Sonntag, 29. März 2009

So, heute mal ein Buch: Jon Ronson: Radikal - Abenteur mit Extremisten


Ich möchte euch heute mal ein Buch vorstellen, welches mich sehr amüsiert, grundlegend entsetzt & verdammt nachdenklich gemacht hat.

Jon Ronson ist ein britischer Journalist, der lange vor dem Anbruch der "Neuen Zeitrechnung" sich mit dem Phänomen des religiösen, rassistischen & apokalyptischen Extremismus auseinander gesetzt hat. Vor 9/11 waren seine Gesprächspartner noch etwas zugänglicher und auskunftsbereiter. Die Erstauflage des Buchs wurde 2001 im Sommer (*G*) veröffentlicht und wurde erst jetzt - fast sechs Jahre später - durch die Bemühungen des Schweizer Salis-Verlags wieder veröffentlicht.

Es erstaunt nicht, dass eine Befragung von Extremisten nach den vergangenen Taten und der nahezu omnipräsenten medialen Ausschlachtung erst einmal auf Eis lag. Man wollte sich ja nicht verdächtig machen, wenn man möglicherweise verschiedene Muster im Narrativ der Kriegsgründe infrage stellte. Inzwischen ist es Allgemeinwissen, dass Powell - aus welchen Gründen auch immer - die UNO belogen hat, die Mission still unaccomplished ist und auch dass die Frage nach den tatsächlichen Gründen und Motivationen über die Absegnung eines Massenmords noch immer unbeantwortet ist.

Und jede detonierende Autobombe stellt noch immer die offene Frage, warum tötet man? Und wofür?

Ronson stellt eben diese Frage in den Fokus seiner journalistischen Untersuchungen, und ist dabei glücklicherweise nicht Teil des Mainstreams. Wir alle wissen, dass die Auseinandersetzung mit dem terroristischen Extremismus (sehr ähnlich wie bei den Folgesendungen rund um jeden neuen Amoklauf) dominiert ist von dem sehr wenig hilfreichem Hang zum Alarmismus und zur Verknappung der Ursachen.

Ronson stellt seine Interviewpartner, die er mitunter wochenlang begleitet hat nie als Monster in Menschengestalt dar, aber auch nie in einer verharmlosenden Form, einzig die Faszination des Publikums für die teilweise völlig absurden & kruden Wahnwelten der Protagonisten sind für ihn von Interesse.
Denn ein verblendeter Spinner ohne Publikum ist eben bloß ein Rufer in der Wüste, erst das Interesse der Außenwelt (ob nun negativ oder positiv) schafft den Raum für die seltsame Dynamik, welche allen Großerklärungsversuchen von Verschwörungstheoretikern anhaftet.

Hier liegt auch Ronsons Ansatz, er war es satt sich die Gedankengebäude der politischen Paranoiker immer wieder nur von außen anzusehen, er wollte hinein, er wollte verstehen, was Menschen dazu bringt jede freie Minute ihres Dasein in die Forschung nach dem "Geheimen Raum" zu investieren.

Dabei gelang es ihm über alle ideologischen Grenzen hinweg gemeinsame Muster des Wahns zu benennen, so teilten der bekannteste britische Hassprediger Bakri, welcher sich später in einem Brief an Ronson über seine Ausweisung aus GB völlig erstaunt zeigte und einer der radikalsten Anführer der "Michigan Militia", einer fundamentalistisch-christlichen Großwehrsportgruppe die Vorliebe alle Übel der Welt mit der Macht der Bilderberger zu erklären, die sich einmal im Jahr in geheimen Treffen über die nun folgenden Konjunkturzyklen verabreden, besprechen, welcher Landstrich nun durch Krieg verödet werden soll und möglicherweise werden auch die Charts des nächsten Jahres manipuliert.

Es fällt an manchen Stellen nicht leicht, nicht vor Lachen und ungläubigem Kopfschütteln vom Stuhl zu fallen, aber es bleibt auch eine gewisse Spannung zurück, ist meine Skepsis tatsächlich begründet, könnten diese Menschen nicht auch Recht haben, möglicherweise bin ich schon zu verblendet oder gar erblindet für die manipulativen Moves der großen Krake.

Und genau hier entwickelt dieses kleine charmante Buch eine ungeheuere Dynamik, denn wer das 20te Jhd. nur ein wenig kennt, weiß zu welchem Zweck Verschwörungen nutzbar gemacht wurden und wie viele Abertausende die logikbereinigten Häppchen der Mächtigen nur zu bereitwillig schluckten.
Ronson zeigt am Anfang eines neuen Jahrtausendes auf, dass der Glaube ein simplifizierte Erklärungen keineswegs tot ist, geschweige denn gemildert wurde durch die Erkenntnisse der Ergebnisse der Katastrophen der letzten hundert Jahre.
Nein, der "Jude an sich" ist noch immer die Wurzel allen Übels & Statthalter des Kapitals und natürlich auch schuld an Klimawandel, der entlaufenen Freundin, dem Aufkommen der persönlichen Impotenz und natürlich auch an der Niederlage des Lieblingsvereins.

Mich schockierte, wie bereitwillig Menschen (abseits aller Bildungsstände) akzeptieren, was andere ihnen vorsetzen. Dabei war es nicht das Wissen um die Bequemlichkeit, welche mich tief erschütterte, sondern diese bereitwillige Aufgabe der eigenen Mündigkeit, das Schleifen der Skepsis, die Abkehr von jeglicher Instanz der (In-)Fragestellung.

Marionetten am Gängelband der Ideologie, mitten unter uns, so beschreibt Ronson seine Interviewpartner. Aber er lässt den Menschen, der diese Klischees perpetuiert nie in den Hintergrund treten, sondern legt die Widersprüchlichkeiten dieser Menschen schonungslos offen. Dies tut er aber zumeist mit einem feinsinnigen, ironischen Humor, der meines Erachtens hervorragend geeignet ist um diese Aura der absoluten Ernsthaftigkeit, mit welcher sich diese Herren (denn erstaunlicherweise ist der weibliche Anteil der Verschwörungsgläubigen eher gering) gerne umgeben grundlegend zu beschädigen.

Denn, Omar Bakri, ein gegen all das Verkommenene (natürlich westliche) hetzender Hassprediger, der Coca-Cola-Sammelbüchsen durchaus ok findet für die allfreitagliche Dschihadkollekte & der mit seiner Tochter immer wieder "König der Löwen" anschaut und dabei alle Songs freudig mitpfeifen kann verliert rasch Glaubwürdigkeit.
Ronson gelingt es aber auch die Interviewpartner zu ironisieren ohne sie bloßzustellen, er argumentiert niemals aus einer Position der moralischen Überheblichkeit, sondern stets mit kleinen feinen Spitzen, der Kapiteltitel "Ein Reihenhaus-Ayatollah" kann hier durchaus als stellvertretend gelten.

Aber eine ganz so lustige Neck-den-Extremisten-Sause waren die Recherche dann doch nicht immer.
Der Reihenhausayatollah stellt Ronson während des Besuchs eines Militantencamps im englischen Hochland als Juden bloß. Eine mehr als nur brenzliche Situation für den Nichtpraktizierenden Ronson. Daniel Pearl hatte da weniger Glück - sein Verbrechen, welches seine Häscher zur weltweit ersten Videohinrichtung durch Enthauptung anspornte war seine kulturelle Herkunft, eine Größe, welche je nach Deutung aber genetisch festgefressen ist und somit unabänderlich.
Auch Ronson hätte aufgrund der beiläufigen Bemerkung sein Leben verlieren können, aber dieses Faktum stellt er ohne Heldenposen und Manierismen dar, meines Erachtens ein weiterer Beleg für die hohe Qualität des Buches.

Der Autor trifft auch auf andere, weniger lächerliche Figuren als Bakri. Während seiner Recherchen rund um die Vorfälle von Ruby Ridge und um die Weaver-Family kommt es zu Kontakten mit amerikanische Radikalen aus dem Umfeld der christlichen Milizen, der Aryan Nations und anderer militanter Gruppen. Die Eskalation von Ruby Ridge ist für viele Anhänger einer rechtsextremistischen Weltsicht ein Kristallationspunkt im Kampf gegen die verhasste, satanistische Staatsgötze der USA. Die inzwischen fast verfallene Hütte der Weavers ist heute zu einem Pilgerort für amerikanische Radikale geworden, David Koresh rekrutierte hier oftmals seine Schafe und Timothy McVeigh - der später als der Oklahoma Bomber traurige Berühmtheit erlangte kehrte hier ein, bevor er seine Pläne fasste.

Ronson gelingt es hier die Wurzeln eines extremistischen Verständnisses von Staatshass offen zu legen, die oftmals nur mit Begriffe wie problematische soziale Herkunft, rassistische Weltanschauung usw. bagatellisiert werden. Er macht ein geschlossenes Verweissystem von Bezügen sichtbar, auf die sich die verschiedensten Gruppierungen geeinigt haben. Hier geht es nicht um den Preis für die kreativste konspirologische Idee, sondern um die Mobilisierungstechniken des rechtsextremistischen Lagers. Das erfrischende und erlösende Lachen über diese Spinner bleibt hier einfach mal quer im Halse stecken.

Aber Ronson muss auch bei verschiedenen Theorien Abschied nehmen von der Möglichkeit diese durch begriffslogische Analysen der Lächerlich preisgeben zu können. David Icke - früher ein englischer Fussballprofi und später (!!!) Sprecher der Grünen - stellte die Theorie auf, dass die geheimen Herrscher der Welt 3-4 Meter große - sich an Kinderblut labende - ausserirdische Reptilien sind. Ja, richtig ausserirdische Reptilien beherrschen uns, erklärt alles.

Nun denkt sich der in der Dekonstruktion von Spinnern geübte Ronson, dieser Fall sollte leicht lösbar sein, man muss ihn (Icke) überführen, dass diese Begriffe bloß Chiffren sind, die sich auf andere Personengruppen (Bilderberger, Juden, vatikanische Ordensritter, satanistische Rädelsführer usw. - die angebotene Auswahl im Buch ist recht groß) beziehen.

Aber Ronson muss erkennen, dass Icke entweder ein brillanter, mit allen Wasser gewaschener PR-Stratege ist oder - was näher liegt - einfach vollkommen wahnsinnig.
Nichtsdestotrotz hat Icke ein großes Publikum - einerseits die Yellowpressfernsehsender, die den etwas befremdlichen Menschen mit den lustigen Ideen gerne mal ausstellen, aber auch (und dieses Faktum ist für mich wirklich erschreckend) fanatische Anhänger, die für ihn - mit nicht geringen finanziellen Mittel - eine groß angelegte (und stets ausverkaufte) Lesetour durch die Staaten organisierten.

Im Buch findet man noch andere bizarre Figuren, wie zum Beispiel eine Gruppierung von rechtsoffenen Journalisten, die keinerlei anderen Zweck verfolgt als die Aufdeckung der Bilderbergertreffpunkte zu betreiben, einen evangelikalen Missionar auf neo-kolonialistischer Tour durch Afrika, einen PR-Vertreter des Klans, der die Mitglieder auf eine politisch korrekte Sprache einschwört, welche auf das N-Wort verzichtet und einen neureichen Rumänen, der mit anderen Auktionsteilnehmern um die Socken & Pyjamas von Ceausescu feilscht.

Alles in allem ein hochspannendes Buch, welches meine Wahrnehmung von Verschwörungslogiken sicherlich geschärft hat, mich unterhalten und geängstigt hat. Möglicherweise muss man Spinner bereits früher ernst nehmen, wenn sie ihre Zielvorstellungen erst formulieren, bevor sie zur Tat schreiten.

Hitlers Wahn war gut dokumentiert und auch bei Shinrikyo's Aum-Sekte wusste man im Vorfeld mehr als man nach der Tat zuzugeben bereit war. Man kann - und man sollte - über diese Spinner lachen, aber man sollte sie dennoch immer ernst nehmen und auch ihrem im Wahn formulierten Zielen auf den Grund gehen.

Diese Lektion hat mich Ronson mit seinem Buch gelehrt, bleibt abzuwarten, ob es als Nischenprodukt sackschwer in den Bibliotheken & Büchereien liegen bleibt oder ob es einen Grundstock legen kann für eine breitere Aufeinandersetzung mit dem Problem des Extremismus ... ich würde es mir wünschen!

Und ja. Ich muss ja sagen die Herren liegen allesamt falsch, die Herrscher dieser Welt residieren natürlich in Legoland *G*, aber pssst!

Käuflich erwerbbar ist das Buch hier.

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