Mittwoch, 1. April 2009

Den Menschen zurück in den Vordergrund bringen ...



Ich möchte euch heute einfach weder ein Buch, noch einen Comic, noch eine schnieke Platte oder sonst einen Medienträger vorstellen, sondern einfach einen verdammt charmanten und cleveren Menschen, den ich sehr schätze.
Dieser Mann ist seines Zeichens der Bouquinist meines absoluten Vertrauens, ein Literaturhehler der Extraklasse.

Einige Berliner unter euch, vielleicht aber auch einige touristische Zaungäste unseres kuscheligen Molochs werden ihn kennen … möglicherweise sogar schätzen. Falls dem nicht so sei, hoffe ich, dass dieser Beitrag dies ändern kann.

Es geht um Markus, den windundwetterfesten König der Berliner Bücherkisten, der immer während seiner Saison, die laut grinsender Selbstaussage exakt die Zeit zwischen den beiden Zeitumstellungen umfasst, vor der Berliner Zentralbibliothek (auch als Amerika-Gedenk-Bibliothek bekannt, aber dazu später mehr) seinem Tagewerk nachgeht.

Seine mit viel Herzblut & Hingabe gelebte Profession besteht im Bewerfen des vorbeieilenden, -schlendernden, -torkelnden oder –huschenden Publikums mit exquisit ausgesuchtem 2ndhand-Lesefutter.

Am Bild oben wird sichtbar, dass dieser Typ seinen Job einfach liebt, da steht er nun grinsend in der Sonne und schmökert in seiner eigenen Ware. Und man muss sagen, gerade wegen dieser Qualität schätze ich ihn so sehr, er kann zu fast jedem seiner Titel eigene Leseeindrücke zum besten geben oder zumindest eine hochwertige Kritik des deutschsprachigen Blätterwalds aus dem Hut zaubern, die das Auftauchen eben dieses Titels auf seinem Gabentisch rechtfertigt.

Problematisch an Markus ist eigentlich nur eines, man wird (leider) immer bei ihm fündig, wie oft zerbrach mein sehr fest gefasster Entschluss keiner weiteren Literatur Obdach in meinem Buchregal zu gewähren bei der Auslage dieses farbigen Freiluftarchivs.

Wohlgemerkt, Markus ist keiner dieser Bengel, die abgekrabbelte überteuerte Buchhandelsreste feilbietet, sondern vielmehr eine viel zu ehrliche Haut mit einer erfrischend unzeitgemäßen Sendung.
Er will (ganz der sozialverträgliche Egoist) die Bücher zunächst selbst verschlingen (sehr sorgsam, den ich habe eine Reihe von ihm vorgelesene Bücher erstanden, denen man keinerlei grobe Lesespur ansah) und sie dann zu fairen Preisen verschleudern.
Seine Regel hierbei ist ebenso schlicht wie verbindlich: Coverpreis minus 50 Prozent (und er lässt auch gerne bei größeren Mengen mit sich feilschen) … kurz gesagt Schnäppchenzeit!

Einige der schönen Bücher (gerne auch druckfrische Hardcoverausgaben verschiedener Neuerscheinungen) sind sogar noch eingeschweißt, ein Anzeichen dafür, dass ihm die Zeit zum Verschlingen fehlte oder er ein anderes Exemplar vernascht hat, in diesem Moment hat man dieses wohlige Gefühl Neuware zum tragbarsten Preis in die Taschen gleiten lassen zu dürfen.

Gerade wieder erlebt, gestern, als ich die Chance nutzte ihn mal für meinen Blog „investigativ“ anzuzapfen am Schopf packte. Der erste wirklich schöne Frühlingstag 2009 und dann lag da dieses zellophangepanzerte Exemplar von John Wray’s Retter der Welt.

Autsch!! zögerlich mein Portemonnaie gezückt, es ganz liebevoll gestreichelt und ihm sanft ins Kleingeldohr gehaucht, arme kleine Börse du musst jetzt sehr stark sein, denn du geht’s nun in die Knie wie deine großen Brüder, verzeih mir.
Geldübergabe ohne Tränen, Buch gleitet ins Taschendepot, Sonne scheint, alles super.

Weshalb ich mich für den Herrn hinterm Stand stark mache ist ganz einfach, es ist mir ein sehr starkes und persönliches Anliegen seine Arbeit einfach mal zu würdigen.

Denn viele schmoddergewohnten Laufkundschaftshalunken kommen vorbei, krabbeln in den Kisten herum und suchen seichte Unterhaltung im untersten Preissegment, ihnen wird zumeist nicht klar, welche Leckereien (Pynchon, Wray, Calvino, Lem um nur einige zu nennen) sie einfach beim gierigen Rumwühlen zur Seite werfen.

Markus erträgt diese Kunden ebenso stoisch wie die immer wieder kehrenden Fragen nach jahrzehntelang vergriffenen Sonderausgaben, esoterischen Absurditäten oder Pornoliteratur.

Fragt man ihn aber nach einem seiner persönlichen Lieblingstitel beginnt dieser Mensch zu brodeln und fängt an so vergnügt und ohne größere Rücksicht auf Satzzeichen zu reden, dass es selbst einem geübten Labersack wie mir den Atem verschlägt.
An diesem Original ist ein brillanter Literaturwissenschaftler verloren gegangen.

Er berichtete mir von seinen sorgfältigen Begleitnotizen beim Lesen, von den Diagrammen, den Raumordnungen, den schwer entwirrbaren Verwandtschaftsbezügen der russischen Klassiker und den Frauenbildern die ihn faszinieren. Unglaublich, ich war nur noch am Staunen, aber richtig überrascht hat es mich nicht, denn als sich im lockeren Plaudern im Sommer 2005 unsere gemeinsame Vorliebe für Jean-Claude Izzo offenbarte, hat er mich glaub ich adoptiert *G*.

Aber auch zu dieser - mein Stadtbild prägenden Person (hätte man auch nicht anders erwartet) gibt es eine wunderschöne Anekdote.
Im Jahre 1995 anno Domini investierte Markus als stiller Teilhaber in ein Antiquariat um seine Lesestoffe zu günstigeren Konditionen akquirieren zu können. Nun das Problem dieser Investition war, dass die Besitzer des Ladens kurze Zeit später ins Fränkische zurückflohen, er blieb zurück mit einem Berg von Büchern und ohne Heimstatt für diese, quo vadis Buchverkauf?

Was tut der Mann von Welt, er stellt sich als Bouquinist (vulgaris: der fliegende Buchhändler) auf die Berliner Strasse.

Zunächst illegal!

Ja man soll es nicht glauben, der Handel mit Lesestimulans ist strafbar in Deutschland, zumindest wenn der Reisegewerbeschein fehlt.
Der Cop, welcher sein Bücherkistenimperium als erstes entdeckte zeigte große Nachsicht und bat ihn nie um einen Nachweis. Der jüngere Kollege, welcher an die Stelle des pensionierten Cops trat verpasst ihm aber gleich am ersten Tag eine saftige Strafe.
Amtsgänge, Formulare etc. als die Tinte getrocknet war zog Markus um und residiert nun seit 12 Jahren ganz legal & brav steuerzahlend (no Zumwinkel inside) vor dem Eingang der ZLB, neben mäßig erfolgreichen Zeitungsabonnementwerbern, manch zwielichtigen Figuren und einige bemitleidenswerten Menschen, denen dieser Staat durch Ressourcenentzug sehr hart zugesetzt hat.
Aber genau dieses Mikromilieu ist der perfekte Ort für ein Angebot wie das seine.

Sein Kundenstamm ist ein recht qualitativer Querschnitt durch die hauptstädtischen Schichten, neben dem Musikprofessor (gerne skandinavische Kriminalliteratur), dem gerne wiederkehrenden Ömchen, (auch gerne einen Krimi), dem abgebrannten Studi, der sich auch mal hin und wieder ein schönes Büchlein gönnen mag & nicht zwei Jahre auf die Softcoverfassung warten will und dem Exknasti, der schwört, dass die Hälfte der Tegeler Häftlingsbibliothek aus Titel von diesem Stand besteht (eine der schönsten Anekdoten dieser Stadt!) ist alles dabei.

Ich will hoffen, dass Markus auch weiterhin sein charmantes Unwesen vor der nun zur Gedenk-Bibliothek verstümmelten Bibliothek treiben wird.
Der Namenszusatz Amerika sollte nicht überraschen, denn diese Bibliothek wurde den Berliner nach der Blockade durch die damalige amerikanische Regierung gesponsert, eine Regierung, welche sich eher auf die soft politics konzentrierte statt Unoversammlungen anzuschmieren.
Aber eben dieser Teil der historische Signatur des Gebäudes wurde entfernt, weil man O-Ton „Attacken auf das Haus vermeiden wollte“ … deutscher Alarmismus in Reinkultur.



Zum optischen Anfüttern heute noch ein zweites Bild, welches die Leckereientheke dieses Lesers aus Leidenschaft ins rechte Licht rücken soll. Falls ihr mal in der Gegend oder in der Stadt sein solltet, besucht ihn, plaudert, kauft … ihr werdet es nicht bereuen. Versprochen.

Kommentare:

archosIDF hat gesagt…

Als ich den orangen Fleck gesehen habe, war ich dann doch etwas beruhigt! (Bisher gibt's keine Bilder von mir, zumindest nicht im Netz! Eigentlich interessiere ich mich ja gar nicht für Blogs! Kleiner Scherz.

Das geht echt viel versprechend los bei dir! Ich wünsche dir, dass du lange durchhältst und dir immer so viel interessantes einfällt wie in den ersten zehn Tagen! Schöne Osterferien, bis dann!

Der digitale Flaneur hat gesagt…

Hehe. DU! bist also der orange Punkt. :).
Na ja. Kubanischer Sommerfarben. Aber mal zurück zur Sachlichkeit. Viele vielen Dank für die Blumen & ja ich hoffe auch, es bleibt so ergiebig. Gegenwärtig bin ich in einem ganz guten Flow, abwarten. Bis die Tage denn.