Freitag, 3. April 2009

Frühsommer, Sonne & funky Protestmusique



Ja!
Wie liebend gerne würde ich jetzt von der unsagbaren, der unaussprechlichen Schönheit der letzten paar Tage hier im holden Berlin sprechen, aber für mich war das alles nicht ganz so konfliktfrei.

Die lieblichen Pollen und der schnuffelige Feinstaub bilden Allianzen, die dir echt die Schuhe hinterrücks wegziehen & meine müden Augen sind nun morgens auch noch hübsch aufgeschwollen und der Hals kratzt wie nix gutes.

Ergo Sonnenbrillenabfahrt wie der letzte Schickimitti, ununterbrochenes Räuspern wie der letzte Spießeropa, der sich über alles aufzuregen versteht und auch (dieses Jahr neu) kratzende Hände ... dufte!

Aber ich bin ja ein stolzer Blogger und so liefere ich euch auch heute mal wieder gewisse Pupillennaschereien und ja meine zwei Stunden Outdoorlektüre (leider gezwungenermaßen im Halbschatten) waren auch ein besänftigendes Mittelchen.
Über das angelesene Buch wird auch noch später (in zwei Wochen denke ich ma) zu sprechen sein.

Also worum geht’s heute ... um Antihistamine und Asthmamittelchen ... nee, um jutte Musique.

Auf meinem Plattenteller dreht sich gerade die C-Seite eines ganz vortrefflichen Samplers. Eine perfekt kompilierte Sammlung von nigerianischem Diskofunk aus den Jahren 74-79!

Hmm, Funk und Disco ... na und?
Mag sein, dass man in Europa schon den politischen Impact beider Strömungen lange vergessen hat, aber im afrikanischen Kontext war diese Musik hochpolitisch!
In vielen westafrikanischen Städten kam es zur Ausbildung eines Funkuntergrunds, aber Lagos war lange Zeit das unumstrittene Zentrum dieser afrikanischen Umgestaltung des musikalischen Imports. Globalization get funky!

Warum aber gerade Lagos?
In Nigeria herrschte eine Militärjunta, die im dreijährigen Sezessionskrieg (1967-70) mit der nach Unabhängigkeit strebenden Provinz Biafra, den Massenmord durch Nahrungsblockade (mehr als 2 Millionen Hungertote) und die weitere Tötungen (Massaker / Pogrome) von mindestens weiteren 750.000 Menschen (in ihrer ethnischen Herkunft zumeist Igbos) zu verantworten hat.

Dieses Szenario ist passend umrissen, wenn man den Holomor in der Ukraine und die ethnozidären Auswüchse Ruanda koppelt, nicht gerade eine lustige Angelegenheit.

Auf dem Hintergrund dieser Ereignisse formierte sich in Nigeria eine sehr stark politisierte Spielart des Funks, welche versuchte an den Versprechen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung der USA & Großbritanniens zu partizipieren.
Der Name dieser politisierten Musik war Afrobeat oder Afrofunk - beide Begriffe wurden lange synonym verwendet.

Grundlegend begründet wurde diese Form des musikalischen Protestes durch den in Geschlechterfragen durchaus kontroversen bzw. reaktionären Fela Kuti, eine wirkliche Schande, wenn man berücksichtigt, dass er der Sohn einer der prominentesten und prononciertesten Feministinnen Afrikas war.
Aber wir wollen uns nicht am Subtext abarbeiten.

Die folgende Darstellung kann natürlich nur sehr stark gerafft die einzelnen Entwicklungen vorstellen, eine Anmaßung auf Vollständigkeit spare ich mir daher.

Aber zurück zum Thema: Die musikalische Subkultur des Afrofunk verschmolz den amerikanischen Jazz und Funk mit den traditionellen Yaruborhythmen Nigerias, reicherte den Hybrid mit Anleihen aus dem in Westafrika sehr beliebten Highlife an und übernahm auch Elemente des Ibo-Zeremonien mit in ihren einfallsreichen Ausdruck.

Und gerade diese ethnischen Anleihen an den musikalischen Traditionen dieser zuvor im Massenmord hingeschlachtenden Volksgruppe machte den Sound so gefährlich für den nigerianischen Polizeistaat, denn dieser Protest war äußerst tanzbar, rekurrierte auf spezifische dezentrale Festformen, welche die Erziehungsdiktatur zu nivellieren versuchte und natürlich auf den Fundus der Überlieferungsformen der Igbo.

Jedes Konzert (die oftmals mit großer Gewalt aufgelöst wurden) war ein Schlag ins Gesicht der zentralen Gewaltmacht, welche versuchte jeglichen dezentralen Ungehorsam zu marginalisieren und zu bekämpfen.

Fela Kuti erlangte durch seine Bemühungen internationale Berühmtheit und wurde zur Galionsfigur des Widerstandes, er gründete die panafrikanische Band Afrika 70, organisierte trotz Überwachung, Folter und vielfacher Morddrohungen Konzerte und wurde erst 1979 ins ghanaische Exil gezwungen.

Die Parallelen mit den aktuellen Ereignissen rund um den ivorischen Reggaesänger Tiken Jah Fakoly sind augenscheinlich, der musikalische Protest Afrikas ist kraftvoll wie eh und je und noch immer ein quälender Stachel im Fleisch der zumeist selten demokratischen Herrschaftsformen, die auch heute nicht anders reagieren als in den Siebzigern.

Es gab aber neben dem deutlich politisch-agitatorischen Afrofunk auch eine etwas verspieltere Unterart des vergnüglichen Ausbrechens aus der paternalistischen Beengung der diktatorischen Kulturpolitik, den Discofunk.

Ähnlich hedonistisch wie sein amerikanisches Spiegelbild, aber trotz aller Unbekümmertheit hochpolitisch. Tanzen gegen Bevormundung.

Erfreulicherweise zeitigt der Afrofunk gerade eine mittelgroße Renaissance in den Tanzschuppen dieser Welt und somit komme einige der raren Leckereien als bezahlbares, akustisches Baklava in die Plattenhehlerhöhlen dieser Stadt.

Ich verneige mich vor dem Respekt, den die meisten Vertriebslabels dieser Nischenmusik an den Tag legen, hier werden keine hingeschissene Restesammlungen auf den Markt geworfen, sondern kluge Zusammenstellung mit viel Information und zumeist auch in sehr hochwertiger Aufmachung.
In diesem Fall heißt dies zwei gehaltvoll und wuchtige Platten aus schwarzem Gold in einem Klappcover aus schwerer Pappe mit Druckoptik, 1 A!

Aus dem Archiven dieser Zeit haben die erfahrene Digger aus dem Hause Sound Way (Lobhudelei sei erlaubt!) neun wunderbare Songs ausgesucht, welche die Bandbreite dieser etwas anderen und sehr körperlichen Protestform hervorragend nachzeichnen.
Und denkt man an die oftmals sehr verbissenen, blassen und nicht selten humorlosen Protestliedermacher der deutschen Siebzigern wünscht man sich einmal mehr afrikanischen Pfiff und tanzbare Finesse herbei.

Die ersten Lieder dieser Sammlung wurden vor meiner Geburt abgemischt, der Rest bis zu vier Jahre später und ja, warum musste ich ausgerechnet Reinhard May hören, ich fühle mich um frühkindliche Potentiale betrogen, meine Rassel hätte diese kribbeligen Sounds deutlich mehr gefeiert *G*.

Und zu guter Letzt ein Hörbeispiel … ich bin ja nicht so.



Cheerz! und morgen Konzertbericht von dead prez!

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