Donnerstag, 9. April 2009

Rogue Steady Orchestra ... wenn die deutschsprachige Tanzmusique plötzlich politisch ist.



Rogue Steady Orchestra … irgendeine weitere tanzwütige Protestbegleitmusikband aus Göttingen, oder doch mehr?

Das Cover der EP steht ziemlich exemplarisch für den Soundcocktail dieses erfreulich musikalischen Kollektivs, welche Punk-, Ska- und Swingeinflüße mit verdammt viel Melodie und Schub vermengen.
Eine Referenzband wären meines Erachtens die großartigen Vögel von Frau Doktor gewesen (RIP / Oiterpe hab sie selig! *G*). Aber der Sound der Göttinger hat deutlich mehr Bums.

Die dicke Bläsersektion spuckt Pech & Schwefel in Richtung des staunenden Publikums, während der Sänger mit cleveren Texten gegen Verwertungslogiken, die fortschreitenden europäischen Grenzbefestigungen und den mächtigen Überwachungshunger feuert.

Was mich oft bei deutschem Punkrock abstößt ist einerseits die eher untiefe Gestaltung der Texte oder diese absolut spaßfreie Darstellung von komplexen Zusammenhängen. Andererseits finde ich die meisten Inhalte von Skabands eher mau, Tanzen, Mädchen, Lustigsein …

Nicht, dass ich diese Dinge nicht feiern kann, aber es gibt eben immer noch andere unliebsame Angelegenheiten, die diese Begriffe umschließen, eben die obligatorischen Pogomacker, die sexistischen Allerweltswiderlichkeiten und der zunehmend dreister werdende Überwachungsstaat, die es verhindern, dass mir täglich die Sonne aus dem Arsch scheint.

Und Rogue Steady Orchestra haben einen verdammt charmanten Hybrid erschaffen, der reflektierte Inhalte über großartige Melodien streut und sie ein übel tanzbares Gewand kleidet. Auf den Platten findet man keine Parolenspuckereien, keine irgendwie linkspolitischen Allgemeinplätzchen oder halbgares Mobilisierungsliedgut, sondern straighte, ehrliche, geradlinige Tanzmusique mit viel Kante und Aussage zum Mitdenken (!!!).

Oftmals sind es eben gerade die politischen Bands, die ihre Ansichten/Anliegen als sakrosankt erachten, es polemisch widerspruchsfrei machen und jedes Nachdenken über diese Aussagen abbrechen. Dies passiert bei dem feuerspuckenden Neuner (glücklicherweise) nicht. Ihre Texte besitzen diesen doppelten Boden, der nötig ist um langfristig glaubwürdig zu sein, hymnisch genug um lauthals mitzusingen, aber auch kritisch genug um auch andere Meinungen zuzulassen.

Wenn hier die Gegenwart von neofaschistischer Gewalt besungen wird (Rational befreite Zone) wird nicht die olle Schwarzweißbrille aufgesetzt, von wegen Nazis sind doof (wissen wir ja eh alle), sondern der Allgemeinplatz wird durch cleveres Songwriting mal wieder neu vermessen.

Und auch Klartext hat (in seiner nicht sofort offensichtlichen Radikalität) den meisten anderen Songs zu diesem Thema nicht nur die musikalische Klasse voraus, auch der schöne Mitsingteil ist freudig zu begrüßen: Die Schweine, dass seid ihr, es bleibt dabei. Heimtückisch, dieses charmante Liedchen.

Mein persönlicher Favorit der bisherigen drei Platten, bleibt aber noch immer eine der früheren Nummern - Das Kalkül, dessen Chorus sich in meinem Ohr unglaublich festgesetzt hat.

Du kennst die Regeln, jeder Widerspruch zu spät
Wer bremst verliert, der Rest marschiert
Gerafft ist gerecht
Unser tägliches Geschäft ein klebriges Geflecht
Aus Neid, aus Gier, aus Macht, aus Wahn
Wer nicht untergehn will schafft für uns an.


Selten hat jemand die unbegrenzte Beschleunigung unserer Lebensverhältnisse so gut auf den Punkt gebracht. Und da uns dieses Prinzip der maximalen Eile gerade sehr heftig um die Ohren knallt, sollten inzwischen vielleicht auch die letzten Marktradikalen aus ihren Selbstregulationsphantasien erwacht sein.

Wie gerade vorgeführt, besitzen Rogue Steady Orchestra die seltene Gabe sehr komplexe Prozesse textlich zu verknappen ohne dabei eindimensional zu werden. Eine Befähigung, welche ich mir echt gerne für mehr Bands in unserem Lande wünschen würde.

Eine weitere Besonderheit der Band ist, dass sie sich schon früh von der krassen Scheuklappenmentalität vieler Punkbands getrennt haben. Hier werden Kooperationen zwischen verschiedenen musikalischen Lagern aufgemacht, die längst überfällig sind.
Folgerichtig musizieren die Skaköppe von RSO auf ihrer aktuellen LP auch zusammen mit dem links sozialisierten MC Chaoze One (Revolte Tanzparkett) und zeigen einmal mehr, dass zusammen kämpfen auch verdammt funky sein kann. Zwingender Song!



Und ich muss sagen, lassen wir doch die orthodoxen Punkrocker in ihrem eigenen Saft schmoren, ich werde währenddessen mein weltoffenes Tanzbein zu dieser schönen Kollabo schwingen.

Und diejenigen, die jetzt ihren fiesen Zeigefinger aufschwingen und von der homophoben, sexistischen und gewalttätigen Grundhaltung des Hip Hops faseln, euch sag ich macht mal gefälligst eure Hausaufgaben und nervt nicht andere Menschen an, die einen anderen Weg in die Widerständigkeit gewählt haben.

Die erste Platte ist inzwischen vergriffen und wird auf der Website zum kostenlosen Download angeboten und auch die anderen Tonträger können dort zu verdammt fairen Preisen erstanden werden. Der Player der Seite ist gut bestückt und ermöglicht einen guten Einblick in das bisherige musikalische Schaffen des Orchesters.
Einen Besuch ist die Seite auf jedem Fall wert.

Ihr seht dies war eine Lobhudelei allererster Güte, aber ich konnte einfach nicht anders. Es war mir ein inneres Bedürfnis und Begehr aufzuzeigen, dass deutsche politische Musik auch Spass machen kann (oder besser darf).

Mich olle Reviewschlampe empört an dieser Band bisher eigentlich nur eins, nämlich dass sie scheinbar bei ihren Touren um Berlin einen großen Bogen machen, warum auch immer.
Untragbarer Zustand!

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