Mittwoch, 15. April 2009

Nic Knatterton - Eine Runde Mitleid?



Ja, ja, so sieht es also aus, das Cover der ersten Platte, die ich quasi im Auftrag bespreche. Die Reviewschlampe goes Popmusik um mal im Bild zu bleiben.

Nic Knatterton, ein Aachener MC, der mich durch sein Caught in the Crack-Alias & durch seine Zeit bei der Anti-Alles-Aktion auf sich aufmerksam gemacht hat, packte sein neustes Baby in die Post und der blöde Scherge der Post warf mich heute früh ausm Bettchen um es mir zu überreichen. Grummel.

So was wollen sie mir denn sagen, diese beiden Rapeltern mit Nachwuchs … Päckchen aufgerissen, Johanna & Nics Produkt ausgepackt und …

… erstma Café aufgesetzt, festgestellt, dass man sich beim sechsten Studioalbum ein Textbeiheft gespart hat (für mich ein klarer Minuspunkt), also Kopfhörer auf und wirken lassen.

Der erste breite Lacher kommt bei Lied Zwo Eine Runde Mitleid, hier flowt der gute Herr Knatterton extrem unterhaltsam über Selbstzweifel, Selbstzerfleischung und Selbstmitleid, kennt jeder – versteht jeder und durch die witzige Umsetzung überzeugt es mich sofort, trotz des etwas altbackenen, steifen 90er-Flows.

Die Featurelist lässt mich auch schon mal gespannt blinzeln, Anarchist Academy, Chaoze One & Lotta C, Lea-Won & die Microphone Mafia … das Sorbettörtchen des deutschsprachigen, politisch argumentierenden Raps. Abwarten 2.0.

Aber ich muss ehrlich sein, meine Wahrnehmung der Platte ist arg zwiegespalten, einerseits begeistern mich Samples von einem meiner ganz großen Helden (dem unglaublichen Georg Kreisler) natürlich, andererseits kommt es (mal wieder) zu diesem kritischen Moment, der mir oft bei engagiertem Rap übel aufstößt.

Ich will es zum besseren Verständnis kurz illustrieren, neben dem verdammt hart nervig-belehrenden ernährungsideologischen Bekenntnis Vegetananarchist (praktizieren nicht missionieren, bitte!) kommt der nächste Themensong Alle zusammen mit 'ner Zeile daher die einfach mal gar nicht klar geht.

Es ist ein kritischer Fehler
Idealen zu folgen
Die nationalsozialistisch, schwarz-rot-gold sind

Aha! Sich als politisch verstehender Rap, der durch eine unsägliche Verkürzung glänzt. Weniger ist eben doch oft mehr, weniger Parole, mehr Differenz bitte sehr.

Warum mich gerade diese Zeile so heftig stört?
Ganz einfach, ein ganz klitzeklein wenig historisches Wissen zeigt, dass die oben aufgezählte Trikolore nicht nur während der gesamten NS-Diktatur verboten war (!!!) sondern auch Teil eines oppositionellen (und somit hochgefährlichen) Bewusstseins war.
Diese schnell hingerotzte Linie überzeugt weder noch ist sie stimmig.

Große Teile des historischen antifaschistischen Widerstands würden sich für diese diffamierende Polemik sicherlich bedanken. Über die Verkürzung der revolutionären Kräfte des Vormärzes mag ich nicht ma mehr sprechen.

Da kann die dahinter gefummelte hippieske Hook auch nichts mehr retten.

Das ist für Akzeptanz, das ist für Frieden
Das ist für die Liebe, das ist für die Toleranz.

Neofaschismus und der heutigen Deutschnationalismus sind verdammt unangenehme Ideologeme, muss man nicht drüber streiten, aber man sollte doch bitte differenzieren.
Insbesondere, weil nicht jeder das dreifarbige Tuch wedelnde Mensch sofort ein mieser stramm marschierender Rassistenarsch ist. Toleranz fordern und nicht praktizieren hinterlässt ein schales Gefühl. Sorry. Punktabzug.

Als politisch argumentierender MC, der eher auf Inhalte setzt, als mit aktualisierten Flow zu überzeugen, der die gesamte Platte anderen Stumpfhelmchen sekundiert und sich an deren Inhaltslosigkeit ergötzt/über sie lästert und auch gerne mal belehrend daher kommt, muss man sich eine solche scharfe Kritik bieten lassen.

Nicht, dass der Ansatz den Nic hier verfolgt nicht löblich oder wichtig wäre. Wir brauchen (leider) immer wieder Lieder gegen diese grenzenlose Dummheit, aber der gute Vorsatz scheitert an der (meines Erachtens) mittelmäßigen Umsetzung.

Aber die Platte hat auch sehr große Momente, insbesondere die drei Featurenummern mit Chaoze One & Lotta C (das wunderbar wütende & straight moody You don’t know), der nostalgische Liebesbrief an den Oldschoolhiphop mit all seinem Zauber zusammen mit den anarchistischen Akademikern macht verdammt viel Laune und die Mic Mafia bringt mit Stopp! mal wieder smarten, politsch aufgeladenen Strassenrap, schönes Brett.

Sein Feature mit Lea-Won wiederum kommt leider absolut nicht an mich ran, trotz des großartigen Textes, fragt mich nicht warum, ich kann sie nicht fühlen, einfach (m)ein Bauchgefühl, ohne objektiven Anspruch.

Ganz anders, der mit dem wunderbaren Lindgrentitel Mio, mein Mio versehene Papa/Mama/Kind-Song, auf den ersten Hinhörer klingt er ziemlich cheesy & pathetisch, aber man spürt sehr schnell die Wärme, das gemeinsame Glück und die Hoffnungen, die dieses Kind (übrigens der süße Balg aufm Cover) bei beiden auslöst. Schön!

Kurz vor Schluss rettet sich Nic als Solo-MC dann doch noch (zum 2ten Mal), seine jazzy dahingroovende, autobiographische Skizze Das bin ich ist ein kleiner verdammt charmanter Ohrwurm, den ich eindeutig fühlen kann.
Hellhörig wurde ich dann auch beim beiläufige Exkollegendiss - Ich war auch zwei Jahre Teil der Anti-Alles-Aktion, bis mir klar wurde, dass sind fast alles Idioten – ok, da hätte ich mich ne weitere Vertiefung gewünscht, aber vielleicht kommt ja noch was. Wer weiß. Disssongcontest im Politrap?

Fazit: Nic & Johanna bieten 17 Songs, davon überzeugen mich 6 vollkommen, die anderen kommen auch als durchaus gute Nummern durch, einzige NO GO!-Ausnahmen sind: Die oben sezierte (zwar gut gemeinte, aber grandios gescheiterte) Nummer & dieser nervige Veganersong.

Solide Kost aus Deutschland, die mehr Witz und Ideen hat als viele andere Platten, aber mich kann dieser ziemlich eckige und wenig flexible Flow nicht immer überzeugen. Nic klingt Null Neun leider noch immer wie LJ im Jahre 98.

Für Freunde des gepflegten politischen Raps eine zwingende Kaufempfehlung, alle anderen flowsensiblen Katzen, besser erst mal das Snippet auf der Website anchecken - dort könnt ihr auch alles andere bestellen.


Cheerz!

Kommentare:

pellegrino hat gesagt…

hach, ich liebe deine reviews :) schön kritisch. freut mich dass du das verdammt offensive "tiere sind auch nur menschen" denken ansprichst. find ich schrecklich.

ansonsten schön objektiv und macht glatt laune das album vielleicht doch zu kaufen.
also...nic...wenn du nach berlin kommst kauf ichs dir persönlich ab!

aber eine frage hab ich noch...ist mir jetzt ein wenig peinlich, dass ich nicht gleich drauf komme (hab immerhin schon 8h gearbeitet, da sei mir verziehen ;) ), aber who the hell is LJ?

Der digitale Flaneur hat gesagt…

hehe. Es sei dir verziehen. LJ war der MC-Name von Hannes Loh, wenn mich nicht alles täuscht. Aber freut mich, dass dir die Kritik gefällt, die Platte war jutt genug um sie nicht mit einem Verriss zu sekundieren.

pellegrino hat gesagt…

ah, k ;)
eigentlich peinlich, immerhin hab ich 2 bücher von dem ;)
und als ich dann nochmal gegooglet hab für mehr infos fiel mir folgendes über ihn auf
"Heute arbeitet er als Lehrer für Deutsch und Geschichte am Geschwister-Scholl-Gymnasium in Pulheim bei Köln"
wie geil ist denn das? hätte doch mal in köln zur schule gehen sollen :(

Nic Knatterton hat gesagt…

Ich ziehe keinen Vergleich indem ich ansatzweise sage "Tiere sind auch nur Menschen".
--->Ansonsten danke, für die Review :) Zu der Kritik an der einen Line habe ich mich schon im Forum geäußert. Zu den Flows: Das kann ich nicht verstehen.... Check doch mal lieber "der guade oide Franz" im flowtechnischen zu "falsche Freunde" oder auch zu "mio mein mio" oder oder oder..... Hier hat so gut wie jeder Track einen innovativ-autonomen dem Songkontext entsprechenden Flow.... Das mag zwar im Großen und Ganzen "OldSchool" sein, was in der Natur der Sache liegt, aber wenig flexibel doch sicher nicht......

im Geschwister Scholl Gymnasium leiteten wir schon einige Workshops in unterschiedlichen Klassen vom lieben Herrn Loh. :)

Der digitale Flaneur hat gesagt…

Ciao Nic.

Ich sagte ja auch nicht, dass du keinen variablen Flow hast, sondern einen oldschooligen relativ steten Flow.

Hat mich jetzt nicht hart genervt, aber meine Hörgewohnheiten sind eben recht newschoolig, dann fällst eben mehr uff. Ausserdem mir geht (hier bin ich ganz oldschool) auch um Inhalte und da haste ja überzeugen können.

Also peace out! & vielleicht ist die Kritik ja ein Kaufanreiz für dein Baby ...

Anonym hat gesagt…

hey, review entdeckt grade.
also die kritik an den politsch/moralisch-motivierten Lines teile ich. ich würde die kritik aber nicht mal auf den genaugenommen als fehler zu bezeichnende zuschreibung einer schwarz-rot-goldenen flagge stülpen... an denjenigen widerständlern/-innen, die sich auf eine gute deutsche nation bezogen und schwarz-rot-gold hochhalten wollten, kann man ja nämlich politisch auch etwas kritisieren, obwohl sie natürlich trotzdem aller größten respekt für ihren praktischen widerstand gegen nazis und krieg verdienen...
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Mein eigner text von "kurzer prozess" berührt mich persönlich dann natürlich doch, ist auch direkt in aachen entstanden, als ich auf einer interrail reise mal einen tag zu besuch,... (zu meiner strophe hatte ich auch auf musik von jose gonzales noch n ganzes solo-lied mit zweiter strophe aufgenommen, "nullpunk" hieß meine version, auf dem "versus vol.1" projekt).
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gruß, LW