Montag, 6. April 2009

Ein charmantes Spiel mit den Möglichkeiten kultureller Überlieferungen: Frank Girouds Meisterwerk - Zehn Gebote



Dieses Aquarell ist die Ausgangslage für eine hochinteressante literarische Fiktion rund um die Entstehungsgeschichte des Korans oder vielmehr der gesamten theologischen Zeugnisse.
Hier werden folgende Fragen aufgeworfen: Was passiert, wenn eine alternative Deutung der religiösen Überlieferungsgeschichte(n) aufgrund neuer Quellenlage möglich wird?
Wie veränderbar ist eine tradierte Auslegung konfessioneller Natur?

Der französische Historiker Frank Giroud nutzt seine universitäre Ausbildung um einen luziden Alternativentwurf zur Überlieferungsgeschichte des heiligsten Buches des Islams zu entwerfen. In Form eines Comics.

Giroud entwirft eine zehnteilige, hochambitionierte Szenerie rund um eine kontroverse (fiktionale) historische Fährte, welche zurück reicht bis zu den Tagen des napoleonischen Ägyptenfeldzugs.

Diese von 1798 bis 1801 andauernde als „Expedition“ deklarierte Militäroperation, welche von mindestens einhundertfünfzig französischen Forschern und Wissenschaftlern begleitet wurde, erlangte durch die Entdeckung des Steins von Rosetta, welcher später die Dechiffrierung der altägyptischen Hieroglyphen weltweite Berühmtheit.

Während der militärisch-strategische Erfolg eher vernachlässigbar ist, können die bedeutenden wissenschaftlichen Entdeckungen nicht in Abrede gestellt werden und exakt an diesem Punkt der imperialen französischen Geschichte setzt Giroud an.

Als Grundlage für seine Fiktion wählt er den (fingierten) Fund des Schulterknochens eines Kamels während der Expedition durch französische Altertumsforscher.

Auf diesem Gebein sollen sich Notizen befinden, welche Mohammed selbst zugeschrieben werden. Diese Aufzeichnung sind aber keinesfalls vernachlässigbare Apokryphen, sondern vielmehr ein vom Propheten verfasster zehnteiliger Katalog sittlicher Vorschriften, ein Dekalog, vergleichbar mit den Gebotsreihen der judo-christlichen Tradition.

An dieser fiktionalen Satzung ist zunächst das Nichtvorhandensein eines solchen Dekalogs in der muslimischen Überlieferung bemerkenswert, aber der Autor eröffnet sich durch diese narrative Anordnung auch einen breiten Resonanzraum für seine humanistisch motivierte Auseinandersetzung mit allen Phänomen religiös begründeter Ordnungsvorstellungen.

Die auf der Zeichnung abgebildeten Suren bilden die Grundlage für eine bewundernswerte gemeinsame Arbeit zwischen dem Autor und zehn verschiedenen Zeichner, welche die unterschiedlichen Impressionen der Serienteile garantieren.

Jeder Sure wird ein Comic zugewiesen, an dessen thematischem Tableau sich die zu erzählende Geschichte entfalten kann. Die Bandbreite dieser Leitgedanken ist atemberaubend. Sie reicht von einer kritischen Reflexion des (nicht ausschließlich islamischen) Bilderverbots (siehe nebenstehendes Coverdesign), über die sehr offene und differenzierte Thematisierung des armenischen Völkermordes bis hin zur religiös motivierten Intoleranz einer zum Mord aufrufenden Fatwa.

Girouds fundierten, historischen Kenntnisse der arabischen und der muslimischen Welt, seine Bereitschaft zur breiten thematischen Differenzierung und sein brillantes szenaristisches Geschick machen diese Serie zu einem ganz besonderen Genuss.

Er reflektiert niemals isoliert nur die Entstehungskontexte der islamischen Überlieferung, sondern thematisiert auch stets das Moment des Interagierens zwischen den drei großen monotheistischen Religionen abrahamitischen Provienenz. Die Serie war für mich als eher säkular denkenden Menschen (auch) eine sehr lehrreiche und gewinnbringende Beschäftigung mit den Mechanismen religiöser Kollektive.

Giroud verhandelt aber keineswegs trockenen akademischen Stoff, sondern schafft den Spagat zwischen unterhaltsamer Information – mangels fehlender begrifflicher Alternativen – Infotainment.
Seine spannenden Kurzerzählungen wurde auch stets von dem engagierten Zeichnern mit der notwendigen visuellen Kraft versehen, nie klafft hier eine Lücke zwischen dem literarischen Anspruch des Stoffes und der grafischen Gestaltung, sie ergänzen sich harmonisch.

Der Stil der Zeichnungen deckt die gesamte Palette der realistischen frankobelgischen Schule ab und wurde meines Erachtens immer sehr passend gewählt. Zu den mitwirkenden Zeichnern gehören Szenegrößen wie Beheer, Chagnaud oder auch Jean-François Charles.

Die komplexen und anregenden Geschichte sind nur schwerlich zu paraphrasieren, zu gut versteht sich Giroud auf den Aufbau komplexer Spannungsbögen, die sich aufgrund ihrer visuellen Unterstützung teilweise erst sehr zögerlich entfalten, was ihre Ausnahmestellung im aktuellen Comicgeschäft nochmals betont.

Zehn Gebote ist grafische Literatur im allerbesten Sinne, die verschränkende Wechselwirkung der beiden Medienformen ermöglicht Giroud eine kluge, raffinierte und hintergründige Analyse beider Formen. Zwischen Bilderverbot und blindem Textglauben verstecken sich Abertausende von erzählwürdigen Abzweigungen.

Und auch sehr aktuelle und brennende Fragen werden anhand spannungsgeladener Szenerien umkreist: Wann ist der Text einer Quelle glaubwürdig, wann wird die neue Erkenntnis zurückgewiesen und wenn aus welcher Motivation.

Ein Teil der Serie widmet sich der „islamistischen“ Terrornetzwerke, deren Akteure durch die Entdeckung des historischen Funds um ihre fehlgeleitete religiöse Deutungsmacht fürchten. Ihre gewalttätigen Botschaften kollidieren mit den Toleranzprinzipien der Aufzeichnungen, auch hier stellte sich bei mir ein erstauntes Grinsen ein, wenn man berücksichtigt, dass Giroud lange vor dem berüchtigten Tag im September bereits um eine Annäherung zwischen den Religionen bemüht war.

Die Form, welche er für diesen Dialog wählte, mag für viele überrascht oder ungewohnt sein, für mich ist sie in erster Linie eins – verdammt zeitgemäß!

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