Sonntag, 5. April 2009

Innenansichten einer Diktatur ... wenn bunte Bildchen politisch werden.



In der guten alten Gelehrtenrepublik Deutschland, in der sich die elitären Distinktionsgewinne noch immer über die diffamierenden Ansichten (und Aussagen) zu Comics erzeugen lassen, existiert ein winziges gallisches Dorf, welches dieser bornierten und antiquierten Sicht konsequent die Stirn zu zeigen bereit ist.

Der Name dieses Kleinstvölkchen ist reprodukt, der charmante Schöneberger Independentgigant macht sich seit vielen Jahren um die kulturelle Akzeptanz der bunten Bildchen mehr als nur verdient, denn wenn man einen deutschen Verlag benennen sollte, bei dem die Zuschreibung eines Kulturverlegeransatzes stimmig ist, dann dieser.

Werft einen Blick auf den stets gut gepflegten Onlineauftritt und ihr werdet verstehen was ich meine.

Eben aus dem Fundus dieses Verlags möchte ich heute einen meiner Lieblingscomics vorstellen und ich beginne mit der Anekdote, die ihn umgibt.

Guy Delisle arbeitete in Nordkorea für eine Comicproduktion, angeblich soll er sich zunächst durch vertragliches Aberkennen dazu bereit erklärt haben keine Details über diese Tätigkeit zu veröffentlichen, Verschwiegenheitspassus mag der Jurist so eine solche Vereinbarung nennen.

Glücklicherweise aber ist eben diese Firma für die er in Nordkorea (präziser Pjöngjang) tätig war insolvent geworden, seine vertragliche Zusicherung wurde somit hinfällig, großes Glück für diese Welt, denn sonst wäre uns dieser wundervolle Comic vorenthalten worden.
Fabelhafte Grundlage für eine Besprechung, findet ihr nicht?

Informationen zu Guy Deslisle und eine umfangreiche Leseprobe des Comics sind hier & hier zu finden.

Ich möchte jetzt mit einem frühen Ausschnitt des Comics beginnen, in welchem der feinsinnige und bissige Humor Delisle zum Tragen kommt.

Er versteht sich sehr präzise darauf, die literarischen Stilelemente des Genres der Reiseliteratur in die Comicform zu überführen und dort passend zu implementieren. Dies zeigt sich bereits auf der zweiten Seite des Buchs. Dort ist das Comic-Ich dieser autobiografischen Arbeit mit den Zollbestimmungen der letzten stalinistischen Großdiktatur dieser Welt konfrontiert.

Der Zöllner befragt Delisle nach dem Roman, welche er in seinem Reisegepäck mit sich führt, namentlich Orwells dystopischen Klassiker 1984. An dem Arrangement dieses speziellen Moments wird bereits die gewitzte Lesart des gesamten Comics sichtbar, Delisle kritisiert nicht herablassend belehrend, sondern mit einem sehr hintergründigen und leisen Humor.

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Ist diese Szene nicht herrlich?

Orwell bleibt der immer wieder aufgerufene Subtext auf dem Delisle seine Erforschungen dieser Diktatur aufbaut.
Der Autor vermischt in einer amüsanten Form einen scharfen (stets impliziten) globalisierungsskeptischen Kommentar mit einer klaren und hellsichtigen Analyse der Herrschaftsverhältnisse und deren Kritik, er liefert somit eine Innenansicht zu einem Land, welches sich durch seine verordnete Selbstabgrenzung vollkommen aus unsere alltäglichen medialen Aufmerksamkeit entfernt hat.
Und ganz nebenbei zeichnet er noch einen unterhaltsamen Comic, dessen Bildsprache durch ihren reduzierten Aufbau zu gefallen weiß.

Besondere Erwähnung verlangt Delisles sanfter Humor, er bekommt in Nordkorea zwei Personen von Seiten der Staatsführung zugeteilt, welche ihm den Aufenthalt in Pjöngjang vereinfachen sollen, einen Fahrer und einen Dolmetscher.
Unnötig zu erwähnen, dass beide auch Teile einer Überwachungsarchitektur sind, welche den fremden Gast aus dem Westen vor missbilligen Eindrücken des Landes schützen soll.

Delisle greift diese Thematik, dessen er sich mehr als bewusst ist, wiederum auf seine ihm eigene Art auf.

Als er während seiner Arbeit im Studio die nordkoreanischen Angestellten nach ihrer Erfahrung mit Populärmusik befragt, wird die unfassbare Gewalt der kulturellen Selbstabgrenzung erstmals vollständig sichtbar. Im Resultat verknüpft der Autor diese an sich unterhaltsame Anekdote mit einer raffinierten Bildkomposition.

Das autobiografisches Ich beginnt einen Bob Marley-Song zu singen, welcher im westlichen Zusammenhang eher zum harmlosen Partyallerlei gehört in Nordkorea jedoch eine sehr deutliche politische Implikation hat:

Get Up, Stand Up! Stand Up for your Rights!
Get Up, Stand Up! Don't give up the Fight!


Durch die Kombination mit der Inszenierung des grinsenden Zeichners, der sich dem lesenden Publikum zuwendet ist diese verdeckte Herrschaftskritik mehr als bloß eine kleine visuelle Verköstigung zwischendurch.

Delisle ergreift immer Partei für die individuellen nordkoreanischen Mühen und kritisiert nur die allumfassende Form der Lebensplanung durch die Gremien der Partei.

Wenn er durch die Strassen der Hauptstadt flaniert und verschiedene Impressionen zu scheinbar omnipräsenten Propagandaplakaten und dieser vollkommen überzogenen stalinistischen Symbolarchitektur (siehe Cover) aufzeichnet macht er das einzig Richtige.

Er spricht dort, wo sich ein Sprechen zum Beschreiben eignet und verzichtet dort auf die Sprache, wo Bilder eine größere Reaktion hervorzurufen imstande sind. Comicgestaltung im besten Sinne, die Texte und Bilder wirken gemeinsam, beschleunigen sich gegenseitig und unterstützen sich wechselseitig.

Die Bildaussage über die Verlorenheit des Einzelnen im Angesicht dieser massiven symbolischen Inszenierungen hätten Worte meines Erachtens niemals so sinnlich fassbar vermitteln können.

Die Errichtung einer (devisenstarken) Filmproduktionsindustrie in dem vollkommen verarmten Land ist erschreckend, insbesondere wenn man die Versorgungslage der Bevölkerung berücksichtigt.

Gegenwärtig sind etwa 3.500.000 Nordkoreaner von den (jederzeit durch die militärische Führung unterbrechbaren) Zuwendungen des World Food Programme direkt abhängig. Dies gilt nicht nur für den akuten Notfall, sondern hat sich bereits als Herrschaftselement verselbstständig, weil die nordkoreanische Führung keinerlei Devisen aufwendet um die Hungernden zu versorgen. Hunger als Waffe.

Somit sind mehr Einzelpersonen als in jedem anderen afrikanischen Land (mit denen wir ja eher die Not leidenden Bevölkerungen des Trikonts in Verbindung bringen) von der Willkürlichkeit der Entscheidungen einer seltsamen Einzelperson abhängig. Ein Faktum, welches mich sehr nachdenklich machte.

Trotz all dieser offen zugänglichen Informationen wandern immer mehr westliche arbeitsintensive Produktionen in dieses phantastische Niedriglohnparadies ab.
Ein Land, welches brillant ausgebildete Fachkräfte bereitstellt, die einen deutlich weniger reglementierten Lebensentwurf leben dürfen als ihre Volksgenossen.
Dieses Land in dem einzig die Hauptstadt (der zentrale Ort der Herrschaft) nachts auf Satellitenaufnahmen zu entdecken ist, in dem große Regionen täglich von Stromausfällen betroffen sind, in diesem Land produziert der ein oder andere Unterhaltungskonzern unserer Gefilde.

Delisle gelingt der Kunstgriff diese wirtschaftlichen Praktiken zu kritisieren, dem durch die ununterbrochnen Inszenierungen der Diktatur entstellten Nordkorea ein individualisiertes Gesicht zu verleihen und eine charmante Diktaturkritik zu verfassen und dies alles im Medium des Comics.

Gelehrte dieser Welt ist dieses Werk erneut bloß ein statistischer Ausreißer und muss re-kanonisiert werden in der neuen Universalgattung des Graphic Novels oder erkennt ihr endlich einmal an, das große Kunst keinerlei bildungsbürgerlichen Zierrat benötigt?

Mein Rat an euch ist ein ganz schlichter, ersteht dieses wunderbare Buch um die Wartezeit auf dem nächsten Titel Delisles zu verkürzen.
Eine Arbeit, bei welcher er als mitreisender Ehemann "Myanmar" besuchte und die bereits im Titel verrät, dass er (im Gegensatz zur Uno) die Umbennungspolitik der Militärjunta nicht zu akzeptieren bereit ist.

Die Namenspolitik einer autokratischen Politik, welche die demokratisch gewählte Präsidentin Aung San Suu Kyi (und bloß Friedensnobelpreisträgerin) seit Jahren in Hausarrest hält und deren Staatsoberhaupt den gedankenpolizeilisch unbedenklichen Titel Vorsitzender des Staatsrates für Frieden und Entwicklung trägt.

Denn wenn die gegenwärtige Literatur sich in selbstbezüglichen Nabelschauen verliert muss eben die als Halbkultur verfemte Genrefigur Comic ein wenig auf dem Putz hauen.

In diesem Sinne, lesen bildet, auch wenn viele Bildchen dabei sind!

1 Kommentar:

Slim Buddha hat gesagt…

Im Moment Lese ich noch:Aufzeichnungen aus Birma von Guy,welches ich auch sehr Empfehlen kann.
Pjöngjang wird dann das näxte sein.
Merci an den der mit Statuen Flaniert :)