloß ein armer Schüler bin, lebe ich nicht gerade wie die Made im Speck.
Kurzum würd ich also gerne wissen welches man zuerst lesen könnte/sollte, falls überhaupt...

MfG, Tobi

Der digitale Flaneur hat gesagt…

Ciao Tobi.

Mhmm, echt schwierige Frage, haben beide so ihre Qualitäten, aber pragmatisch gesprochen denke ich, du findest ohnehin eher "Radikal" in Bibliotheken, weil der zweite Titel gerade erst veröffentlicht wurde & wenn dir der erste gafallen sollte, wirst du den zweiten ohnehin lesen wollen.

Und lesen sollte man sie auf jedem Fall! Ronson ist ein Aufklärer im allerbesten Sinne, aber ohne die Aufgeregtheit vieler Schreiberkollegen und mit sehr viel lakonischem Humor.