Freitag, 27. März 2009

Firewater - The Golden Hour oder Punkpolitics 2.0



Ich liebe Platten, denen eine Anekdote, ein Gerücht um ihre Entstehungsgeschichte anhaftet, einfach weil sich diese Platten durch ihr Aroma deutlich von den kalt kalkulierten Produkten abheben, die uns sonst untergeschoben werden.

Die holde Pheme will wissen, dass diese Platte das Resultat eines freiwilligen Exils sein soll. Sie flüstert verschwörerisch von einer Landflucht, von einer globalen Reise, einer Exkursion in fremde Länder, mit dem Ziel das eigene Herkunftsland hinter sich zu lassen. Von einer ethnologischen Forschungsfahrt der anderen Art.

Tod Ashley - seines Zeichens Ex-Sänger & Ex-Bassist der Band Cop shoot Cop und weitere Indie-Hochkaräter aus den Bandzirkeln von Foetus & Jesus Lizard bilden zusammen Firewater, die in ihren Songs gallig-schwarzen Songwriterfolk mit Soul-, Ska-, Klezmer- und Kabarettelementen verquicken und somit einen (hochprozentigen) ordentlich tanzbaren und hübsch eigenständigen Klangcocktail zusammenmischen.

Ihre Lyrics bestechen (ganz ähnlich wie bei der Vorgängerband) durch eine dreiste Offenherzigkeit im Umgang mit der Deutung der Wahrheit ... nicht jeder sieht in GWB einen Rabauken & Clown, aber wenn man es so charmant begründet & besingt wie Ashley es zu belieben tut, dann kann man auch gerne mal laut lachen während man auf dem Tanzflur umherwirbelt. File under: Textheft macht mich lachen :).

Aber zurück zur Platte:
Das Gerücht rund um dieses Album behauptet, dass Tod Ashley exakt am Tage von Bushs unerklärlichen Wiederwahl die Staaten verlassen wollte, weil er einen gewaltigen Unwillen gegen die demokratische Unbedarftheit seiner Landsleute verspürt hatte. Gegen ein Gemeinwesen, welches diesen befremdlichen Menschen trotz massiver Manipulationsvorwürfe und absurder Gottesehrfurcht nochmals als Präsidenten bestätigte und gegen ein Parlament, welches seine Kontrollfunktion bereitwillig aufgab und diesen Präsidenten mit der größten - bis dato - dargewesenen Macht ausstattete.

Ob dieses charmante Gerücht in allem Nuancen richtig ist - ist eigentlich eher beiläufig. Gut klingen tut es allemal :).

Fakt jedoch ist, dass Ashley in seinem dreijährigen Sabbatical quer durch die Welt gereist ist & an den verschiedensten Orten mit lokalen Musikern wundervolle und eindrückliche Songs voller flüchtiger Reiseeindrücke aufgenommen hat.
Dabei ist die Instrumentierung auch sehr weit von der klassischen Indierockplatte entfernt, Trombone, Tumba, Chimta, Dholki, Talka, Dhol & Oud sind bloß einige der Instrumente, die das Booklet benennt.
Man erkennt, dass diese musikalische Hybridisierungsabsicht ernsthafte Grundlagen hat. Kein marktorientierter Ethno/Weltmusik-Kolonialismus sondern eine tatsächlich demokratische Fusion der Kontaktmomente.
Und genau diese Energie macht The Golden Hour zu dieser besonderen Platte, jedes Lied steckt voller Emotion, voller Inbrunst (um mal richtig altdeutsch zu bloggen) und krankt an keiner Stelle an einer geschickt inszenierten pseudo-weltoffenen Geschmäcklerei.

Großartig finde ich ich in diesem Fall, dass er diese Reise nicht bloß als luxuriöses Karrierepimpen vollzogen hat, sondern auch seine ganz persönlichen und zumeist hochpolitischen Wahrnehmungen sorgfältig in einem Blog dokumentiert hat.
Dieser aufmerksame Weltenbummler besuchte dabei nicht nur Länder "auf die seine Landsleute sonst nur Bomben werfen" wie der deutsche Produkttext von der deutschen Amazone fahrlässig & fälschlicher behauptet (es sei denn ich habe einen vollständigen us-amerikanisch/israelischen Krieg verschlafen und auch einige andere, aber geschenkt Polemiken sind eben verkaufsfördernd ;)) ... sondern richtigerweise Länder zu denen die amerikanische Öffentlichkeit eine besondere oder eher spezielle Diskursposition hat, namentlich: Israel, Indonesien, Pakistan, Afghanistan, Indien, Türkei & Thailand.

Ich habe den Blog mit großen Interesse, Genuss & Gewinn gelesen und denke, dass er auch ein vollständigeres Bild von den musikalischen Entstehungszusammenhängen schafft als diese radikal verkürzende catchin' phrase bei amazon.

Aber auch ohne das ausführliche Blogstudium kann man dieses Kleinod sehr gut genießen ... man kann Bier oder Wein dazu reichen, ein Faktum, welches bedauerlicherweise eben nicht jede Platte erfüllen kann, weil sie sich zu sehr von einer Seite vereinnahmen lässt. Firewater funktioniert wunderbar in der Ubahn, um die gegenübersitzenden Senioren mit dem stets taktaffinen Herumgewackel des Beins zu enervieren, aber auch hervorragend als dekorative Klangkulisse beim Kochen mit Freunden, mit guten freunden (denn, wer wirft schon gerne Perlen vor die Säue?) und zum Tobetänzken mit Bierchen ohnehin.

Einen tatsächlichen musst-du-nun-unbedingt-hören-und-nein-ich-dulde-auch-keinerlei-widerrede-song auszuwählen fällt mir anhand der hohen Qualität dieses Albums wirklich schwer ... entscheidet selbst.
Ich für meinen Teil liebe die Stimmung von Borneo und die herrlich ironisierende Abrechnung mit GWB namens Hey, Clown , aber es steht euch frei andere Vorlieben zu entwickeln :).



Viel Vergnügen bei einer Platte voller spannender Gerüchte & bei einer kurzweiligen all-inclusive-Reise in 14 Songs um die Welt.

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