Dienstag, 31. März 2009

Eine Kulturgeschichte der chemischen Beschleunigung


Die Edition Nautilus ist ein kleener feiner Independentverlag aus Hamburg der einfach alles richtig macht.
Ein klitzekleiner Blick ins Programm zeigt, hier gesellt sich die großartige Belletristik neben etwas abseitige, aber dennoch hochspannende Sachbücher & eben um eines dieser Bücher soll es heute gehen.

Hans-Christian Dany: Speed. Eine Gesellschaft auf Droge.

Der Autor hat in einer ausgedehnten achtjährigen Materialsammelphase rund um das synthetische Aufputschmittel verschiedenste Quellen gesichtet, ausgewertet und neu zusammengefügt, ein besonderes Augenmerk seiner Forschung richtete sich dabei auf die Nutzung von Aufputschmitteln in Wissenschaft, Militär, Wirtschaft und Kunstzusammenhängen.

Der im hanseatischen Raum ansässige Künstler und Autor verwischt bei seinen Beschreibungen sehr raffiniert die Grenzen zwischen nüchterner wissenschaftlicher Beschreibung, literarischer Felderkundung und faktenverliebten Zwischentönen.
Der hieraus entstandene Hybrid zeichnet sich durch seine lockere Lesbarkeit und den starken assoziativen Sog aus.

Dany beginnt bei der Entstehungs- (und Erfolgs-)Geschichte der aufputschenden Substanz, die zunächst als Asthmamittel, Heuschnupfenmittel und Antidepressiva Verwendung finden sollte und deren chemische Struktur (Alpha Methyl Phenyl Ethyl Amine) heute unter ihrem Kurznamen Amphetamin weltberühmt ist.

Hierbei streift er in einem gerafften historischen Abriss die ersten Versuche der körpertechnologischen Experimente, berichtet von dem deutschen Feldarzt Theodor Aschenbrand, der 1883 den Soldaten im Feld mit Kokain versetzte Wasserflaschen aushändigte und über die ausdauernde Kampfbereitschaft gänzlich entzückt war.

Von der natürlich vorkommenden Substanz zur industriell gefertigten Synthetikdroge waren es von dort nur noch einige wenige Schritte.
Diesem Weg wird anhand der Geschwindigkeitshörigkeit der Futuristen, welche die Substanz in Pillenform nur allzu bereitwillig als Verbesserungsdroge einsetzten, aber auch anhand der chemisch abgesicherten Umgestaltung des Körpers bzw. der Körpergestalt Beachtung geschenkt.

Dieser Gebrauch wird anhand des Fallbeispiels von Judy Garland illustriert. Die junge Frau war als Hauptrolle im Wizard of Oz besetzt und die Produzenten betrachteten die natürliche hormonelle Formung des Mädchenkörpers mit ablehnenden Gefühlen.
Um den idealtypischen Körperbild des Kindes entsprechen zu können wurde Garland mithilfe von Benzedrine (damals ein auch in Deutschland legal erhältliches Asthmamittel mit hohem Amphetamingehalt) visuell konditioniert.
Die hochdosierten Medikamente bremsten die pubertätsbedingten Ausformungen des Körpers und hielten ihn somit in der artifiziell erzeugten (und erwünschten) Form des kindlichen Körpers fest.
Der Song, welcher sie weltberühmt machen sollte -Somewhere over the rainbow- (Video hier) ist ein vielsagendes Zeitdokument, welches die chemische Konditionierung augenscheinlich werden lässt. Die durch den erbetenen Stimulanzienmissbrauch geweiteten Pupillen dieser chemisch erschaffenen Kindfrau wirken heute erschreckend und abstossend, damals waren sie jedoch Produkt und Ergebnis der Produzentenabsichten.

Es muss – denke ich – nicht weiter ausgeführt werden, dass die junge Dame niemals wieder richtig ins Leben zurück fand und mit 47 elendig an einem Medikamentenmix zugrunde ging.

Ein weiteres dominantes Thema des Buches ist der drogenbeeinflusste Krieg.

Er findet bei Dany einen sehr großen Raum, der stilistisch clever aufgefächert wird. Während er zunächst noch distanziert-nüchtern von den überdrehten, übersprudelnden Feldpostbriefen der Landser im Ersten Weltkrieg schreibt, welche unter Drogeneinfluss seltsamen Fronteindrücke an die Heimatfront sandten, zitiert er ganz beiläufig aus Benns psychoaktiver Prosa mit dem vielsagenden Titel „Unter der Großhirnrinde“. Dieses Changieren zwischen literarischer Form und dokumentierenden Sachtext macht den großen Reiz des Textes aus. Ernst Jüngers Auftritt in diesen Schilderungen ist ein obligatorischer, versteht sich.

Die eher experimentelle und nicht flächendeckende Nutzung des chemischen Beschleunigers wird nun in den Nachkriegsjahren forciert in den militärischen Strategien und Körperkonzepten fest verankert. Ludendorff selbst verfasste eine drogenbejahende Schrift mit dem sprechenden Titel: Der totale Krieg.
Aufgeputscht zum Sieg. Mit Propaganda abgespeist und mit Drogen diszipliniert stürmte man dann auch bald europaweit.

So überrascht es nicht, dass der sogenannte Blitzkrieg vor allem ein körperchemisch aufgewerteter Krieg war. Sämtliche Waffengattungen wurden gezielt mit dem Medikament Pervetin zu Höchstleistung im Daseinskampf geputscht. Die Drogenkontrollen der Friedenszeiten wurden zur Seite gefegt.
Das kostengünstig zu produzierende Präparat verschmolz ein weiteres Mal die beiden Merkmale des nationalsozialistischen Weltanschauungshorizonts, einmal mehr fanden reaktionäres Politikverständnis und modernste Technologie zusammen. Die Körpermaschinen der Landser on dope standen für alles was sich die Futuristen in ihren Pamphleten erträumt hatten.

Doch es sollte nicht alleine bei der gezielten Ausreizung der Körpergrenzen bleiben, auch die Waffentechnologien folgten der beschleunigten Entwicklung. Ernst Udet, der später von Carl Zuckmayer verkitschte Generalluftzeugmeister, entwarf in seinen Pervetinexzessen den gefürchteten Sturzkampfbomber, einmal mehr standen die visuellen Phantasien der Futuristen Pate.
Er sprach diesen, den Schnitter verspottenden Angriffsmodus des Sturzangriffs eine weitere aufpeitschende Wirkung zu, welche den Sinnen der Flieger weiteres Vergnügen und den Gegner Todesfurcht bereiten sollten. Der Zusammenschluss zwischen Körper- und Maschinentechnologie war greifbar.

Aber nicht nur der später in Ungnade gefallene (und wie so oft in diesen Fälle mit allen militärischen Ehren beigesetzte) Luftterrorpioneer fand Gefallen an den Pulvern und Pillen, nein auch dieser merkwürdige Mann mit dem Schäferhund nutzte ihre Potentiale.

Ein Volk, ein Reich, ein Führer (on dope).

Um Danys unterhaltsamen Stil ein wenig vorzustellen möchte ich jetzt (zu Ende hin) ein knappes Zitat einstreuen, welches mich heute in der Ubahn sehr belustigt hatte. Sogar noch mehr als die ungläubigen bis wissenden Blicke auf den Buchrücken *G*.

Bis heute erzählen sie Speed-Freaks wilde Geschichten über Adolf Hitlers Hang zu Metamphetamin. Fraglos schätzte der Führer der Deutschen die Droge. Anfänglich hielt er sie wohl, wie es allgemein in der von ihm erfundenen Wirklichkeit behauptet wurde, für ein Mittel, um die eigene Leistung zu erhöhen. […] Hitlers Nerven beginnen von den vielen Aufputschmittel zu flattern. […] Im Herbst 1944 kauert Hitler nur noch matt auf seinem Sofa und glotzt magnetisiert in Richtungen, wo nichts zu erkennen ist. Was seine Untergebenen als zupackendes Temperament kannten, springt nur noch bei Heißhunger auf Schokolade oder in Wutausbrüchen an.
[Dany: Speed, S. 54f.]


Soso, der Führer als schokoladensüchtiges Wrack, erwartbarerweise belustigen mich nun alte & vor allem neue Nazis, welche diesen Herrn bewundern nochmals mehr.

Ich könnte noch mehr Details anschleppen und dieses kleine Buch weiterloben, aber ich möchte es zunächst noch zu Ende lesen.

Also wer eine gut lesbare, unterhaltsame Fachauseinandersetzung mit der Thematik sucht, dem kann ich diese fußnotenfreie, stellenweise sehr assoziative Kulturgeschichte einer Droge, welche sehr eng mit der fortschreitenden Industrialisierung verknüpft ist nur anraten.
Eine Thematik übrigens, welche das perfekt gewählte Coverdesign ganz perfide aufgreift!

1 Kommentar:

capslock- hat gesagt…

passend dazu
http://www.psi-tv.tk/die-geschichte-des-amphetamins-speed-referat-von-hans-christian-dany-23-09-2009